Saal 165 - © Bernhard Preuss

Lügde/Detmold
Missbrauchsfall Lügde: Der Mammutprozess in Saal 165

Saal 165 (© Bernhard Preuss)

Lügde/Detmold. Die drei Hauptbeschuldigten im Fall Lügde müssen sich nun vor dem Detmolder Landgericht für 500-fachen sexuellen Missbrauch sowie für die Herstellung und den Besitz von Kinderpornografie verantworten. Der Prozess beginnt am Donnerstag, 27. Juni. Die Dimensionen sind gewaltig. Sehen Sie die Ausmaße des Falls in einem Dokumentarfilm der Lippischen Landes-Zeitung.

Drei Monate und zehn Verhandlungstage sind für den größten Missbrauchsprozess in NRW bisher angesetzt. Die Kammer unter der Vorsitzenden Anke Grudda, die schon den Detmolder Auschwitzprozess leitete, hat 53 Zeugen geladen – darunter Opfer, Eltern und einen Polizisten. Ein größerer Fall ist im Saal 165 noch nicht verhandelt worden.

Die Vorbereitungen sind für das Detmolder Landgericht eine Herausforderung. Zuschauer, Medienvertreter und mehr als 20 Anwälte werden bei der Verhandlung erwartet.

Der Saal 165 im Detmolder Landgericht - © Bernhard Preuss
Der Saal 165 im Detmolder Landgericht (© Bernhard Preuss)

Vor dem Gericht: Hier gibt es die üblichen Sicherheitskontrollen – wer ins Gerichtsgebäude will, muss sich ausweisen. Zum Lügde-Prozess gibt es auch zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen – wer in den Saal möchte, muss durch eine zweite Sicherheitsschleuse. „Damit wollen wir gewährleisten, dass keine Waffen in den Gerichtssaal gelangen", sagt Landgerichtssprecher Dr. Wolfram Wormuth. Zusätzlich würden Wachtmeister aus dem umliegenden Amtsgerichten angefordert. Darüber hinaus will die Polizei gemeinsam mit dem Ordnungsamt Anfang der Woche ein Sicherheitskonzept erarbeiten. Bisher sind keine Demonstrationen angemeldet worden.

Im Gerichtssaal: Es wird eng im Landgericht. 17 Anwälte, die 27 Opfer vertreten, müssen Platz finden. Und auch die Nebenkläger haben ein Anrecht auf einen Platz. Dafür wurde der größte Saal des Landgerichts – der Raum 165 - umgestaltet. Rund 20 kleine Tische mussten neu angeschafft werden – die wurden alle in einer JVA hergestellt und kosten nicht die Welt, sagt Wormuth. Zum Prozessbeginn sollen die Tische rechtzeitig geliefert werden, damit die Anwälte der Nebenklage Arbeitsplätze haben.

Zuschauer: Aus Platzgründen können jeweils nicht mehr als 30 Zuhörer den Prozess im Saal verfolgen. Wer als erstes da ist, bekommt den Platz. Der Einlass erfolgt jeweils 90 Minuten vor Verhandlungsbeginn. Zuhörer müssen wie Journalisten Handys und Tablets abgeben. Außerdem dürfen Zuhörer keine Taschen bei sich tragen. Die Besucher erhalten am Eingang eine Kontrollkarte, die sie beim Verlassen des Gerichts wieder abgeben müssen. Die Karte wird dann an den nächsten Interessenten weitergegeben.

Medienvertreter: 30 Journalisten konnten sich für den Prozess akkreditieren. Neun Plätze davon sind für deutsche Print- und Onlinemedien vorgesehen, sieben für Fernsehsender, vier Sitze für den Rundfunk. Die restlichen Plätze gehen an Presseagenturen, freie Journalisten und Auslandsmedien. Nach der aktuellen Liste sind einige Kontingente nicht ganz ausgeschöpft worden, daher gibt es sechs Plätze, die für Journalisten ohne Akkreditierung oder Tagesinteressenten frei bleiben. Medienvertreter müssen Handys, Laptops und Tablets abgeben. Im Austausch gibt es eine Platzkarte für den Saal. Das Landgericht stellt den Journalisten für Pausen und nicht-öffentliche Teile der Verhandlung die Bibliothek als Arbeitsbereich zur Verfügung. Höchstwahrscheinlich wird der Prozess oft unter Ausschluss der Öffentlichkeit stattfinden.

