Minden. Sie sind tot – und trotzdem sind sie geblieben. Denn wenn Verstorbene zu Lebzeiten im Internet unterwegs waren, sich in Sozialen Netzwerken darstellten und dort Kontakte knüpften, bleiben sie in der digitalen Welt scheinbar für die Ewigkeit erhalten. Da ist der Frührentner aus Minden – vor seinem Ableben als Opfer eines Serienbetrügers vorübergehendend zur Berühmtheit gelangt – bei Facebook immer noch präsent, hat dort weiterhin die sogenannten „Freunde", die ihm im kommenden Monat zu seinem einst freimütig eingetragenen Geburtstag gratulieren könnten. Da ist der in der Region bekannte und früh verstorbene Fotograf im Profilbild für alle so zu sehen, wie sie ihn von früher kannten. Gelegentlich bekommt die Plattform auch einen Hinweis, dass der auf ihr Vertretene in der analogen Realität nicht mehr existiert. Dann versetzt Facebook die Einträge in den Gedenkzustand und weist unter dem Konterfei im Profil darauf hin, dass dessen Eigentümer tot ist. So bei einem Mindener Handballstar und einem bekannten Unternehmer aus der Freizeitbranche längst geschehen. Weil der Tod im Netz ein Thema ist, das irgendwann fast jeden angeht, hat sich die Verbraucherzentrale NRW dessen angenommen und gibt jede Menge Tipps, wie Vorsorge zu treffen ist. Denn nicht nur in Sozialen Netzwerken bleibt ein digitales Erbe zurück, sondern auch im Online-Handel und -Banking, bei Abos und Apps und vielen anderen Diensten. Neue Anforderungen an die Bestatter Bislang hatten sich die Bestatter nach einem Todesfall nur um Fragen wie den Blumenschmuck, die Gestaltung der Trauerfeier, die Wahl zwischen Erd- oder Feuerbestattung, die Veröffentlichung des Sterbefalls in der Tageszeitung nebst weiteren Formalien zu kümmern. Seit einigen Jahren spielt nun auch das Internet eine Rolle. Ein Mitarbeiter des Mindener Unternehmens Lina Törner erklärt, dass die Regelung digitaler Nachlässe mit steigender Tendenz zu seinen Aufträgen gehöre. „Mein verstorbener Bruder stand jahrelang unbeachtet bei Facebook, bis ich das in die Hand genommen hatte", erklärt der Bestatter. Bei Bedarf wende er sich im Auftrag der Kunden schriftlich an das Soziale Netzwerk. Nach seinen Erfahrungen gebe es dabei keine Probleme. Doch nicht immer ist es für Bestatter einfach, den digitalen Nachlass zu regeln. In besonders komplizierten Fällen, schalten sie spezielle Dienstleister aus der IT-Branche ein, die das für sie übernehmen. Ein solches Unternehmen ist der digitale Nachlassdienst Columba aus Berlin. Columba wurde 2012 gegründet und hat als Geschäftsidee ein Nachsorgeprodukt für Hinterbliebene entwickelt. Es übernimmt datenschutzkonform die Erfassung und den Abgleich der Daten von Hinterbliebenen, Verstorbenen und deren Vertragspartnern. Und auch die Bearbeitung von Profilen in Sozialen Netzwerken gehört zum Angebot. Wenn Angehörige beispielsweise die Kennwörter von E-Mail-Konten nicht kennen und sich nicht selbst an den Anbieter wenden wollen, kann der digitale Nachlassverwalter bei bis zu 250 Internetportalen recherchieren, ob ein Konto des Verstorbenen vorliegt. Auf seiner Infoseite zu regionalen Partnern weist Columba unter anderen auf den Bestatter Kruse-Köster E.K. in Porta Westfalica hin. „Es kommt vier- bis fünfmal im Jahr vor, dass wir uns im Auftrag eines Kunden an Columba wenden müssen", sagt Stefan Köster. Die niedrige Zahl liege daran, dass für die meisten Verstorbenen aufgrund ihres fortgeschrittenen Alters die Sozialen Medien noch nicht so wichtig gewesen seien. Wo der Enkel das Facebook-Profil eingerichtet habe, lägen auch die Passwörter für den Zugang vor, so dass meist die Familie die Regulierung der Präsenz im Internet selbst vornehme. Nach seiner Erfahrung komme das immer häufiger vor. Digitaler Abschied Köster merkt an, dass für die Bestatterbranche der digitale Nachlass schon vor zehn bis 15 Jahren vor allem in Verbindung mit dem Online-Handel eine Rolle gespielt habe. „Man hatte damals schon empfohlen, beim Notar die Passwörter zu hinterlegen, damit die Hinterbliebenen sich bei den Versandunternehmen abmelden können." Kollegen seien auch dazu übergegangen, auf der digitalen Trauerseite des Mindener Tageblattes eine Kerze für die Verstorbenen anzuzünden. Wie andere Verlage auch unterhält das Mindener Tageblatt ein Trauerportal, in