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Oerlinghausen

Stadtgeschichte: Wie ein gesamter Berg verschwunden ist

Oerlinghausen. Es ist wohl der größte Natureingriff, den Oerlinghausen je erlebte – ein ganzer Berg verschwand im Laufe von 150 Jahren. Ein Kalkofen neben dem heutigen Sportplatz fraß einen kompletten Höhenzug am Barkhauser Berg auf. Denn Kalk war ein begehrter Baustoff in früheren Zeiten. Und da die Dorfschaft Oerlinghausen dank der günstigen Gesteinsschichten auf der Nord- und auf der Südseite des Teutoburger Waldes über große Vorkommen verfügte, wurden die Kalklager im großen Stil abgebaut. Brennöfen für das Kalkgestein standen in Helpup, in Währentrup und am großen Kalkwerk am Barkhauser Berg.

Die Kaufmannsfamilie Tenge aus Rietberg erwarb um 1815 nicht nur das Gut Niederbarkhausen, sondern auch ein riesiges Berggebiet am Sennerand östlich der Dorfschaft Oerlinghausen, den Barkhauser Berg. Unternehmenschef Friedrich Ludwig Tenge kaufte seinerzeit ein kleines Wirtschaftsimperium unter Regie seiner Domäne Rietberg zusammen: zum Beispiel die Holter Eisenhütte, einige Sägewerke, Ziegeleien und Glasfabriken und auch die Dalbker Papiermühle.

Einen weiten Blick vom (noch) hohen Bergkamm hatten Spaziergänger um 1955 auf das Kalkwerk. Im Bild oben links sind die ersten Gebäude der Firma Hanning zu sehen. - © Stadtarchiv
Einen weiten Blick vom (noch) hohen Bergkamm hatten Spaziergänger um 1955 auf das Kalkwerk. Im Bild oben links sind die ersten Gebäude der Firma Hanning zu sehen. (© Stadtarchiv)

Für viele seiner Baumaßnahmen brauchte er den Rohstoff Kalk. Zudem ließ sich das gebrannte Material sehr gut verkaufen. Schon Mitte des 19. Jahrhunderts eröffnete er deshalb einen Steinbruch am Barkhauser Berg. Sein Nachfahre Harald Tenge begann später mit einer Produktion im professionellen Stil.

Ein Aussichtspunkt auf das Naturschutzgebiet mit Informationen des Nabu. Dort wo jetzt ein tiefer Krater liegt, erstrecke sich früher ein Ausläufer des Barkhauser Bergs. - © Horst Biere
Ein Aussichtspunkt auf das Naturschutzgebiet mit Informationen des Nabu. Dort wo jetzt ein tiefer Krater liegt, erstrecke sich früher ein Ausläufer des Barkhauser Bergs. (© Horst Biere)

Selbst die Bruchsteine wurden genutzt und dienten als Schotter

Im Tagebau schlugen Arbeiter das Gestein aus dem Berg oder sprengten es heraus. Man zerkleinerte das Material mit Hammer und Meißel und in Brecher-Anlagen und brannte in großen Brennöfen daraus den Kalkmörtel, den man zum Häuserbau einsetzte. Als Düngekalk wurde das Material auch in der Landwirtschaft verwandt. Und selbst die Bruchsteine wurden genutzt, denn ein Teil des Kalksteins wurde ungebrannt verkauft und diente als Schotter, Splitt oder Sand.

Bis zum Ersten Weltkrieg hatten die Arbeitskolonnen schon einen beträchtlichen Teil an der Südwestseite des Barkhauser Berges abgebaut. Doch die wirtschaftliche Situation für Tenges Betrieb wurde im Zuge des Krieges und in der Inflationszeit nicht besser, so dass Familie Tenge 1922 den Kalkbetrieb verpachtete.

