Bielefeld. Modeerscheinungen hat es schon immer gegeben. Trinkspiele ebenfalls. Im Internet verquicken Jugendliche derzeit beide Phänomene zu einem neuartigen Trend. Ein harmloser Spaß, finden beteiligte Jugendliche. Beobachter hingegen schütteln verständnislos den Kopf.
Georg Christoph Lichtenberg hat es schon immer gewusst. "Der gewöhnliche Kopf ist immer der herrschenden Mode konform", hat der Mathematiker einst formuliert und damit ungewollt auf das Treiben in sozialen Netzwerken des World Wide Web vorgegriffen. Allzu lange nämlich dauert es in der Regel nicht, bis die Facebook-Community auf einen Modezug aufspringt.
Pünktlich zum zehnten Geburtstag der Plattform stürzt sich die Netzgemeinde nun auf einen neuen Trend. "Biernominierung" nennt sich das feucht-fröhliche Spiel, bei dem es vor allem um eines geht: das zügige Leeren eines kühlen Blonden. Treffen kann es prinzipiell jeden. Zu jeder Zeit, an jedem Ort. Voraussetzung sind lediglich ein paar trinkfeste Freunde, die andere Nutzer virtuell für das Spiel nominieren.
Ist man selbst an der Reihe, muss es schnell gehen: Innerhalb von 24 Stunden, so die Spielregeln, muss der Nutzer ein Bier auf Ex trinken und einen Videobeweis ins Netz stellen. Besteht er die Aufgabe, darf er seinerseits drei Freunde nominieren. Schafft er es nicht, muss er dem Herausforderer einen Kasten Bier spendieren.
3.000 Fans seit Ende Januar
Die Gründe zum Mitspielen sind vielfältig: die Lust auf Bier, der Drang zur Partizipation, die eigene Profilierungssucht, der auferlegte Zwang durch das Regelwerk. Fakt ist, dass sich das Spiel geradezu virusartig verbreitet. Mehr als 3.000 Fans haben sich seit Ende Januar auf der Facebook-Seite zum Spiel versammelt. Täglich erscheinen neue Videos trinkender Menschen.
Ein bedenklicher Trend, findet Saskia von Oosterum von der Drogenberatungsstelle Bielefeld. "Das Spiel animiert zum Trinken und ist Ansporn für übermäßigen Alkoholkonsum", sagt sie. Als besorgniserregend stuft sie zudem den Wettbewerbscharakter des Spiels ein. "Das kann schnell in eine Demonstration der eigenen Trinkfähigkeit abdriften."
Tatsächlich beteiligen sich alle Altersklassen, Geschlechter und sozialen Schichten am neuen Trend. Lehrer verewigen ihre "Leistung" im Netz, in Bayern nahm eine Bürgermeisterin die Herausforderung an - allerdings mit alkoholfreiem Bier.
Gesellschaftsspiel und Schnaps
Verdenken kann man es ihnen kaum. Trinkspiele, so zeigt ein Blick in die Geschichte, haben eine lange Tradition: Schon in der Antike vermengten Griechen ihre Trinkgelage mit Geschicklichkeitsspielen. Später hielten Würfelspiele wie "Meiern" Einzug in die Stammtischszene, bevor Jugendliche die Vereinbarkeit von Alkohol und Sport beim "Flunkyball" entdeckten. Und das Gesellschaftsspiel "Looping Louie" wird mittlerweile selbst in Familien gern mit Schnaps veredelt.
Für Saskia von Oosterum ein schwacher Trost. "Ich warne grundsätzlich vor Trinkspielen, egal ob in der realen oder der virtuellen Welt", sagt sie. Die "Biernominierung" sei zudem deshalb bedenklich, weil "man sich eben nicht in der Gruppe trifft, sondern alleine vorm Computer trinkt". Insbesondere dieser Aspekt zieht auch den Spott mancher Beobachter an. "So wirkt es nicht mehr ganz so erbärmlich, wenn man vor dem Computer sitzt und trinkt", kommentiert ein Facebook-Nutzer aus Bünde kritisch.
Überhaupt wird das Spiel in der Netzgemeinde kontrovers diskutiert. Den Trend zu ignorieren fällt vielen Usern nämlich schon deshalb schwer, weil sie fast täglich mit neuen Videos konfrontiert werden. Andere, wie der Exil-Ostwestfale Arvid Rudlaff, lehnen den Hype generell ab. "Als ob man zum Trinken einen Grund bräuchte", sagt er im Hinblick auf seine neue Münchener Heimat. "Anscheinend ist nichts mehr dran an bajuwarischer Gemütlichkeit mit realen Freunden."
Gelegenheit zum virtuellen Bier
Die Bielefelder Studentin Anika Henke hält dagegen und betont den Geselligkeitsfaktor des Spiels: "In diesem Fall ist das Netz die Gesellschaft." Zudem gebe es die Gelegenheit, auch mit weiter entfernt lebenden Freunden per Video ein virtuelles Bier zu trinken.
Die Kreativität der Querdenker könnte indes einen neuen Trend ins Rollen bringen: Der ehemalige Bielefelder Hans-Peter Fuchs etwa veröffentlichte nach seiner Nominierung einen Überweisungsauftrag an die SOS-Kinderdörfer. "Statt hier ein Trinkvideo hochzuladen, das irgendwann mal meine Kinder, mein Arbeitgeber und nicht zuletzt die NSA in den Weiten des Webs finden werden, habe ich den Wert eines Kastens Bier für einen guten Zweck gespendet." Ein Ansatz, dem schon die Hockey-Nationalspieler Tobias Hauke und Christopher Wesley gefolgt sind.