Die Zeugen

Das Aufenthaltsraum kann mit Videotechnik ausgestattet werden. Dann könnten hier auch kindliche Zeugen vernommen werden. - © Jannik Stodiek
Das Aufenthaltsraum kann mit Videotechnik ausgestattet werden. Dann könnten hier auch kindliche Zeugen vernommen werden. (© Jannik Stodiek)

Die Jugendschutzkammer hat bisher 53 Zeugen geladen, darunter Opfer, Elternteile und zwei Polizisten. Kindliche Zeugen müssen ihre Aussage, sollte sie nötig sein, nicht unbedingt im Gerichtssaal machen. Laut Landgerichtssprecher Wolfram Wormuth besteht die Möglichkeit, den Aufenthaltsraum für die Kinder per Videotechnik in ein Vernehmungszimmer umzugestalten. In kindgerechter Atmosphäre könnten die Vernehmungen hier unter Ausschluss der anderen Prozessbeteiligten stattfinden und in den Saal übertragen werden. Die entsprechenden Vorkehrungen habe die Kammer noch nicht beantragt.

Sollten kindliche Zeugen doch im Gerichtssaal aussagen müssen, besteht die Möglichkeit, die Angeklagten rauszuschicken.

Die Verteidiger

Rechtsanwalt Johannes Salmen vertedigt Andreas V.. - © Archivfoto: Bernhard Preuss
Rechtsanwalt Johannes Salmen vertedigt Andreas V.. (© Archivfoto: Bernhard Preuss)

Andreas V. (56) wird von Rechtsanwalt Johannes Salmen aus Lage vertreten.

Die Vorwürfe gegen Andreas V.: Die Anklageschrift gegen den Hauptbeschuldigten Andreas V. beinhaltet rund 300 Fälle sexuellen Missbrauchs. Der 56-Jährige sitzt bereits seit dem 6. Dezember 2018 im Gefängnis. Während der U-Haft hat Andreas V. gegenüber der Polizei Namen von Mittätern genannt. Der Detmolder Oberstaatsanwalt Ralf Vetter bestätigte das „Aussageverhalten" des Hauptverdächtigen. „Ob sich seine Kooperation auszahlt, wird sich noch zeigen", sagte der Oberstaatsanwalt. Doch zu seinen eigenen Taten schweigt der Dauercamper beharrlich. Andreas V. drohen 15 Jahre Haft plus Sicherungsverwahrung.

Das sagt der Verteidiger: Ein Gutachten zur Frage der Schuldfähigkeit von Andreas V. lehnt der Lagenser Jurist derzeit ab. Nachdem Andreas V. im April Polizei und Staatsanwaltschaft den Namen eines 21-jährigen Mittäters genannt hatte, sei er nun auch bereit, „die Taten schnell aufzuklären", sagt Johannes Salmen. Sein Ziel sei es, dass den Opfern eine Aussage während des Prozesses erspart bleibe. Der Mandant würde sich nicht verschließen.

Rechtsanwalt Jürgen Bogner verteidigt Mario S. - © Silke Buhrmester
Rechtsanwalt Jürgen Bogner verteidigt Mario S. (© Silke Buhrmester)

Mario S. wird von Rechtsanwalt Jürgen Bogner (Foto) aus Blomberg vertreten.

Die Vorwürfe gegen Mario S.: Der 34-jährige Steinheimer sitzt seit dem 11. Januar in U-Haft und muss sich wegen 162-fachen sexuellen Missbrauchs verantworten. Die Taten sollen von 1999 bis 2019 auf dem Campingplatz Elbrinxen und in dem Mehrfamilienhaus in Steinheim, in dem S. mit seinen Eltern lebte, begangen worden sein. Seit 2016 hat er eine Parzelle am oberen Rand des Campingplatzes gemietet, knapp fünf Gehminuten von Andreas V. entfernt. Bereits 2004 und 2013 ermittelte die Staatsanwaltschaft Paderborn gegen ihn wegen sexuellen Missbrauch. Die Verfahren wurden eingestellt. Ihm drohen 15 Jahre Haft sowie Sicherungsverwahrung.

