Missbrauch in Lügde: Tauch-Freund spricht über den Hauptverdächtigen

Holger Kosbab

Zeugnis der Vergangenheit: Dieses Foto zeigt Andreas V. in einem Taucheranzug. - © Jochen Roth
Zeugnis der Vergangenheit: Dieses Foto zeigt Andreas V. in einem Taucheranzug. (© Jochen Roth)

Paderborn/Lügde. In Jochen Roths Kopf spukt eine Frage herum: „Hätte man das ändern können?" Damit meint der zweifache Familienvater aus Paderborn die Missbrauchsfälle von Lügde. Denn durch sein Hobby, das Tauchen, war er einige Jahre lang mit dem Hauptverdächtigen Andreas V. enger bekannt.

Wie der Spiegel zuerst berichtete, haben sich beide 2005 bei einem Tauchlehrgang in Paderborn kennengelernt und die Ausbildung 2006 beendet. Ab da waren sie für gut dreieinhalb Jahre Tauchkumpels, die ihr Hobby verband, sagt Peter Roth in seiner Wohnung im Herzen Paderborns.

Denkt derzeit viel an früher: Jochen Roth ist zusammen mit Andreas V. getaucht. - © Holger Kosbab
Denkt derzeit viel an früher: Jochen Roth ist zusammen mit Andreas V. getaucht. (© Holger Kosbab)

Immer wieder habe Andreas V. Kinder dabeigehabt. Vor allem im Jahr 2009. „Doch er hatte immer Erklärungen parat", sagt Roth, während er auf seinem Handy Fotos von den gemeinsamen Tauchausflügen zeigt, auf denen auch Mädchen zu sehen sind, die am Ufer sitzen. Und da er und die anderen ja zum Tauchen da gewesen seien, habe man dies so hingenommen. „Die Taucher waren alle Familienväter", erzählt Roth (51), der zwei Töchter (24 und 9) hat. Wenn ein Kind geweint hätte oder es Hinweise auf Gewalt gegeben hätte, „dann hätte man anders reagiert". Mittlerweile wisse er, dass V. die Kinder massiv unter Druck gesetzt habe.

"Die Opfer sollen Gerechtigkeit erfahren"

„Wir haben schon gesehen, dass da viele Kinder waren", sagt Roth. Doch V. habe das immer mit dem Hinweis abgetan, dass die aus der Nachbarschaft seien. Außerdem sei V. „ja extrem beliebt gewesen bei den Leuten", erzählt Roth. „Er war für alle nur der Adi."

Ein Tagestreffen ließ die beiden auch in den Nesthauser See in Paderborn-Sande steigen. Da seien jedoch nur Jugendliche mitgetaucht, sagt Roth. Keine Kinder. Einmal war Roth auch auf dem Campingplatz in Lügde. Den Zustand von V.s Campingwagen beschreibt er als chaotisch. Und eins könnten die Medien gar nicht beschreiben: den Gestank, der sich im Inneren breit machte.

Als Roth einmal zu einem Tauchausflug im thüringischen Nordhausen war, hatte V. dort seinen Campingwagen stehen, in dem er offenbar mit Kindern gewohnt habe. Dabeigewesen sei auch ein zehnjähriges Mädchen, das selbst tauchen sollte. Als Roth meinte, dass sie zu jung sei, da erst ab etwa 14 Jahren getaucht werde, habe Andreas V. gemeint, „dass sich das Mädchen das als Belohnung verdient habe, es sei schon in Ordnung".

"Die Kinder waren wie Zombies"

Hätte er damals die Warnsignale erkannt, dann hätte er etwas getan. Im Nachhinein und durch die Berichterstattung über die Missbrauchsfälle sei ihm klar geworden, dass die Kinder – bis auf eine Ausnahme stets Mädchen – immer total ruhig waren. „Die waren wie Zombies", sagt Roth.

Nachdem die Vorfälle in Lügde bekannt wurden, fasste Jochen Roth einen Entschluss. Am 1. Februar machte er bei der zuständigen Polizei in Detmold eine Aussage zu seinem früheren Tauchkumpel Andreas V. Und er übergab Fotos und Videos. Ihm wurde bestätigt, dass eines der Mädchen auf einem der Bilder von V. missbraucht worden sei.

Nachdem er drei Wochen lang nichts hörte, rief er am 22. Februar bei der mittlerweile zuständigen Polizei Bielefeld an und fragte, wie es weitergehe und ob seine an die Detmolder Kollegen übergebenen Hinweise in Bielefeld angekommen seien. Zu hören bekam er nur, dass er nicht glaube, „was hier für ein Chaos herrscht". Man werde sich wieder melden. Den Rückruf der Polizei gab es dann am 4. März. Alles sei da, es werde nichts mehr benötigt, wurde ihm gesagt. Insgesamt habe er sich als Zeuge nicht besonders ernst genommen gefühlt, sagt Roth.

Was Roth bei seiner Aussage und seinem offenen Auftreten auch gegenüber dieser Zeitung antreibt, ist Hoffnung: So wie er Fotos hat, auf denen der Hauptverdächtige Andreas V. und häufig auch Kinder zu sehen sind, die er mitgebracht habe, so müsse es doch auch andere Taucher geben, die mal das eine oder andere Bild mit dem Handy aufgenommen haben. Wenn sich auch diese bei der Polizei meldeten, dann könnten möglicherweise weitere Opfer identifiziert werden. „Es liegt mir wirklich daran, dass noch mögliche weitere Opfer ermittelt werden", sagt Roth. „Und dass sie Gerechtigkeit erfahren."

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