Bad Oeynhausen. Bei der Durchsuchungsaktion auf dem Wittekindshof am Dienstag ging es nicht nur um die Sicherstellung von Akten und Datenträgern. "Wir haben 135 Bewohnerzimmer kontrolliert", erklärt Staatsanwalt Christopher York auf Anfrage dieser Zeitung. Insoweit kann er auch schon ein Ergebnis präsentieren: "Es wurden keine Hinweise auf aktuell unrechtmäßige Zwangsmaßnahmen gefunden". Wie berichtet hatte die Betreuerin eines ehemaligen Wittekindshof-Bewohners Strafanzeige gestellt, weil ihr Bruder elf Monate lang in einen neun Quadratmeter großen Zimmer ohne Freigang und vollgepumpt mit Medikamenten eingesperrt worden war. Erst bei einer richterlichen Überprüfung war der Zimmerverschluss für unzulässig erklärt worden. "Es hat noch weitere Hinweise auf ähnliche Zwangsmaßnahmen gegeben", sagt York. Deshalb sei nun der großangelegte Durchsuchungseinsatz durchgeführt worden. Im Mittelpunkt der Ermittlungen steht der 55-jährige Leiter des Geschäftsbereichs "Heilpädagogische Intensivbetreuung". Gegen ihn besteht insbesondere der Verdacht der Freiheitsberaubung. Ob die Vorwürfe zu dienstrechtlichen Konsequenzen geführt haben, lässt sich derzeit nicht klären. "Während des laufenden Verfahrens werden wir keine weiteren Informationen herausgeben", erklärte Jaqueline Patzer, Pressesprecherin des Wittekindshofes. Im Wittekindshof sei, so Staatsanwalt York, die Aktion selbstverständlich nicht zuvor angekündigt worden. Behördenintern habe der Einsatz aber intensive Vorbereitung erfordert. Gerade weil es nicht nur darum gegangen sei, in ein, zwei Büros Dokumente sicherzustellen. York: "Wir wollten auch die aktuellen Unterbringungen untersuchen". Und das möglichst zeitnah, deshalb sei ein Großaufgebot von 70 Polizeikräften erforderlich gewesen, die mehr als zehn Stunden vor Ort waren. "Sehr sensibles Vorgehen" Für York war es ebenso wie für Ralf Steinmeyer, Pressesprecher der Kreispolizei Minden-Lübbecke, die bislang größte Durchsuchungsaktion. "Wir mussten sehr sensibel vorgehen", ergänzt Steinmeyer und nennt beispielhaft den Verzicht auf Uniformen und Dienstfahrzeuge. Schließlich habe es sich bei den Zimmerbewohnern um Menschen mit Behinderung gehandelt, die besonders schutzbedürftig seien und auf Störungen sehr empfindlich reagierten. Den Mitarbeitern des Wittekindshofes sei das natürlich auch bewusst. Sie hätten die Arbeit der Polizei in keinster Weise behindert, sondern "volle Kooperation" gezeigt, betont York. Mehr als 30 Aktenordner sowie umfangreiches elektronisches Datenmaterial wurden vom Wittekindshof mitgenommen. Bei der Kreispolizei Minden-Lübbecke wurde, so Steinmeyer, am Mittwoch die Ermittlungskommission "Herbst" gegründet. Mehr als zehn Beamte werden jetzt prüfen, ob die Vorwürfe gegen den Wittekindshof berechtigt und Anklage gegen Mitarbeiter erhoben wird. Insofern kann York aber keine schnellen Ergebnisse präsentieren: "Die Auswertung dauert drei bis sechs Monate".