Schieder-Schwalenberg. Die Sonne steht ziemlich tief an diesem Wintertag, noch ist der Schwalenberger Burgberg dick mit der weißen Pracht bedeckt. Ganz leise quietscht unterhalb des alten Gemäuers das Gartentor des Hauses Burgberg 1, und der Schnee knirscht unter den Schritten auf dem Fußweg zur Haustür, vorbei an der Hütte, an die eine alte hölzerne Gefängnistür gelehnt ist. „Beware the Ghost“ - „Achtung, Geist“ - verkündet eine kleine Plakette über der Haustür, die jetzt ein schlanker Mann mit lockigem Haar in Jeans und blauem Hemd öffnet. Er ist Jahrgang 1971, zweifacher Vater und hat einen festen Händedruck. Er strahlt aus dunkelblauen Augen und führt die Besucherin durch einen lichten Vorraum, vorbei an diversen Maschinen und Werkzeugen, die auf den ursprünglichen Beruf des Hausherrn hindeuten: Gerald Hill, geborener Hagemann, ist eigentlich Goldschmiedemeister. Dass er einen Zunftgenossen in einem seiner Romane um die Ecke bringt, ist der Reporterin in diesem Moment noch nicht klar. „Die Werkstatt nutze ich nur noch sehr selten“, erklärt der gebürtige Lemgoer, zu viel anderes habe er mittlerweile im Kopf. In der Ecke am Fuß der Holztreppe steht ein Hocker, mitten auf der Sitzfläche. „Der stammt aus einem englischen Pub. Es ist ein Geisterhocker“, und schon ist er mittendrin in einer der Geschichten über die Herkunft seiner Schätze. Mehr als 20 Jahre hat es gedauert, bis er den neuen Besitzern von „Englands spukigsten Pub“ das ramponierte Stück abgeschwatzt hatte, auf dem kaum jemals ein Gast gesessen hat - reserviert für die Geister. Die Maske des Henkers Derweil steigt er die Treppe hinauf in ein kuscheliges Zimmer, in dem sich die rötliche Nachmittagssonne über den Dächern der Malerstadt einen kleinen Wettstreit mit dem hell lodernden Feuer im Kaminofen zu liefern scheint. Hier ist es behaglich warm, an zweien der tiefrot gestrichenen Wände drängen sich unzählige Bücher in den Regalen und der Chesterfield-Ohrensessel vor dem Ofen schreit danach, in Besitz genommen zu werden. Während sich Gerald Hill gut gelaunt hineinsinken lässt, fällt der Blick auf die gläserne Vitrine hinter ihm auf die unheimlich wirkende, strahlend weiße Maske samt den zugehörigen Händen. „Das ist der Henker Albert Pierrepoint“, erzählt er. „Es ist keine Totenmaske, diese Maske wurde von seinen Händen und seinem Gesicht zu Lebzeiten abgenommen.“ Über Umwege hat sie den Weg nach Schwalenberg genommen, eine Rarität in Sammlerkreisen. Zusammen mit einer silbernen Uhr und einigen Aufzeichnungen sei das Ensemble im Jahr 2019 für 20.000 britische Pfund an einen Sammler verkauft worden. Albert Pierrepoint war von 1932 bis 1956 Henker für das Vereinigte Königreich, ein angesehener Mann, der ungefähr 450 Menschen im Auftrag der Krone ins Jenseits befördert hat. „Darunter waren auch einige Naziverbrecher, die er in Hameln gehenkt hat“ - wenn das Königreich rief, dann handelte Pierrepoint. Von Beruf war er eigentlich Auslieferungsfahrer für einen Gemüsehändler, und lange wusste nicht einmal seine Frau, welcher gut bezahlten Nebenbeschäftigung ihr Mann nachging. Der Tod lauert hinter dem Regal Gerald Hill hat sich sehr eingehend mit der Geschichte dieses Mannes und seinem grauenvollen Handwerk befasst: „Für ihn ging es darum, die Delinquenten so schnell und so wenig qualvoll wie möglich umzubringen.“ Kein blutrünstiger Schlächter, sondern ein Mann der Präzision, der sich selbst nicht als Täter, sondern als Werkzeug betrachtet habe. So verbrachten die Delinquenten ihren letzten Tag vor der Hinrichtung in einer Zelle, nicht ahnend, dass direkt nebenan der Galgen auf sie wartete. „Es gab eine verschiebbare Wand, die mit einem Regal getarnt war. Direkt vor der Vollstreckung wurde sie zur Seite geschoben, der Verurteilte bekam ein weißes Tuch über den Kopf gezogen und wurde direkt auf ein am Boden gezeichnetes T geführt. Der Assistent des Henkers schnallte die Beine zusammen.“ Es sei anhand der Größe und des Gewichts genau berechnet gewesen, wie lang das Seil sein musste, damit der Tod sofort eintrat, wenn die Falltür unter dem T sich öffnete und die Wirbelsäule brach. „Albert Pierrepoint hat es mit seinem Assistenten einmal auf sieben Sekunden zwischen dem Öffnen der Zelle bis zum Tod gebracht.“ Der berühmte Henker, der nach seiner Dienstzeit ausgerechnet den Pub „Help the poor struggler“ in Oldham bei Manchester übernahm, starb 1992. „Ich hätte ihn gern mal interviewt, doch dazu kam es nicht mehr“, sagt Gerald Hill. Eine Etage unter der Maske befindet sich in der Glasvitrine ein lederner Gurt, ein originaler „hanging belt“. „Das ist ein Original aus den USA, das wurde den Verurteilten um die Hüften geschnallt. Zwei Riemen kamen dabei um die Handgelenke, damit sich niemand im entscheidenden Augenblick an den Hals greifen konnte.