Heinrich Obermeier übernahm als Pächter den kleinen Tagebaubetrieb mit dem angeschlossenen Brennofen. „In den sogenannten Ringöfen brauchte man für einen Brennvorgang, der etwa drei Tage dauerte, um die 30 Zentner Kohle und zwei Raummeter Buchenholz", ermittelte Ortshistoriker Werner Höltke bei Recherchen zu dem Kalkabbau.

1928 gab es wieder einen Betreiberwechsel. Damals übernahm Familie Foerth aus Helpup das Kalkwerk und baute gleich einen weiteren Ringofen neben das alte Brenngebäude. Auch das Umfeld des Kalkofens änderte sich in jener Zeit. Denn durch den immer populärer werdenden Fußballsport hatte sich der Oerlinghauser Sportverein gleich nebenan eine große Fläche als Fußballfeld mit zwei Toren hergerichtet. 1936 baute die Stadt Oerlinghausen den „Acker" am Kalkofen in ein vernünftiges Fußballfeld um. Zeitgleich ging nebenan ein neues Freibad in Betrieb.

Erst nach dem Zweiten Weltkrieg begann sich die Landschaft deutlich zu verändern, denn in den Aufbaujahren der Nachkriegszeit brauchte man Kalk, Zement und Steine ohne Ende. Immer größere Teile des Barkhauser Berges wanderten in die Brennöfen oder wurden zu Schotter gemahlen.

Viele ältere Oerlinghauser können sich noch daran erinnern, dass sie als Kinder die buchenbestandenen Hänge mit Skiern hinabgefahren sind – hinunter in die Skikuhle. Das war in den 1960er Jahren immer wenig möglich, denn statt des baumbestandenen Hangs gähnte ein immer größer werdendes Loch in der Landschaft. Der Schutzzaun um das Abbaugebiet wurde immer länger. Und die Sprengungen im Berg erschütterten oftmals das angrenzende Betonbecken des Freibades.

In den 1990er Jahren wurde das Ende des Kalkabbaus eingeläutet. Zwar übernahm die Baufirma Vollmer noch bis 1997 einen Teil des Abbaugebietes. Aber der weitaus größere Bereich des ehemaligen Tagebaus ging tatsächlich an die Natur zurück. Bereits 1991 gelang es dem Bund für Vogelschutz, sich den ruhigen hinteren Teil des felsigen Abbaugebietes zu sichern. Und die Vogelschützer übergaben das Gelände an den NABU, den Naturschutzbund Deutschland. Heute nisten im ehemaligen Tagebaugelände viele seltene Vogelarten. Der Bergsalamander und viele andere Krötenarten sind hier wieder heimisch geworden. Die Natur ist zurückgekehrt in den Oerlinghauser Bergbau.

Heinz Sielmann drehte Anfang des Jahrtausends einen Naturfilm

Hohe öffentliche Aufmerksamkeit erhielt das neue Felsenareal durch den Besuch des Biologen und Naturfilmers Heinz Sielmann, der Namensgeber der hiesigen Schule. Mit einem Kamerateam drehte Sielmann dort Anfang der 2000er Jahre einen Naturfilm. Er stellte in seinem Film ebenfalls die günstige Lage des Oerlinghauser Kalkabbaugebietes für den Naturschutz und die Artenvielfalt dar. Den Vorteil für die Tierwelt bildete offenbar die Wärme vor den sonnenbeschienenen Felswänden, die den Grund des Steinbruchs stärker als die Umgebung erwärmte. Dadurch siedelten sich hier auch wieder selten gewordene Tierarten wie die Kreuzkröte oder die bedrohte Bergeidechse an. Auch Fledermäuse seien in größeren Populationen anzutreffen.

Heute die große Kraterlandschaft, die einmal ein Teil des Barkhauser Bergs war, abgeschirmt von neugierigen Passanten, so dass sich die Tier- und Pflanzenwelt in Ruhe weiterentwickeln kann. Für interessierte Zaungäste richteten die Oerlinghauser Naturschützer einen kleinen Aussichtspunkt an der Südseite des Naturgebietes ein.

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