Die Geschichte der Russlanddeutschen

Knut Dinter

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Nike Alkema, Leiterin des St.-Hedwigs-Hauses, und Museumsdirektor Kornelius Ens verfolgen dasselbe Ziel. Sie möchten Vorurteile und Missverständnisse über Russlanddeutsche abbauen. - © Knut Dinter
Nike Alkema, Leiterin des St.-Hedwigs-Hauses, und Museumsdirektor Kornelius Ens verfolgen dasselbe Ziel. Sie möchten Vorurteile und Missverständnisse über Russlanddeutsche abbauen. (© Knut Dinter)

Oerlinghausen. „Früher in Russland war ich ein Deutscher, hier bin ich heute ein Russe.“ Dieser Ausspruch kennzeichnet das Lebensgefühl vieler Menschen mit deutschen Wurzeln, nachdem sie die Staaten der früheren Sowjetunion verlassen haben. Unverstanden und nicht richtig angekommen, finden sie sich zwischen allen Stühlen wieder. Wie es dazu kam, erläuterte Kornelius Ens, Direktor des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte in Detmold. Auf Einladung der Heimvolkshochschule St.-Hedwigs-Haus hielt er einen Vortrag im Bürgerhaus.

Es begann vor mehr als 250 Jahren. 1763 bewirkte Zarin Katharina II. die Ansiedlung von tausenden deutschen Bauern. Hatten sie im russischen Reich anfangs noch einen Sonderstatus, verloren sie immer mehr Rechte. Mehr als 2 Millionen Menschen wanderten aus. Nach 1920, zu Zeiten der Sowjetunion, galten die Russlanddeutschen als Feinde und wurden als Faschisten beschimpft. Durch einen Erlass Stalins von 1941 wurden 700.000 von ihnen deportiert, mehr als 300.000 kamen in Arbeitslager, bis zu 200.000 wurden hingerichtet.

"Ein Teil der Geschichte ist verlorengegangen"

Da die „Erzähler von Kultur“ wie Lehrer und Pfarrer nun nicht mehr da waren, gab es niemanden, der die Ereignisse vor 1930 noch berichten konnte. „Ein Teil der Geschichte ist verlorengegangen“, sagte Ens. Vor 40 Jahren wurde er in Leopoldshöhe geboren und habe sich erst mit Mitte 20 auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit begeben. Es sei wichtig, die eigene Geschichte zu kennen, denn sie vermittele Sinn, Würde und Geborgenheit. Heute leben in der Bundesrepublik 2,4 Millionen Deutschstämmige aus den post-sowjetischen Staaten; zählt man die Nachkommen hinzu, kommt man auf insgesamt 4 Millionen Menschen.

"Doppelte Diktaturerfahrung"

Sie bilden jedoch keine einheitliche Gruppe, wie Ens betonte. Sie unterscheiden sich durch ihre Herkunftsländer, ihre Konfession und ihre persönlichen Erfahrungen. Allerdings treten sie zumeist sehr unsicher und zurückhaltend auf. Denn die meisten seien anfangs der deutschen Sprache nicht mächtig gewesen und hätten nie gelernt, sich aktiv in die Gesellschaft einzubringen. „Russlanddeutsche gelten als auffällig unauffällig“, sagte Ens. „Sie sehen sich als Opfer.“ Eindringlich warb er dafür, die Russlanddeutschen als Teil der deutschen Geschichte zu akzeptieren. „Denn der Stalin-Erlass war eine Reaktion auf die nationalsozialistischen Verbrechen. Insofern haben wir eine doppelte Diktaturerfahrung.“

Um eine echte Integration zu erreichen, müsse die Geschichte der Russlanddeutschen mehr bekannt gemacht werden, meinte Ens. Er wünsche sich deshalb Informationen in Schulbüchern und „einen richtig guten Spielfilm, denn der könnte Türen öffnen“. Als Institut für Migrations- und Aussiedlerfragen leiste das St.-Hedwigs-Haus hier wertvolle Arbeit, lobte er. „Es bringt Menschen zusammen, ermöglicht gemeinsames Erleben und Austausch. Das ist unglaublich bedeutsam und kann durch Lehrbücher und digitale Formate nicht erreicht werden.“

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