Bielefeld. Der Bielefelder Ralph Ruthe ist einer der erfolgreichsten Cartoonisten Deutschlands. Erst am 16. März feierte sein "Shit Happens"-Cartoon 20. Geburtstag. In den sozialen Medien ist Ruthe ebenfalls erfolgreich. Mit zusammengezählt mehr als 3,5 Millionen Followern gehört er zu den reichweitenstärksten Influencern des Landes. Seine gut 630.000 Follower auf Twitter werden ab Anfang Mai auf ihn verzichten müssen.
Dies kündigt Ruthe auf Twitter am Donnerstag in einem langen Post an. "Ihr wisst es selbst: Diese Plattform ist ungesund", schreibt er zur Begründung seines Abschieds. Auf keiner anderen Plattform sei die Aufregung so schnell so groß und laut.
Anlässlich des 20. Geburtstags seines Erfolgscartoons "Shit Happens" hatte Ruthe Anfang März in einem Interview dieser Redaktion noch erklärt, dass ein Shitstorm im Netz einfach dazugehöre und er als öffentliche Person damit leben müsse. Er verwies allerdings schon damals darauf, dass er sich von konstruktiver Kritik durchaus überzeugen ließe.
Einen endgültigen Twitter-Abschied vermeidet Ruthe zunächst
Zumindest auf Twitter scheint er diese Konstruktivität nun aber nicht mehr ausreichend zu sehen. Denn anstelle konstruktiver Diskussionen über aktuelle Themen würden sich User dort zu oft öffentlich gegenseitig mit Dreck bewerfen. Das Lesen seiner Timeline fühle sich an "wie auf einem Schulhof zu stehen, wo sich die Hälfte gegenseitig anbrüllt, während dazwischen einige Menschen sehr wichtige und kluge Dinge sagen, ihnen aber niemand zuhört", moniert Ruthe.
Er betont, dass er den Austausch auf Twitter bis zur Übernahme durch Elon Musk sehr gemocht habe. "Ich wünsche mir, dass hier alles wieder wird, wie vor fünf Jahren oder dass diese App endlich stirbt. Keins von beiden wird so schnell passieren, deshalb höre ich auf, sie zu nutzen."
Einen endgültigen Abschied vermeidet Ruthe jedoch. Er wolle seinen Account zunächst für drei Monate auf Eis legen und im August schauen, "ob die Horrorclowns alles komplett übernommen haben", um dann neu zu entscheiden. Zum Abschluss ermutigt Ruthe seine Follower zur Twitter-Alternative Mastodon zu wechseln, da dort alles "800 Prozent freundlicher" sei. Auf Mastodon folgen Ruthe derzeit rund 74.000 Menschen.
Unterschied zwischen Twitter und Mastodon
Seit der Übernahme von Musk suchen immer mehr User eine Alternative zu Twitter. Dabei landen sie relativ schnell bei dem kostenlosen Kurznachrichtendienst Mastodon. Das soziale Netzwerk wurde 2016 von Eugen Rochko aus Jena gegründet und wird seitdem werbe- und trackingfrei weiterentwickelt. Die gesamte Software-Entwicklung des Open-Source-Projekts ist spendenfinanziert. Laut der britischen Tageszeitung "The Guardian" zeigt sich das Projekt seit seiner Gründung äußerst robust gegen die Übernahme von Milliardären.
Dabei bietet Mastodon so gut wie alles, was Twitter auch bietet. Man kann anderen folgen und ihre Beiträge sehen, umgekehrt selbst Postings im eigenen Home-Feed verfassen, inklusive Bildern, Videos, Audios oder Umfragen, bei Bedarf natürlich mit Einschränkungen versehen, wer das Posting sehen kann.
Ein Unterschied zu Twitter ist die Startseite, auf der sich zeitlich geordnet Postings aller Menschen oder Organisationen finden, denen man folgt. Mastodon hält sich strikt an die Chronologie. Es gibt also echte Zeitleisten und keine intransparente, von Algorithmen gesteuerte Anzeige von Beiträgen.
Kontrolle bei Mastodon liegt in vielen Händen
"Deine Startseite sollte mit dem gefüllt werden, was für dich am meisten zählt, und nicht mit Dingen, von denen irgendein Unternehmen meint, dass du sie unbedingt sehen solltest", lautet das Statement auf der Mastodon-Seite. Dort wird versprochen: "Mit Mastodon bekommst du die Kontrolle wieder zurück."
Im Gegensatz zu Twitter ist Mastodon nämlich ein dezentrales soziales Netzwerk, verbunden und angetrieben von einer quelloffenen, freien Software. Ob Organisation oder Einzelperson: Jeder, der möchte, kann einen unabhängigen Mastodon-Server, auch Instanz genannt, betreiben.
Damit liegt die Kontrolle nicht bei einem Unternehmen oder einem Menschen, sondern in vielen Händen. Und jeder, der mitmachen möchte, kann frei wählen, auf welchem Server, also bei welcher Community, er sein Konto erstellt.
Deshalb gibt es bei Mastodon auch die Ansicht "Lokal", in der nur Postings von Menschen auftauchen, die der eigenen Community angehören. Die Ansicht "Föderation" weitet dagegen den Blick auf sämtliche Postings aller Server. Wie die Startseite sind auch "Lokal" und "Föderation" als Zeitleisten organisiert.