dem die abgedruckten Todesanzeigen weiterhin zu finden sind. So können mit dem Verstorbenen Verbundene, die nicht im Verbreitungsgebiet der Tageszeitung ansässig sind, über das Internet Abschied nehmen. Leserinnen und Leser können online eine Anzeige aufgeben und erhalten Tipps zum Text und der Gestaltung. Die digitale Trauer verselbstständigt sich und geht dabei auch ungewöhnliche Wege. Eine Gamer-Gruppe – darunter auch ein Mitglied aus Minden – hatte kürzlich einen Mitspieler ihrer Online-Rollenspiele verloren. So verabredeten sich die anderen zu einem Treffen ihrer Avatare an einem Ort in der World-of-Warcraft-Welt, um des Verstorbenen zu gedenken. Ein Teil der Gruppe nahm später auch an der realen Trauerfeier außerhalb Mindens teil. Ernst-Wilhelm Rahe, Landtagsabgeordneter der SPD aus dem Mühlenkreis, hat sich seit seiner Besuche der Internetkonferenz „re:publica" in Berlin, Gedanken um die Zukunft der Trauer im Netz gemacht. Er ist Mitglied im NRW-Landtagsausschuss für Kultur und Medien sowie seit Jahrzehnten Mitglied in der Medienkommission der Landesanstalt Medien NRW. Zudem hatte er als Mitarbeiter des Paritätischen die Gründung des stationären Hospizes in Minden und Lübbecke begleitet. „Die Beiträge in den Sozialen Medien empfand ich anfangs eher als peinlich und unangemessen; vor allem dann, wenn es um die öffentliche Trauer und den in Szene gesetzten Tod von Prominenten ging", schrieb er schon vor drei Jahren in einem Gastkommentar im MT. So könnte sich die Trauerkultur verändern Mittlerweile sieht er das anders: „Ich habe gelernt, dass es für Angehörige und Freunde schön ist zu sehen, dass andere Anteil nehmen." Viele Trauergesellschaften seien heute nicht mehr komplett, sondern über die Welt verstreut. Im Netz gebe es einen Ort, wo alle zusammenfinden könnten. „Es liegt im Auge des Betrachters, ob er die Anteilnahme auf Plattformen als bloße Floskel empfindet oder dahinter einen ernsthaften Ausdruck von Trauer und Anteilnahme sieht." Rahe meint, dass sich die Trauerkultur ändern wird. Die Netzaffinität sei heute eher eine Sache der jüngeren Generation aber sie wechsele zwangsläufig zu den Älteren. „Ich glaube, dass hier ein kultureller Wandel auf uns zukommt und das Trauern im Netz an Bedeutung gewinnt." Die Trauerkultur habe sich schon immer gewandelt. Das Bistum Essen hält bereits einen digitalen Trauerraum mit zahlreichen Tools vor, die der Kreativität keine Grenzen setzen. Trauernde können nicht nur Kerzen anzünden, sondern diese vorher selbst gestalten. Es lassen sich Anzeigen entwerfen, Sterne nach Verstorbenen benennen, Gedenksteine erstellen und vieles mehr. „Bei uns werden reale Kerzen, in einer realen Kirche angezündet und ein realer Mensch liest die Namen der Verstorbenen vor", sagt Roland Falkenhahn, Propst am Dom zu Minden. Die digitale Trauer sei bislang kein Thema gewesen, das die Gemeinde an ihn herangetragen habe. Da das Totengedenken in der Kirche eine herausragende Rolle spielt, widmete sich Falkenhahn in den Tagen um Allerseelen wieder einmal verstärkt dieser Aufgabe im Analogen. Welche Bedeutung hat aber für Sterbende das eigene Nachleben im digitalen Universum? Helmut Dörmann ist Koordinator beim Hospizkreis Minden und Trauerbegleiter. Die ehrenamtlichen Kräfte begleiten jährlich rund 100 Personen an der Schwelle zum Tod in Heimen und im häuslichen Bereich. Dörmann meint, dass für die Betroffenen in ihren letzten Tagen die Präsenz im Netz eine untergeordnete Rolle spiele. „Derartige Überlegungen sind überlagert von anderen Aspekten, die mit dem Sterben verbunden sind." Auch bei den Trauernden sei der digitale Nachlass kurz nach dem Tod eines Angehörigen nicht das Thema Nummer eins. Wenn sich Sterbenden aber dennoch einmal mit den Problemen ihres Fortbestehens im Digitalen auseinandersetzten, stünden sie oft mit vielen offenen Fragen da. Auch Miriam Püschel, Pflegedienstleitung im Hospiz Minden/Volker-Pardey-Haus, kann in ihrem Berufsalltag nicht feststellen, dass sich Menschen in den letzten Tagen ihres Lebens um ihren digitalen Nachlass sorgen. „Die meisten unserer Gäste sind schon sehr betagt und nicht in Sozialen Medien präsent", sagt sie. Gelegentlich kämen auch Jüngere. „Die werden diese Fragen schon in ihrem Familienkreis geklärt haben."