Bielefeld. Am 20. September attackierte ein 45-jähriger Mann im U-Bahn-Tunnel der Haltestelle Jahnplatz seine Ex-Partnerin und stach mit einem Messer mehrfach in das Gesicht der Bielefelderin. Nur weil zwei Männer sofort reagierten und den Täter mit anderen Helfern von weiteren Angriffen abhielten, überlebte die 43-Jährige die Attacke. Kurz nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus traf sie jetzt - gut vier Wochen nach der Tat - das erste Mal ihre Lebensretter. Es war ein emotionales Wiedersehen, das einen tiefen Blick in die Hintergründe der Tat gewährte. Die Frau und ihre Kinder leben seit langer Zeit in großer Angst. "Ohne Eure Hilfe wäre ich heute nicht mehr am Leben", sagt die Frau unter Tränen. Lange umarmt sie den Iraker Ghassan Al Yaesiri und den Marokkaner Redouan Elouarghi, als sie das erste Mal ihren Helfern in der Not gegenübertritt. Auch die Männer sind sichtlich gerührt. Das blutige Ereignis am Jahnplatz haben auch bei ihnen Spuren hinterlassen. Opfer wie Retter werden traumatherapeutisch betreut. Die Opferschutzorganisation "Weißer Ring" betreut alle drei seit dem Vorfall. Das Küchenmesser hat eine Klingenlänge von 10 Zentimetern Die beiden Männer kennen sich entfernt. An jenem Vormittag standen sie am Bahnsteig kurz zusammen und unterhielten sich. Der heutige Pflegehelfer und ehemalige Reuters-Fotograf aus dem Irak wollte eigentlich nur Milch holen für seine sechs Monate alte Tochter. Der Verkäufer und Metzger eines türkischen Supermarkts wollte wiederum zur Arbeit. Doch dazu kamen beide nicht mehr. Ohne Vorwarnung, ohne vorherigen Streit, so berichtet es inzwischen die ermittelnde Staatsanwältin Claudia Bosse, griff der mutmaßliche Täter an. Plötzlich waren beide mittendrin. Bosse erklärt: "Er hat das Opfer festgehalten und hat dann mit einem Küchenmesser mehrfach auf das Gesicht eingestochen." Die Klinge des Messers ist laut Bosse 10 Zentimeter lang. Die Dramatik dieser Situation ist mit diesen Worten nicht annähernd beschrieben. Die Details der Ereignisse bleiben aber aus ermittlungstaktischen Gründen unerwähnt. Elouarghi erinnert sich: "In so einem Moment kann man nicht nachdenken." Für ihn gab es nur eines: Helfen - ohne Rücksicht auf die eigene Gesundheit. "Es war Gottes Wille, dass Du bei mir unten warst" Auch der große, kräftige Al Yaesiri zögert nicht. Er umklammert den Mann mit dem Messer, um Schlimmeres zu verhindern. Durch einen Messerstich des Angreifers wird er am Oberarm verletzt. Der Täter befreit sich kurz, wird aber von Elouarghi geschickt mit einem Gürtel auf Distanz gehalten. Nach kurzer Flucht halten die Helden vom Jahnplatz den Angreifer auf dem Bahnsteig fest, bis endlich die Polizei erscheint. Das Opfer hadert: "Ausgerechnet an diesem Tag war die Security nicht unten am Bahnsteig." Andererseits wäre Al Yaesiri normalerweise mit dem Bus gefahren. Doch an jenem Tag war die Bushaltestelle für die Klima-Demo gesperrt. "Das war Gottes Wille, dass Du unten bei mir warst", sagt die 43-Jährige und lächelt. Panikattacken, Gesichtshälfte gelähmt, kein Geld Die 43-Jährige leidet gut vier Wochen nach der Tat unter Panikattacken. Ihr Gesicht ist gezeichnet von den Messerstichen, ihre linke Gesichtshälfte ist teilweise gelähmt. Aktuell sucht die 43-Jährige dringend einen Gesichtschirurgen für weitere Behandlungen. Der Weiße Ring hat für sie Opferentschädigungshilfe beantragt, berichtet Ilse Haase von der Bielefelder Außenstelle, um die zahlreichen nötigen Behandlungen überhaupt bezahlen zu können. Derzeit fehlt der Familie sogar das Geld für eine Haushaltsunterstützung. Die größeren Kinder übernehmen die Hilfe, dabei müssten sie für die Schule lernen. Rückkehr zum Jahnplatz nur in Begleitung möglich Aber auch die beiden Helden kriegen die Bilder vom 20. September nicht aus ihrem Kopf. Ghassan Al Yaesiri: "Ich habe regelmäßig alles vor meinen Augen - wie in einem Film." Der zweifache Vater, der in seiner Heimat den Krieg miterleben musste, hat ohne Medikamente