Hat das NRW-Innenministerium den Fall Lügde von Anfang an unterschätzt?

Lothar Schmalen

  • 0
Die Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas V. ist in den vergangen Wochen oft durchsucht worden - immer wieder tauchten neue Beweise auf.  - © Guido Kirchner/dpa
Die Parzelle des Hauptverdächtigen Andreas V. ist in den vergangen Wochen oft durchsucht worden - immer wieder tauchten neue Beweise auf.  (© Guido Kirchner/dpa)

Düsseldorf. Hat das Düsseldorfer Innenministerium Ausmaß und Bedeutung des tausendfachen Kindesmissbrauchs von Lügde von Anfang an unterschätzt? Die Frage stellt sich nach der Lektüre der Antworten von Innenminister Herbert Reul (CDU) auf die Fragen von SPD und Grünen zu dem Fall. Obwohl das Ministerium bereits seit dem 11. Januar wusste, dass möglicherweise 30 oder noch mehr Kinder Opfer des schweren sexuellen Missbrauchs geworden sind, sind die Ermittlungen erst drei Wochen später, nämlich am 31. Januar, dem Polizeipräsidium Bielefeld als Kriminalhauptstelle für Ostwestfalen-Lippe übertragen worden. 

Reul begründet dies damit, dass es für das Innenministerium keinen Grund gegeben habe anzunehmen, dass die Polizei in Lippe "die weiteren Ermittlungen nicht sachgerecht wahrnehmen würde". Bereits seit dem 13. Dezember wusste das Innenministerium. dass von dem Missbrauchsfall mindestens acht, seit dem 16. Dezember, dass mindestens neun Kinder Opfer wurden. Aber erst nach einer Pressekonferenz (Pk) der Polizei Lippe und der Staatsanwaltschaft Detmold am 30. Januar, in der das ganze Ausmaß des Falls auch öffentlich wurde, hat das Ministerium reagiert. Einen Tag nach der Pk erging der Erlass, dass nun das Polizeipräsidium Bielefeld die Ermittlungen übernehmen soll.

Keine Hoffnung mehr, die Datenträger wiederzufinden

In Lippe waren eine Wochen nach der ersten Durchsuchung des Tatortes auf dem Campingplatz in Lügde zunächst lediglich vier Beamte in einer Ermittlungskommission "Camping" mit dem Fall befasst, ab dem 17. Dezember dann acht Beamte. Erst als die Polizei in Bielefeld übernahm, wurde eine große Einheit mit 51 Beamten gebildet.

Wegen der verschwundenen Beweismittel (155 CDs) ermittelt die Staatsanwaltschaft Detmold seit dem 6. März gegen Unbekannt wegen Diebstahls. Auch das geht aus den Antworten von Reul auf die Fragen der SPD-Fraktion hervor. "Die Hoffnung, dass sich die Datenträger schon wieder auffinden ließen, hat sich damit wohl erledigt", sagte Christian Dahm (Vlotho), stellvertretender SPD-Fraktionsvorsitzender im Landtag.

Vorhandene Beweismittel reichen wohl für eine Verurteilung aus

Inzwischen schließt offenbar auch Innenminister Herbert Reul nicht mehr aus, dass der schludrige Umgang mit den Beweismitteln fatale Auswirkungen auf das Strafverfahren gegen die Verdächtigen haben dürfte. Hatte er diese Auswirkungen zuletzt noch geleugnet, so heißt es jetzt auf entsprechende der SPD-Fraktion lediglich: "Die Ermittlungen dazu dauern an." Reul will offenbar auch nicht mehr ausschließen, dass weiteres Beweismaterial fehlt oder eventuell manipuliert worden ist.

Der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter glaubt dennoch, dass die vorhandenen Beweismittel für eine Verurteilung der Verdächtigen ausreichen. In einer WDR-Interview sagte er, die sichergestellten Dateien seinem in dem verfahren nicht die Hauptbeweismittel. "Viel mehr sind es die Zeugenaussagen, die wir mittlerweile vorliegen haben."

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2019
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!