Das sagt der Verteidiger: Der Blomberger Rechtsanwalt Jürgen Bogner verteidigt als Pflichtverteidiger Mario S. – er hatte ihn auch 2013 schon vertreten: „Die Eltern sind schockiert und können es nicht glauben. Sie sind gesundheitlich sehr angeschlagen." Laut Bogner habe die Sachverständige bei Mario S. keine Anzeichen für eine verminderte Schuldfähigkeit festgestellt. Knapp 100 Seiten umfasse das Gutachten, in dem Mario S. auch keinerlei psychische Störungen attestiert würden. Er wolle seinen Mandanten überzeugen, umfänglich auszusagen, um den jungen Opfern eine Aussage zu ersparen und den Prozess nicht in die Länge zu ziehen.

Verteidiger Jann Popkes verteidigt Heiko V. - © Janet König
Verteidiger Jann Popkes verteidigt Heiko V. (© Janet König)

Heiko V. (49) wird von Jann-Henrik Popkes (Foto) vertreten.

Die Vorwürfe gegen Heiko V: Der dritte Mann, der auf der Anklagebank Platz nehmen muss, ist ein 49-Jähriger aus Stade, der 2010 und 2011 an vier Sex-Livechats teilgenommen haben soll. Auf ihn sind die Ermittler gestoßen, weil ein Opfer, das Ende vergangenen Jahres bei der Polizei Anzeige wegen Missbrauchs erstattete, sich genau an seinen Namen erinnern konnte – bei den Gesprächen übers Internet habe er seinen Klarnamen benutzt. Bei Durchsuchungen hatten die Ermittler tausende Videos und Bilder mit kinderpornografischem Inhalt gefunden. Doch der Stader, der die Taten einräumt, hatte immer wieder betont, dass er kein Kind angefasst habe.

Das sagt der Verteidiger: „Mein Mandant hat die Vorwürfe eingeräumt und sitzt trotzdem noch in U-Haft", so kommentiert der Schlänger Rechtsanwalt die erfolglosen Versuche, seinen Mandanten vorzeitig aus der Haft zu holen. Dem 49-Jährigen sei in zwei Chats mit Andreas V. ein Mädchen förmlich angepriesen worden, mindestens bei einem Videochat sei das Opfer von Andreas V. auch sexuell berührt worden. Das und den Besitz von Kinderpornos habe der 49-Jährige eingeräumt. „Er will damit den Kindern die Aussage ersparen", so Popkes. Sein Mandant hoffe, dass die anderen Tatverdächtigen seinem Beispiel folgen werden.

Auf der Seite der Staataanbwaltschaft hatte Oberstaatsanwalt Ralf Vetter im Interview mit LZ und dem Redaktionsnetzwerk schon angedeutet, dass nur ein Geständnis sich strafmildernd auswirken könnte.

Die Staatsanwaltschaft

Die Staatsanwältinnen Helena Werpup und Jaqueline Kleine-Flaßbeck werden den Fall im Gericht begleiten.    - © Janet König
Die Staatsanwältinnen Helena Werpup und Jaqueline Kleine-Flaßbeck werden den Fall im Gericht begleiten.    (© Janet König)

Die kleinste Staatsanwaltschaft Nordrhein-Westfalens bearbeitet seit mehr als sechs Monaten den derzeit größten Missbrauchsprozess des Landes. Von 17 Staatsanwälten sind 4 mit den Missbrauchsfällen Lügde beschäftigt – zwei davon mit nichts anderem. Die Staatsanwältinnen Jacqueline Kleine-Flaßbeck und Helena Werpup, beide Dezernentinnen für Sexualdelikte, werden die Detmolder Staatsanwaltschaft im Prozess vor dem Detmolder Landgericht vertreten. Das Duo wird gemeinsam an den Sitzungen der Jugendschutzkammer teilnehmen – auch das ist ein Indiz für die enorme Bedeutung des Falls für die Juristinnen, die Teil eines der größten Strafverfahren der lippischen Justiz sind.

