Bielefeld/Düsseldorf. Ein Drittel der Vorschüler in NRW hat so schlechte Sprachkenntnisse, dass ihre Beschulung nicht möglich ist. Darum wird es künftig verpflichtende ABC-Klassen geben, in denen diese Kinder zweimal pro Woche gefördert werden. Was in der Theorie gut klingt, ist nach Ansicht vieler Städte kaum praktikabel – und sie verantworten die Umsetzung. Woher soll das Personal kommen, das die Kinder unterrichtet? Wo gibt es genügend Räumlichkeiten für die Kurse? Wer fährt die Kinder zu den Terminen? Wann sollen diese eigentlich stattfinden, vormittags oder nachmittags? Und wie sollen Eltern dazu gezwungen werden, ihre Kinder zu den Pflichtkursen zu schicken? „Das sind alles gute Fragen“, sagt Herfords Sozialdezernent Patrick Puls. „Und auf die meisten davon haben viele Kommunen schlichtweg keine Antwort.“ Auch aus Bielefeld kommt Kritik. „Unpraktisch und teuer“ sind die neuen Pläne der Landesregierung in den Augen von Sozialdezernent Ingo Nürnberger. „Ich glaube, das ist ein relativ ineffizienter Weg, der viel Bürokratie erzeugt.“ Zudem würde die neue Regelung mit 2029 viel zu spät greifen. Bürgermeister aus Stemwede kritisiert: „Nicht praktikabel“ Die Probleme entstehen vielerorts durch bereits vorhandene Mängel aller Art. Der Lehrkräftemangel betrifft vor allem die Grundschulen in NRW. Genau diese Pädagogen sollen die Sprachkurse aber abhalten. Sozialpädagogen, auf die Schulministerin Dorothee Feller im Zweifel zurückgreifen will, sind ebenfalls Mangelware. Das gleiche Problem stellt sich bei den Räumlichkeiten. Denn an vielen Grundschulen reichen die Räume schon nicht aus, um alle Schüler im Offenen Ganztag unterzubringen. Für Ingo Nürnberger stellt sich auch die Frage nach der Logistik. „Wie soll der praktische Transport der Kinder zweimal pro Woche stattfinden – vor allem im ländlichen Raum?“ Kai Abruszat ist Bürgermeister einer Kommune mitten in diesem ländlichen Raum, nämlich Stemwede, und sieht das ebenso. „In der Großstadt mag es einfach sein, wenn das Kind von der Kita zur Grundschule um die Ecke gefahren wird. Im ländlichen Raum für zwei mal zwei Stunden Unterricht in der Woche weite Fahrten zu organisieren, ist nicht praktikabel.“ In Herford sieht Patrick Puls für seine Kommune zumindest nicht das Problem mit den verfügbaren Räumlichkeiten, weil die Kommune sich seit Jahren auf den wachsenden Bedarf an Ganztagsplätzen eingestellt und ausgebaut hat. „Das wird sich hier regeln lassen – in vielen anderen Kommunen aber nicht.“ Trotzdem begrüßt Puls den Ansatz der Sprachförderung. „Dass Kinder wegen fehlender Sprachkenntnisse zurückbleiben, ist ein riesiges Problem und es ist gut, dass die Landesregierung hier nach Lösungen sucht.“ Bielefelder Kinderarzt prangert Kita-Unterfinanzierung an Doch viele andere sehen die Lösung genau nicht darin, die Sprachförderung von den Kitas in das Schulsystem zu verlagern. Und das ist der zweite große Kritikpunkt an den ABC-Klassen. Experten bemängeln vor allem, dass die Landesregierung das Projekt mit aufwendiger Logistik und gewaltigen Mehrkosten neu auflegt, während gleichzeitig das System Kita weiter unterfinanziert ist und die frühkindliche Bildung hier mit dem neuen Kinderbildungsgesetz (KiBiz) beschnitten werden soll. „Statt in erprobte und wirksame Lösungen zu investieren und das KiBiz ?entsprechend darauf ?auszurichten, setzt die Landesregierung auf ein verschultes ?System, das Kindern dieses Alters nicht ?gerecht wird“, kritisiert zum Beispiel der große Träger Kita Zweckverband mit Sitz in NRW. Auf die Frage, warum die ABC-Klassen nicht in der Zuständigkeit der Kitas liegen, hatte NRW-Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) angegeben, dies würde das System in „die garantierte Überforderung bringen“. Auch Bielefelds Sozialdezernent Ingo Nürnberger sieht in den Kitas genau den richtigen Ort, um eine verbindliche integrierte Sprachförderung umzusetzen. „Es ist ja gut, dass das Land in die Sprachförderung unserer Kleinen investieren will. Wenn ich aber sehe, wie viel Geld das Land nun für ein neues Angebot in die Hand nehmen möchte, und wie viel gute Sprachförderung man damit in den Kitas organisieren könnte, dann kommen mir ehrlich gesagt die Tränen. Damit könnten wir in den Kitas sehr viel bewegen, und zwar deutlich schneller als im Schulsystem.“ Auch aus kindermedizinischer Sicht ist das Konzept unsinnig, bemängelt der Vorsitzende des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte Westfalen-Lippe. „Den Sprachstand bei Kindern diagnostiziert man am besten mit drei Jahren, um dann bei Mängeln rechtzeitig zu fördern“, sagt Marcus Heidemann. In die ABC-Klassen werden aber bereits Fünfjährige gehen. „Da werden wertvolle Jahre verschenkt.“ Diagnose-Rate in NRW bei Sprachstörungen um 75-Prozent angestiegen Auch das Lernen in den ABC-Klassen hält der Kinderarzt aus entwicklungspsychologischen Gründen nicht für sinnvoll. „Kinder in diesem Alter lernen Sprache spielerisch im Alltag, und zwar jeden Tag, nicht zweimal die Woche.“ Grundsätzlich gebe es deshalb mit den Kitas ein System, das genau dafür da ist. „Wir merken aber an dem Ausmaß der Sprachentwicklungsstörungen schon jetzt, wie wenig die Kitas in den vergangenen Jahren ihrer Funktion als Bildungsstätte gerecht werden konnten. Statt dem entgegenzuwirken, wird personell immer weiter abgebaut. Das kann man politisch so praktizieren, aber dann müssen das die Politiker auch ehrlich und klar formulieren: Wir haben künftig dann nur noch Kinder-Aufbewahrungsstätten mit einer Fachkraft und drei ’Wärtern’.“ Täglich hat Heidemann mittlerweile in seiner Praxis mit Kindern zu tun, die Sprachentwicklungsstörungen aufweisen. „Die Probleme sind vielfältig. Da gibt es Kinder, bei denen wird zu Hause schlichtweg gar nicht oder kaum gesprochen.“ Dann gebe es Kinder, die zweisprachig aufwüchsen, aber keine Sprache richtig lernten. „Und dann gibt es die, die den ganzen Tag vor dem Fernseher oder dem Tablet sitzen.“ In NRW haben so viele Kinder wie nie zuvor Sprachstörungen. Wie Daten aus dem Kinderatlas der Barmer Krankenkassen zeigen, sind 15 Prozent aller Sechs- bis Zwölfjährigen davon betroffen. Damit ist die Diagnose-Rate seit 2005 um 75 Prozent angestiegen, das ist die deutschlandweit gravierendste Steigerung.