Missbrauchsfall Lügde: Familienhelfer mit Erinnerungslücken

Lothar Schmalen

  • 0
Auf diesem Campingplatz wurden über Jahrzehnte Kinder sexuell missbraucht. - © Picture Alliance / Guido Kirchner / dpa
Auf diesem Campingplatz wurden über Jahrzehnte Kinder sexuell missbraucht. (© Picture Alliance / Guido Kirchner / dpa)

Düsseldorf. Die Umstände des schweren Kindesmissbrauchs auf dem Campingplatz von Lügde werfen immer mehr Fragen auf. Dem Sozialwerk Sauerland, das den später verurteilten Haupttäter Andreas V. und seine jahrelang von ihm missbrauchte Pflegetochter von November 2016 bis April 2018 betreut hat, lagen mindestens zwei Dokumente des Jugendamtes Hameln vor, in denen von einem Verdacht auf Pädophilie und Kindesmissbrauch die Rede war.

Trotzdem wollen die Familienhelfer, die von dem Sozialwerk bei Andreas V. eingesetzt wurden, nichts davon gewusst haben. Das zumindest haben sie vor dem Untersuchungsausschuss des Düsseldorfer Landtags im Fall Lügde ausgesagt.

"Ich weiß nicht mehr, ob ich das gelesen habe"

Die beiden Dokumente: In dem Bewilligungsbericht des Jugendamtes an das Sozialwerk Sauerland vom 14. November 2016, der so etwas wie einen Auftrag formulierte, war zu lesen, dass darauf geachtet werden solle, ob sexueller Missbrauch vorliege. Zum anderen lag dem Sozialwerk das Protokoll einer sogenannten "Entscheiderkonferenz" des Jugendamtes Hameln über den Fall V. aus dem Herbst 2016 vor, in dem unter anderem ausführlich vom Verdacht auf sexuellen Missbrauch die Rede war. Einer der Familienhelfer vor dem Untersuchungsausschuss: "Ich weiß nicht mehr, ob ich das gelesen habe."

Fatal war wohl auch, dass im Fall des Pflegevaters Andreas V., gegen den bereits mehrere Missbrauchshinweise vorlagen, zunächst zwei Familienhelfer mit der Betreuung beauftragt wurden, die wenig Berufserfahrung hatten und offenbar auch über keinerlei Fachwissen in Bezug auf sexuellen Kindesmissbrauch verfügten. Warum das Jugendamt Hameln den Auftrag dennoch an diese Familienhelfer erteilt hat und ob dies mit dazu beigetragen hat, dass V. gegenüber den Sozialarbeitern die trügerische Fassade eines sorgenden Pflegevaters aufrecht erhalten konnte, ist eine der drängenden Fragen dieses Missbrauchsfalls.

Hinweise auch aus der Kita

Folgt man den Einlassungen der Familienhelfer vor dem Untersuchungsausschuss weiter, hat ihnen das Jugendamt Hameln weitere Hinweise auf sexuelle Gewalt von Andreas V. gegen das ihm anvertraute Mädchen vorenthalten. Weder über die Hinweise eines Vaters auf sexuellen Missbrauch wenige Wochen vor der Übernahme der Familienhilfe durch das Sozialwerk im August 2016 noch über das Insistieren einer Blomberger Jobcenter-Mitarbeiterin wegen ihres Verdachts auf sexuellen Missbrauch im Fall V. hätten die Jugendämter Hameln und Lippe sie informiert.

Die Überschneidung der Zuständigkeit der beiden Jugendämter ergibt sich daraus, dass das Pflegekind aus dem Kreis Hameln-Pyrmont stammt, der Pflegevater mit dem Mädchen aber auf einem Campingplatz im Kreis Lippe lebte. Auch von dem sehr eindeutigen Hinweis einer Psychologin des heilpädagogischen Kindergartens, in den die kleine Pflegetochter ging, wonach Andreas V. möglicherweise pädophil sei und sein Verhalten nur taktisch sei, habe sie nichts gewusst, sagte eine Familienhelferin im Ausschuss.

"Wir fühlten uns nicht ernst genommen"

Später, nach einem Wechsel bei den Mitarbeitern des Sozialwerks Sauerland, verschlechterte sich das Verhältnis zwischen V. und der Familienhelferin. Es eskalierte schließlich, bis die Sozialarbeiterin sich im März 2018 massiv bedroht fühlte. Auch wollte V. mit der Frau nicht mehr zusammenarbeiten. Nach einer erneuten Gesamtbeurteilung der Situation meldete das Sozialwerk dem Jugendamt Hameln sogar, dass hier ein Fall von "massiv chronisch gefährdetem Kindeswohl mit Tendenz zur akuten Gefährdung" vorliege.

Darauf habe es keine Reaktion des Jugendamtes Hameln gegeben Und als das Sozialwerk bei der Rückgabe des Auftrags ein Abschlussgespräch mit der zuständigen Jugendamtsmitarbeiterin in Hameln geführt habe, "haben wir uns nicht ernst genommen gefühlt", berichtete die Leiterin der Regionalstelle Detmold des Sozialwerks dem Ausschuss.

Erst Ende 2018 ist dann die massive sexuelle Gewalt gegen Kinder auf dem Campingplatz in Lügde aufgedeckt worden. Dort sind über Jahre bis zu 30 Kinder sexuell missbraucht worden. Die beiden Haupttäter, Pflegevater Andreas V., den selbst die Familienhelfer nur "Addi" nannten, und Mario S., sind inzwischen vom Landgericht Detmold zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt worden.

Copyright © Lippische Landes-Zeitung 2020
Inhalte von lz.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

0 Kommentare
0 Kommentare

Das Kommentieren ist nur mit einem gültigen LZ-Plus-Zugang möglich. Jetzt testen!