Missbrauchsfall Lügde: Mario S. - Vom Mitläufer zum monströsen Mittäter

Janet König

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Mit diesem Aufsitzrasenmäher soll Mario S. Kinder auf dem Campingplatz herumgefahren haben.  - © Janet König
Mit diesem Aufsitzrasenmäher soll Mario S. Kinder auf dem Campingplatz herumgefahren haben.  (© Janet König)

Lügde. Das Langericht Detmold hat erste Details aus der Anklageschrift gegen Mario S. veröffentlicht. Damit ist nun auch die Anklage gegen den dritten Beschuldigten im Fall Lügde bei seinem Verteidiger eingegangen. Darin wird klar: Auch Mario S. soll sich schon vor 20 Jahren an Kindern vergangen haben.

Insgesamt 45 Seiten umfasst die Anklageschrift gegen den Steinheimer, der von seinem Umfeld stets als "netter großer Junge" beschrieben wurde. Die Staatsanwaltschaft Detmold wirft dem 34-Jährigen in 162 Fällen vor allem sexuellen und schweren sexuellen Missbrauch von Kindern sowie die Herstellung kinderpornographischer Schriften vor, heißt es in der Mitteilung. Die Taten sollen im Zeitraum von 1999 bis zum 11. Januar 2019 auf dem Campingplatz „Eichwald" in Lügde-Elbrinxen und in Steinheim begangen worden sein. Die Anklageschrift führt 17 Opfer auf.

Er war kein Mitläufer

Laut Informationen von LZ und RND soll Mario S. immer wieder Kinder in den elterlichen Partykeller in Steinheim gelockt haben. Hier soll er sie auch missbraucht und zu sexuellen Handlungen gezwungen haben. Vor knapp vier Jahren habe Mario S. seine eigene Parzelle auf dem Campingplatz "Eichwald" gemietet, davor habe der Steinheimer laut Staatsanwaltschaft im Wohnwagen eines langjährigen Bekannten gewohnt. Auch die Enkelkinder des Mannes sollen teilweise unter den Opfern sein.

Auf dem Campingplatz habe Mario S. scharenweise Kinder auf einem Aufsitzrasenmäher mit Anhänger durch die Gegend gefahren, erinnern sich viele Bewohner. Keiner habe sich dabei etwas gedacht, schließlich habe es den Kindern Spaß gemacht, heißt es. Mario S. soll im heimischen Keller darübr hinaus immer wieder an Fahrrädern geschraubt und diese auch für Nachbarskinder repariert haben. Auch vor seiner Baracke auf dem Campingplatz stapelten sich reihenweise Kinderfahrräder, die er möglicherweise als Lockmittel nutzte. Er sei ein wahrer Kindermagnet gewesen, sagt sein Verteidiger Jürgen Bogner.

Dem Rechtsanwalt aus Blomberg sei bei der näheren Lektüre der Ermittlungsakte deutlich geworden, dass sein Mandant nicht einfach mehr als Mitläufer bezeichnet werden könne, wie ihn die Öffentlichkeit zunächst wahrgenommen hatte. Auch mit der Bezeichnung einer Kompizenschaft zwischen Andreas V. und Mario S. tue sich Bogner schwer. "Mein Mandant hat sehr eigenständig gehandelt", sagte Bogner. Dennoch soll es unter den Hauptbeschuldigten einen Austausch gegeben haben. Da sich einige Kinder in ihren Vernehmungen, die Andreas V. überführen sollten, auch an Mario S. erinnerten, seien die Ermittler laut Oberstaatsanwalt Ralf Vetter auf den 34-Jährigen aufmerksam geworden.

4806 Dateien mit Kinderpornos

Drei Taten soll Mario S. als Jugendlicher und zwei weitere als Heranwachsender begangen haben. Ein Gutachten schätzt den mutmaßlichen Täter als voll schuldfähig ein. Die Opfer – darunter acht Mädchen und neun Jungen – sollen zur Tatzeit alle minderjährig gewesen sein. Unter ihnen befinden sich laut Auszug der Anklage sechs Mädchen, die auch von Andreas V. missbraucht worden sein sollen. Im Januar 2019 stellten die Beamten bei Mario S. 4806 Bild- und Videodateien mit kinder- und jugendpornographischem Inhalt sicher. Teilweise habe Mario S. das Material selbst hergestellt.

Sechs Kinder – darunter vier Mädchen und zwei Jungen – soll der Steinheimer in 48 der angeklagten Fälle vergewaltigt  oder ähnliche sexuelle Handlungen an ihnen vorgenommen haben. Der Missbrauch soll in allen Fällen mit dem Eindringen in den Körper verbunden gewesen sein.

Verteidiger Jürgen Bogner bestätigte gegenüber der LZ die Zustellung der Anklageschrift, zu weiteren Details könne er sich aber zum jetzigen Zeitpunkt nicht äußern. "Das ist ein umfangreiches Verfahren, das ich nun erst einmal in aller Ruhe durcharbeiten werde", sagte Bogner. Er habe seinem Mandanten zur Zusammenarbeit mit den Ermittlungsbehörden geraten und hoffe weiter auf dessen Aussagebereitschaft. Nur so könne den Opfern eine Aussage vor Gericht erspart werden.

Gab es frühe Hinweise?

Darüber hinaus zeichnen sich nun Hinweise ab, dass Mario S. genau wie der Dauercamper Andreas V. möglicherweise schon früher hätte gestoppt werden können. Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll die Staatsanwaltschaft Paderborn in den Jahren 2004 und 2013 gegen Mario S. wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch von Kindern ermittelt haben. Beide Verfahren seien dem Bericht zufolge eingestellt worden. Außerdem soll es für Mario S. im Jahr 2017 ein Kontaktverbot gegeben haben, nachdem ein Kind einer Jugendamts-Mitarbeiterin in Höxter erzählt haben soll, es müsse bei Mario im Bett schlafen und der Mann küsse es auf den Mund.

Nach Informationen der LZ soll auch der 21-jährige Mann mit geistigen Einschränkungen, gegen den seit Mitte April im Fall Lügde wegen des Verdachts auf sexuellen Missbrauch ermittelt wird, regelmäßig bei Mario S. auf dem Campingplatz übernachtet haben. Er könnte möglicherweise selbst Opfer geworden sein.

Die Jugendschutzkammer des Landgerichts Detmold prüfe derzeit die Zulassung der Anklage zur Hauptverhandlung. Ziel ist es, die Strafverfahren gegen Andreas V., Heiko V. und Mario S. zusammenzulegen.

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