Schulen und Kitas dicht: Millionen Familien müssen ihr Leben neu organisieren

Lothar Schmalen und Florian Pfitzner

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Bleiben geschlossen: Die Kitas in NRW. - © picture alliance/dpa
Bleiben geschlossen: Die Kitas in NRW. (© picture alliance/dpa)

Düsseldorf. Mit ernster Miene tritt NRW-Ministerpräsident Armin Laschet vor die Kameras und Mikrofone. „Dies ist die größte Herausforderung in der Geschichte unseres Landes. Sie wird Nordrhein-Westfalen an den Rand seiner Kräfte führen. Jetzt muss jeder Opfer bringen. Wir haben es mit einem unsichtbaren Gegner zu tun. Es geht darum, die Schwächsten von uns davor zu schützen und möglichst viele Menschenleben zu retten. Unser Land kann das, denn die Solidarität ist die Stärke von Nordrhein-Westfalen."

Ein Hauch der legendären Blut-Schweiß-und Tränen-Rede, mit der einst der britische Premier Winston Churchill sein Volk in den Krieg gegen Nazi-Deutschland führte, weht durch die Staatskanzlei in Düsseldorf, als der Ministerpräsident die wohl einschneidendsten Maßnahmen in der Corona-Krise bekannt gibt. 2,5 Millionen Schüler müssen ab Montag zuhause bleiben, mehr als 600.000 Kinder bis sechs Jahre dürfen nicht mehr in ihre Kitas oder zu ihren Tagesmüttern. Und die Hochschulen des Landes verschieben ihren Semesterstart auf den 19. April.

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Opposition kritisiert das Zögern der Landesregierung

Obwohl das Kabinett bereits um 8 Uhr zu der Sondersitzung wegen der Corona-Krise zusammengetreten ist, dauert es viele Stunden, bis der Ministerpräsident die Beschlüsse der Regierung endlich öffentlich macht. Viele andere Bundesländer haben da längst ihr Entscheidungen bekannt gegeben.

Auch manchen in der Opposition dauert alles viel zu lange. Grundsätzlich seien Schulschließungen die richtige Entscheidung, „bis Freitagmittag aber war niemand informiert, wie es jetzt konkret weitergehen soll", kritisiert Sigrid Beer von den Grünen. „Wegen des engen Vorlaufs hatten die Schulen kaum Zeit, sich auf die Lage einzustellen", sagt die Abgeordnete aus Paderborn, schulpolitische Sprecherin ihrer Fraktion im Landtag.

Viele Eltern haben ihre Kinder schon nicht mehr zur Schule geschickt

Viele Mütter und Väter hingen lange in der Warteschleife. „Eltern müssen jetzt kurzfristig schauen, wie sie sich organisieren", sagt der Vorsitzende der Landeselternschaft der integrierten Schulen, Ralf Radke. Mit ihrem Erlass habe die Landesregierung richtig gehandelt. „Manche Eltern hätten ihre Kinder so oder so nicht mehr zur Schule geschickt."

Auch der Philologen-Verband in NRW unterstützt die Entscheidung zu Schulschließungen. „Wir sind dazu verpflichtet, alle an der Schule Beteiligten und auch deren Angehörige zu schützen", sagt die Vorsitzende Sabine Mistler. Zugleich sieht der Verband die Landesregierung in der Pflicht, „alles zu unternehmen, um das Abitur in NRW sicherzustellen". Die Schulen benötigten „konkrete Rahmenvorgaben, um ein für alle faires und verlässliches Abitur zu ermöglichen". NRW-Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) dazu: „Die Einstellung des Unterrichts hat keine Auswirkungen auf die Terminsetzung der Abiturprüfungen."

Übergangsphase für Eltern schulpflichtiger Kinder

Laschet und die Landesregierung sind sich der Tragweite ihrer Beschlüsse durchaus bewusst. Deshalb wird es in NRW, anders als in anderen Bundesländern, in den Schulen eine gleitende Übergangszeit geben. „Damit Eltern die Gelegenheit haben, sich auf die neue Situation einzustellen, können sie bis einschließlich Dienstag, 17. März, aus eigener Entscheidung ihre Kinder zur Schule schicken. Die Schulen stellen an diesen beiden Tagen während der üblichen Unterrichtszeit eine Betreuung sicher", schreibt Ministerin Gebauer (FDP) in einer Mail an alle Schulen.

In der Mail empfiehlt das Schulministerium, die Schüler in der Zeit bis zum Beginn der Osterferien „zum Lernen zu Hause anzuhalten". Gemeint sind unter anderem die übliche Lektüre, Aufgabensätze und Referate. „Wenn zu Hause weitergearbeitet werden soll, brauchen natürlich alle das nötige technische Equipment", sagt Moritz Bayerl von der Landesschülervertretung. „Das sei noch nicht in jedem Haushalt selbstverständlich."

Entscheidend sei, dass jetzt nicht die Großeltern-Generation bei der Betreuung der Kinder eingespannt werden dürfe, sagt Laschet. Denn die gelte es zu schützen. „Ich weiß, das bedeutet, dass die Eltern somit in ihrer Not nicht einmal ihre vertrautesten Helfer in Anspruch nehmen können, und das beschwert jedes Herz", sagt der Ministerpräsident, selbst emotional aufgewühlt.

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