Die Kammer

Richterin Anke Grudda ist Vorsitzende der Jugenschutzkammer - © Friso Gentsch/dpa
Richterin Anke Grudda ist Vorsitzende der Jugenschutzkammer (© Friso Gentsch/dpa)

Der Prozess gegen die Angeklagten startet am 27. Juni vor der 3. Strafkammer – der Jugendschutzkammer – am Detmolder Landgericht. Anke Grudda ist seit Anfang 2018 Vorsitzende Richterin der Kammer. Die Juristin hat schon 2016 den Detmolder Auschwitz-Prozess geleitet. Ihre Prozessführung wurde von allen Seiten äußerst gelobt.

  • Beisitzerin: Richterin am Landgericht Sabine Tegethoff-Drabe
  • Berichterstatterin: Richterin am Landgericht Heide Günther
  • Ergänzungsrichterin: Richterin Dr. Jessica Tonius
  • Schöffen: Zwei Hauptschöffen: eine Frau, ein Mann
  • Protokollantin

Die Opferanwälte

Daneben werden 17 Anwälte im Gericht sein, die insgesamt 27 Opfer als Nebenkläger vertreten. Diese haben bestimmte Rechte. Sie können zum Beispiel Beweisanträge stellen. (Anmerkung der Redaktion: Nicht alle Rechtsanwälte wollten namentlich genannt oder abgebildet werden)

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Verteidiger der Nebenklage Teil I (© LZ)
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Vertreter der Nebenklage Teil II (© LZ)

Sehen Sie die Ausmaße des Falls Lügde in einem Dokumentarfilm der Lippischen Landes-Zeitung. Der Film dokumentiert das perfide Vorgehen der mutmaßlichen Täter, aber auch die tragische Rolle der Behörden. Begleiten Sie die Redaktion auf der Suche nach einer Antwort auf die Frage, wie der jahrzehntelange Kindesmissbrauch in Lügde unentdeckt bleiben konnte.

Video auf YouTube

Die Chronik des Verbrechens

  • 30. Januar 2019: Die Öffentlichkeit wird über den Fall Lügde informiert – die Rede ist von 23 Opfern. Inzwischen sind es mindestens 41.
  • 1. Februar 2019: Die Ermittlungskommission „Eichwald" bei der Polizei Bielefeld übernimmt die Ermittlungen von den Lippern. Am 5. Februar stellt sich Hamelns Landrat Tjark Bartels auf einer Pressekonferenz hinter die Mitarbeiter seines Jugendamts. Später muss er massive Fehler einräumen.
  • 21. Februar 2019: Innenminister Herbert Reul gibt bekannt, dass 155 CDs/DVDs mit Beweisen bei der Kreispolizeibehörde Lippe verschwunden sind. Die Polizei hatte den Verlust am 30. Januar bemerkt, die Staatsanwaltschaft wusste davon seit dem 13. Februar.
  • 22. Februar 2019: Bei einer weiteren Durchsuchung werden im Wohnwagen von Andreas V. weitere 131 CDs, ein Computer und eine Festplatte gefunden. Es werden Bauzäune aufgestellt, um die Parzellen von V. und Mario S. zu sichern. In Lippe müssen der Kripo-Chef und der Polizeidirektor ihre Posten räumen.
  • 14. Mai 2019: Die Detmolder Staatsanwaltschaft erhebt Anklage gegen Andreas V. und Heiko V.. Mit Verzögerung folgt die Anklage gegen Mario S. am 23. Mai.

Termine

  • Donnertag, 27. Juni, 9 Uhr
  • Freitag, 28. Juni, 12 Uhr
  • Donnerstag, 4. Juli, 9 Uhr
  • Freitag, 5. Juli, 9 Uhr
  • Freitag, 12. Juli, 12 Uhr
  • Donnerstag, 1. August, 9 Uhr
  • Freitag, 9. August, 12 Uhr
  • Donnerstag, 15. August, 9 Uhr
  • Freitag, 16. August, 9 Uhr
  • Freitag 30. August, 9 Uhr

Sollten weitere Termine anberaumt werden, werden diese durch das Landgericht mitgeteilt.

Information
Alle Artikel zum Missbrauchsfall Lügde lesen Sie hier.


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von Janet König und Erol Kamisli

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