Bielefeld. Hohe Anforderungen und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit befristeten Kettenverträgen prägen in vielen Bereichen den Alltag von Wissenschaftlern in Deutschland. Seit Jahren kämpfen Betroffene deshalb mit Initiativen wie #IchbinHanna für bessere Arbeitsbedingungen. Die Universität Bielefeld reagiert darauf nach Angaben von Rektorin Angelika Epple mit Verbesserungen und eröffnet am 8. Mai 2025 ein neues Institut für die Förderung von Wissenschaftlern in allen Karrierephasen. Das sogenannte „Graduate and Academic Career Development Centre“, kurz „Grace“, hat nach Angaben Epples den Anspruch, Wissenschaftler vom ersten Promotionsinteresse bis zur Professur optimal zu fördern und ihnen dafür ein bestmögliches Umfeld zu bieten. „Angebote dieser Art gibt es an der Universität seit langem, aber sie sind nicht immer sichtbar genug. Das ändern wir, indem wir alle Angebote bündeln.“ Im Fokus stehe die individuelle Weiterentwicklung jedes Wissenschaftlers, sagt Epple. Die fachliche Ausbildung bleibe Aufgabe der Fakultäten. „Im ’Grace’ bieten wir mit einem interdisziplinären Team ein überfachliches Angebot an, damit sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in allen Bereichen weiterentwickeln können, denn es reicht nicht, nur fachlich gut zu sein.“ Die Förderung im „Grace“ konzentriert sich nach Angaben Epples jedoch nicht nur auf Karrieremöglichkeiten innerhalb der Universität in Forschung und Lehre, sondern auch außerhalb von Hochschulen. „In Deutschland werden viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ausgebildet, die außerhalb der Universitäten arbeiten, weil es einen großen Arbeitsmarkt in der freien Wirtschaft, Kultur, Stiftungswesen und anderen Bereichen gibt“, sagt Epple. „Diese vielfältigen Karrieremöglichkeiten möchten wir realistisch aufzeigen, auch um Enttäuschungen zu vermeiden, wenn es mit der Karriere innerhalb der Universität doch nicht klappt.“ Uni Bielefeld schafft mehr Dauerstellen gegen Unsicherheit Dabei gehe es nicht darum, Wissenschaftler von einer Karriere innerhalb der Universität abzubringen, sagt Epple. „Im Gegenteil: Wir brauchen dringend gute Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, doch nicht jeder möchte oder kann seine Talente in einer Universität entfalten. Wir wollen alle auf ihrem individuellen Weg fördern, egal, wie dieser verläuft.“ Gleichzeitig arbeitet die Universität nach Angaben Epples an verbesserten Arbeitsbedingungen in der Wissenschaft, vor allem im Mittelbau, in dem die meisten Wissenschaftler über viele Jahre befristet angestellt sind, was sie in ihrer persönlichen und beruflichen Lebensplanung behindert. „Wir haben deutlich mehr Dauerstellen geschaffen, damit junge Menschen von Anfang an mehr Planungssicherheit haben. Und daran arbeiten wir weiter.“ Unis im Wettbewerb um Studierende und Wissenschaftler Konkret erhofft sich die Universität durch das neue Institut, junge Wissenschaftler in Bielefeld zu halten, aber auch mehr Strahlkraft im internationalen Wettbewerb um Wissenschaftler. „Die Stärke unserer Universität liegt in den Menschen, die hier arbeiten, und sie möchten wir optimal auf das Berufsleben vorbereiten“, sagt Epple. „Auch Universitäten stehen in einem Wettbewerb um die besten Köpfe.“ Das gelte für Studenten, Wissenschaftler und auch das Personal in der Verwaltung. „Wir wissen um die strukturell bedingten schlechten Arbeitsbedingungen in einigen Bereichen. Es gibt großes Potenzial, das wir nutzen wollen.“ Wie wichtig Hilfe in der Berufsorientierung sind, zeigt eine Studie des Deutschen Zentrums für Hochschul- und Wissenschaftsforschung von 2024. Demnach wissen 37 Prozent der Promovierenden nicht, in welchem Bereich sie nach dem Abschluss der Promotion tätig werden möchten. Lediglich 14 Prozent der Promovierenden planen nach dem Abschluss der Promotion eine Tätigkeit an einer Hochschule und 30 Prozent in der freien Wirtschaft. „Im Grace wollen wir auch zeigen, wie vielfältig die Lebenswege für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sind“, sagt Epple.