“ Leichenteile unterm Hühnerstall Auch ein Stück von einem echten Galgen liegt in der Vitrine, während gegenüber in einer Zimmerecke vor dem Regal mit gesammelten Justizakten der großen englischen Kriminalfälle ein morscher Holzbalken lehnt. „Das ist ein Stück des Tores zu einem Garten, in dem der Mörder Norman Thorne seine Verlobte Elsie Cameron vergraben hat.“ Und zwar in Stücken: 1924 hatte sich der Sonntagsschullehrer und Hühnerzüchter bereits für eine andere Frau interessiert und beschlossen, sich Elsies zu entledigen. Er zerstückelte sie und vergrub die Teile auf seiner Hühnerfarm. 1925 endete auch Thorne am Galgen des Albert Pierrepoint. Gerald Hill hat sich auch diesen Schauplatz des Verbrechens in Sussex angesehen: „Es ist ein verwaistes Stück Land, das niemandem mehr gehört.“ Und so hat der Krimiautor den maroden Zaunpfosten mitgenommen. All die Kriminalfälle, mit denen er sich befasst hat: Sie sind Futter für die eigene Sammlung, aber sie dienen auch der Recherche für seine Romane, die für ihn ohnehin das Aufwendigste an der Buchschreiberei ist. „Mich treibt immer wieder die Frage um: Warum hat er das getan? Was bringt einen Menschen dazu, einen anderen Menschen zu zerstückeln?“ Der Held seiner überaus akribisch recherchierten Kriminalromane ist Inspektor Donald S. Swanson. „Den hat es wirklich gegeben, er hat nämlich die Leitung im Fall Jack the Ripper gehabt. Bei ihm liefen alle Fäden zusammen.“ Auch andere reale Figuren bevölkern seine Bücher, beispielsweise Sir Arthur Conan Doyle, der Erfinder von Sherlock Holmes, und der große Oskar Wilde persönlich. 2025 erschien sein jüngster Roman „Inspektor Swanson und das Rätsel von Upwey House“ im Dryas-Verlag. In der Hillschen Kriminalfallsammlung befindet sich auch ein Schlüssel. Er gehört zum Haus 10 Rillington Place im Londoner Stadtteil Notting Hill, das kurz nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso Schauplatz eines Justizirrtums wie Tummelplatz eines Serienkillers - des berüchtigten John Christie - gewesen ist. Der Serienvergewaltiger Christie, der als „Frauenwürger“ bekannt geworden war, starb 1953 durch den Strang. Seine Opfer waren Geliebte, Prostituierte und Nachbarinnen. Vier Jahre zuvor war der im selben Mietshaus lebende Timothy Evans fälschlich wegen Mordes an seiner Ehefrau Beryl und seiner kleinen Tochter Geraldine hingerichtet worden, deren Leichen allerdings nicht gefunden wurden. Erst als ein Nachmieter der Erdgeschosswohnung des John Christie bei der Renovierung hinter einer Küchenzeile eine eingemauerte nackte Frauenleiche fand, wurden seine Verbrechen ruchbar. Überall im Haus entdeckte die Polizei weitere Leichen, darunter auch die von Christies eigene Ehefrau Ethel. Christie gestand, auch Beryl ermordet zu haben. Rillington Place wurde irgendwann in Ruston Close umbenannt. Doch wie gelangt der Haustürschlüssel dieses Horrorhauses in den Besitz von Gerald Hill? - „Die BBC hat dort mal einen Film gedreht, und so kam der Schlüssel in fremde Hände und dann über Umwege zu mir.“ Übrigens inklusive eines Echtheitszertifikats - das gehört dazu. Die andere Seite des Gerald Hill Während Gerald Hill in seinem Ohrensessel sitzt und mit leuchtenden Augen all die Geschichten erzählt, stellt sich unwillkürlich eine Frage: Was ist das eigentlich für ein Mensch, der so tief abtaucht in die großen Kriminalfälle? Vermeintlich ein sehr widersprüchlicher. Denn der Wahl-Schwalenberger verdient seine Brötchen nicht nur mit den mehr als 30 Büchern, die er mittlerweile verfasst hat, darunter auch Reiseführer und zwei Krimis, die in der Gegenwart spielen. Er beherrscht eine japanische Kampfkunst und arbeitet als Coach für gewaltfreie Kommunikation in lippischen Kindergärten. Und das macht er offensichtlich mit derselben Leidenschaft, mit der er Artefakte aus Kriminalfällen sammelt: „Ich bin überzeugt, dass die Prävention schon im frühen Kindesalter anfangen muss. Wahrscheinlich sind sich viele Kinder und Erwachsene der Gewalt in ihrer Kommunikation gar nicht bewusst.“ Neue berufliche Karriere in Sicht Bisher arbeitet er nur mit gesunden Menschen, doch mittlerweile reicht ihm das nicht: „Ich mache jetzt noch zusätzlich eine Ausbildung zum Heilpraktiker und Psychotherapeuten.“ Längst ist die Sonne untergegangen, die Flammen sind kleiner geworden. Es gäbe noch so viel zu fragen, so viele Geschichten über so viele Artefakte in diesem kleinen Privatmuseum wären noch zu erzählen. Auf dem Weg im Dunkeln den Burgberg hinab über das Kopfsteinpflaster läuft der Reporterin ein kleiner Schauer über den Rücken. Ganz schön spannend, was Schwalenberg so zu bieten hat.