Schlafstörungen. Auch Redouan Elouarghi, Vater eines knapp dreijährigen Sohnes, benötigte ärztliche Begleitung, als er das erste Mal seit der Tat wieder zum Jahnplatz zurückkehrte. "Ich konnte dort alleine nicht runter." Umso wichtiger sei es beiden gewesen, das Opfer des Angriffes wiederzutreffen, sagt Wigbert Muensterteicher vom Weißen Ring, der die beiden Retter betreut. Als beide die 43-Jährige umarmen und auch den Dank zwei ihrer Kinder entgegennehmen können, fällt ihnen sichtlich eine schwere Last vom Herzen. Die 43-Jährige hat ihnen beiden einen Dankesbrief geschrieben: "Mein Lebensretter, ich möchte mich herzlich für Dein mutiges Eingreifen bedanken. Die große Tat, die Du vollbracht hast, kann man kaum in Worte fassen." Jugendliche Tochter erfährt von der Tat durch ein Handyvideo Die beiden Retter bleiben bescheiden. Sie loben explizit noch eine ältere Frau, die während der Tat beherzt die schwer verletzte Frau an sich zog und mit erstaunlicher Kraft aus dem Gefahrenbereich hob. "Die hat ganz alleine eingegriffen. Eine tolle Frau", sagt Al Yaesiri. Was Elouarghi am meisten ärgert: "Wir haben aber auch gesehen, dass viele Menschen nicht helfen wollten." Darunter große, kräftige Männer, betont Yaesiri. Die 43-jährige Mutter flehte: "Nicht gucken, helft mir." Sechs oder sieben Leute haben sogar ihre Handys gezückt und gefilmt, berichten die Ersthelfer. Noch bevor die jugendliche Tochter des Opfers durch die Polizei von der Attacke erfährt, erreicht sie zu Hause eines der Videos: "Ich habe die beiden sofort erkannt." Weil sie in dem Moment ihre jüngeren Geschwister schützen wollte, ließ sie ihren Tränen keinen freien Lauf: "Ich musste stark sein für sie", sagt sie. Eine Stunde vor der Tat suchte das Oper Hilfe bei der Polizei Denn so eine Tat hatte der mutmaßliche Täter angekündigt. Nur eine Stunde vor dem Angriff um 11.30 Uhr war die 43-Jährige wegen einer neuerlichen Morddrohung ihres Ex-Partners bei der Polizei gewesen. Im September 2018 hatte sich die Bielefelderin nach langen Jahren in Angst und mit Erfahrungen häuslicher Gewalt endgültig von ihrem Partner getrennt. Danach eskalierte die Situation. Seit Mai 2019 bestand ein gerichtliches Haus- und Annäherungsverbot für den 45-Jährigen. Zwölf Anzeigen gegen ihn wurden erstattet. Doch er drohte der 43-Jährigen weiter - und auch den eigenen Kindern drohte er. Schon als kleines Kind sei die älteste Tochter von ihrem Vater geschlagen worden. Hilfe habe die Familie nie erfahren. "Ich habe gelernt: Alle haben Angst vor ihm. Uns hilft keiner, auch die Polizei konnte nicht helfen", sagt die jugendliche Tochter. Ein Umgangsrecht für seine Kinder hat der 45-Jährige nicht mehr. "Wenn er rauskommt, wird er uns nicht in Ruhe lassen" Der Bruder betont: "Wenn er wieder aus dem Gefängnis kommt, wird er uns nicht in Ruhe lassen. Dann brauchen wir Hilfe, damit er uns nicht wieder finden kann." Auch seine Mutter ist sich sicher: "Er hört nicht auf, bis ich tot bin." Sie alle gehen davon aus, dass der 45-Jährige psychisch krank ist. Für das Strafverfahren ist tatsächlich nun ein psychiatrischer Gutachter bestellt worden. Doch in der Vergangenheit sei es dem 45-Jährigen immer wieder gelungen Krisendienst und Ärzte zu täuschen, sagen seine Kinder. Seit der Festnahme am 20. September ist der 45-Jährige in Untersuchungshaft. Eine erste psychiatrische Prüfung führte zu keiner neuen Einschätzung. Den beiden Helden vom Jahnplatz fällt es sichtbar schwer zu erfahren, wie es der Familie lange erging. Für sie ist es aber heilsam zu sehen, dass sie dieser Familie in der Not geholfen haben. Dass sie den Mann festgehalten und der Polizei übergeben konnten, war vielleicht das entscheidende Durchbrechen einer unfassbaren Gewaltspirale, die sich lange Zeit unvermindert weiterdrehte. Am Ende sagt Al Yaesiri: "Nachdem ich Euch getroffen habe, sind jetzt die schlimmen Bilder weg." Er legt seine Hand auf die Schulter der Frau und sagt: "Wir stehen Dir jederzeit als Helfer zu Seite. Ruf uns an."