Interview mit Sonderermittler Wünsch: "Die Beweise sind erdrückend"

Lothar Schmalen

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Eine Mulde mit entsorgten Teilen steht vor der bereits zum Teil abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald im Ortsteil Elbrinxen. - © dpa
Eine Mulde mit entsorgten Teilen steht vor der bereits zum Teil abgerissenen Parzelle des mutmaßlichen Täters auf dem Campingplatz Eichwald im Ortsteil Elbrinxen. (© dpa)

Lügde. Sonderermittler Ingo Wünsch spricht im Interview über die Ermittlungen im Kindesmissbrauchsfall Lügde, Polizeipannen und seine künftige Arbeit als Leiter der Stabsstelle Kindesmissbrauch/Kinderpornografie.

Herr Wünsch, haben Sie in Lippe eine Spur der verschwundenen Datenträgern gefunden?

Ingo Wünsch: Als ich nach Lippe kam, waren die Datenträger ja schon seit mehr als 50 Tagen verschwunden. Von daher waren die Chancen, sie zu finden, eher gering. Wir haben dennoch alles noch einmal auf den Kopf gestellt und alle Beteiligten befragt. Ziel war, Hinweise auf den Verbleib der Asservate zu erlangen und festzustellen, wie es überhaupt zum Verlust kommen konnte. Nach wie vor ist der Verbleib unklar.

Haben Sie überhaupt noch Hoffnung, dass die Beweismittel wiedergefunden werden?

Wünsch: Zumindest wollen wir sie nach wie vor wiederfinden, ich und übrigens auch die ganze Kreispolizeibehörde Lippe. Schließlich wollen wir auch wissen, warum sie verschwunden sind.

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Was sind die schwersten Fehler, die der Polizei in Lippe bei den Ermittlungen im Fall Lügde unterlaufen sind?

Wünsch: Da geht es insgesamt um kriminalfachliche Maßnahmen. Zum Beispiel der Umgang mit Asservaten, teilweise deren Sichtung sowie Durchsuchungsmaßnahmen waren mangelhaft. Besonders kritisch waren die fehlende Struktur und das Fehlen von verantwortlicher Führung im gesamten Verfahren.

Befürchten Sie, dass die Ermittlungsfehler Auswirkungen auf das Strafverfahren haben ?

Wünsch: Das ist natürlich Sache der Justiz. Ich bin jedoch aus kriminalfachlicher Sicht davon überzeugt, dass die vorliegenden Beweise erdrückend sind.

Ist es nicht fatal, dass durch die Ermittlungsfehler der Polizei das Leid der Kinder und ihrer Familien zu sehr in den Hintergrund gerückt ist?

Wünsch: Die Fehler müssen natürlich deutlich und offen benannt werden. Dass die Medien sie mehr in den Vordergrund stellen als die unsägliche Tat als solche, liegt nicht in der Hand der Polizei.

Wie beurteilen Sie die Arbeit der Polizei in Minden-Lübbecke im Fall des verdächtigten Physiotherapeuten aus Oeynhausen?

Wünsch: Da wurde nach der erfolgreichen Durchsuchung am 8. März 2019 sehr professionell und schnell gearbeitet. Kritisch ist lediglich, dass das Verfahren mit Eingang im November 2017 nicht als zu priorisieren betrieben worden ist.

Warum hat es im Fall Lügde so lange gedauert, bis die Ermittlungen an das Polizeipräsidium Bielefeld übertragen wurden, während die Übertragung im Fall Bad Oeynhausen an das PP Dortmund sehr schnell ging ? Haben das LKA und das Innenministerium aus den Fehlern im Fall Lügde gelernt?

Wünsch: Die beiden Fälle sind nicht vergleichbar. Die Kreispolizeibehörde Lippe hat zu keinem Zeitpunkt erkennen lassen, dass sie nicht in der Lage wäre, das Verfahren sachgerecht zu führen. Auch die Staatsanwaltschaft hatte keine Bedenken. Die Kreispolizeibehörde Minden-Lübbecke dagegen hat am Tag der Übernahme durch Dortmund gesagt, dass sie wegen der sich abzeichnenden Dimension nicht mehr in der Lage ist, das Verfahren aus „eigener Kraft" weiter zu führen.

Geht die Polizei insgesamt zu lax mit Ermittlungen im Bereich Kinderpornografie und Kindesmissbrauch um?

Wünsch: Auf keinen Fall. Die Verfahren stellen die Polizei schon wegen der riesigen Datenmengen vor riesigen Herausforderungen. Übrigens nicht nur in Nordrhein-Westfalen. Dafür Lösungen zu finden, ist eine der wesentlichen Aufgaben für mich als Leiter der neuen Stabsstelle im Innenministerium.

Beide Polizeibehörden, in denen schwere Fehler bei den Ermittlungen passiert sind, sind Landratsbehörden. Muss die Struktur der Kreispolizeibehörden überdacht werden?

Wünsch: Grundsätzlich bearbeiten auch Landratsbehörden sehr professionell komplexe Verfahren. Aber natürlich wird bei meiner Arbeit alles überprüft.

Sie übernehmen in Kürze die Leitung der neuen Stabsstelle Kindesmissbrauch/Kinderpornografie im NRW-Innenministerium. Was wird dort ihre erste Amtshandlung sein?

Wünsch: Zunächst erfolgt die Bestandsaufnahme der polizeilichen Befassung mit diesem Thema. Da werden die Kreispolizeibehörden, das Landeskriminalamt und weitere Experten einbezogen.

Was sind die wichtigsten Aufgaben dieser Stabsstelle?

Wünsch:Wichtig ist: Keine Denkverbote! Und dann natürlich die Entwicklung praktisch umsetzbarer kurzfristiger, mittelfristiger und langfristiger Lösungen, damit mehr Fälle von Kinderpornografie und Missbrauch schneller und besser aufgeklärt werden.


Ingo Wünsch

Sonderermittler im Missbrauchsskandal Lügde: Ingo Wünsch - © Ministerium des Innern des Lande
Sonderermittler im Missbrauchsskandal Lügde: Ingo Wünsch (© Ministerium des Innern des Lande)

Ingo Wünsch (53) ist Kriminaldirektor mit 30 Jahren Polizeierfahrung und war unter anderem Dozent an der FH für öffentliche Verwaltung. Wünsch ist zudem Spezialist für die Sicherung, Aufbereitung und Auswertung von IT-Asservaten. Ende Januar ernannte NRW-Innenminister Reul (CDU) Wünsch zum Sonderermittler im Fall Lügde. Nach den Osterferien nimmt Wünsch seine Arbeit als Leiter der neuen Stabsstelle Kinderpornografie/Kindesmissbrauch im Innenministerium auf.

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