Höxter. „Das ist ja menschenunwürdig, so viele Leute in einem Haus unterzubringen“ – solche und ähnliche Kommentare musste sich die Familie Wittrock anhören oder besser durchlesen, nachdem am Mittwochmorgen zwei junge Menschen, die als Erntehelfer nach Deutschland gekommen waren, tot in einem Mehrfamilienhaus in Lüchtringen aufgefunden worden waren. Wahrscheinlich gestorben an einer Kohlenmonoxidvergiftung. Die 19-Jährige und der 23-Jährige hatten mit 21 weiteren Menschen aus Rumänien in dem Haus gelebt. Von den insgesamt 23 Bewohnern arbeiteten zehn für Wittrock in Höxter. Das Haus jedoch gehört nicht der Familie Wittrock, sondern ist nach Informationen der Redaktion im Besitz eines Rumänen, der mit den übrigen Bewohnern verwandt beziehungsweise bekannt war. Deswegen wollen die Wittrocks die Vorwürfe, sie würden ihre Arbeiterinnen und Arbeiter nicht vernünftig unterbringen, nicht auf sich sitzen lassen. „Ich habe dann drunter geschrieben: Sie können gerne vorbeikommen und sie sich ansehen“, beschreibt Karin Wittrock ihr Vorgehen in den sozialen Medien. Und dass das nicht nur eine Floskel ist, sondern ernst gemeint, zeigt sich, als die Redaktion spontan vorbeischauen darf, um einen Einblick in die Plantagen-eigenen Unterkünfte zu bekommen. 140 Erntehelfer pro Saison bei Höxteraner Betrieb Fast alle Erntehelferinnen und Erntehelfer von Wittrock nehmen das Angebot an, in der „Appelbude“ zu leben. Sie zahlen dafür einen „fairen Betrag“ pro Nacht an die Wittrocks. Das Gebäude liegt auf dem Betriebsareal. Gewissermaßen „hinter der Erdbeerbude“, wie Karin Wittrock erklärt, „also dem Erdbeerverkaufsstand“ an der Albaxer Straße. Und mit Blick auf die Apfelbäume. Aldi und Netto sind nicht weit weg. Im Inneren des Gebäudes können bis zu 80 Erntehelfer in Vierbettzimmern gleichzeitig untergebracht werden, wie Marion Wittrock erklärt. Pro Saison, schätzt sie, setze das Unternehmen etwa 140 Helfer ein. Sie kommen aus Osteuropa, vorwiegend Polen und Rumänien. Mehr zum Thema: Reportage vom Unglücksort: Erntehelfer verlassen unter Tränen Haus in Höxter Wenn Karin und Marion Wittrock über die Helfer sprechen, dann sprechen sie von Tomek, Kassandra, André, Maria oder Jarek. Eigentlich duzen sich alle, sagt Marion Wittrock. Das sei ihr lieber: „Sonst fühle ich mich so alt.“ Orientierung durch Farbe: Willkommen im pinken Flur Einige der Erntehelfer kommen seit Jahrzehnten Saison für Saison nach Höxter, um bei Wittrock Erdbeeren zu pflücken. Ein Grund könnte auch die Appelbude sein. Jedenfalls, sagt Marion Wittrock, gehöre es zum Konzept, die Arbeiterinnen und Arbeiter gut unterzubringen. Denn wer gut lebe, sich wohlfühle, der arbeite besser und komme auch wieder. In der Appelbude orientiert sich jeder nach Farben. Es gibt keinen Flur links und keine Küche rechts. Wohl aber den blauen Flur, den roten Flur, die pinke Küche oder die rote Küche. Die Wittrock-Schwestern führen in den pinken Flur. Wirklich viel Pink gibt es hier gar nicht, eigentlich ist alles weiß. Bis auf kleine pinke Äpfel auf den Zimmerschildern. Zimmer 17 ist noch frei, es wird erst in der kommenden Woche belegt. „Das ist die weiße Ausstattung“, erklärt Marion Wittrock. Zu sehen sind zwei weiß lackierte hölzerne Stockbetten an der Wand links. Rechts stehen ein Sofa und ein Schrank an der Wand. Mitten im Raum: ein kleiner quadratischer Tisch mit einem Stuhlquartett. „Appelbude“ in Höxter wird auch an „Externe“ vermietet „Wann haben wir hier gestrichen?“, fragt Marion Wittrock ihre Schwester, „vor zwei Jahren?“ Das Gebäude selbst stammt aus dem Jahr 2018. Es war gewissermaßen eine Notlösung. Wittrock hatte Unterkünfte in Albaxen, wollte diese auch ausbauen, doch es habe Probleme mit den Nachbarn gegeben, wie Marion Wittrock erzählt. Zwischenzeitlich habe der Betrieb Räume von der Stadt Höxter angemietet, ehe er selbst baute. Die Auflage seitens der Stadt sei damals gewesen, dass die Unterkünfte auch „an Externe“ vermietet werden müssten. Und so übernachten in der Appelbude auch Fußballmannschaften oder zum Beispiel Monteure. Das allerdings nur außerhalb der Erntesaison, die von Mai bis Oktober geht. Zu den Zimmern gehört jeweils „eine Nasszelle“, erklärt Marion Wittrock, ein kleines, aber feines Bad mit Dusche, WC und Waschbecken. Außerdem gibt es kleine Kühlschränke in den Zimmern. Insgesamt vier große Küchen verteilen sich in der Appelbude – und hier kommt auch etwas Farbe ins Spiel. Die „pinke Küche“ trägt ihren Namen zurecht; statt zurückhaltendem Fliesenspiegel leuchtet der Spritzschutz in Hochglanz-Pink. Zudem gibt es Waschräume, die mit Waschmaschinen und Trocknern ausgestattet sind und Terrassen, die hauptsächlich als Raucherecken fungieren. Innen sind Glimmstängel verboten. „Es gibt sicher schwarze Schafe“, sagt Marion Wittrock, „aber uns ist wichtig, dass unsere Leute gut untergebracht sind“.