Bielefeld. Ein wahlloser Angriff mit zwei oder mehreren Messern auf eine Gruppe feiernder, junger Leute schockiert die Bielefelder. Zwei junge Männer kamen mit lebensgefährlichen Verletzungen ins Krankenhaus. Augenzeugen berichten, dass zumindest einer von ihnen durch sein mutiges Eingreifen Schlimmeres verhindert habe. Kurz vor Mitternacht am Montagabend verbreitet sich dann die erhoffte Meldung: Der Tatverdächtige wurde gefasst. Am Dienstagvormittag bestätigen Staatsanwaltschaft und Polizei Bielefeld in einer gemeinsamen Presseerklärung, dass es sich bei dem Festgenommenen um den gesuchten Tatverdächtigen Mahmoud M. handelt. Zeugenhinweise führten die Ermittler der Kripo nach der Veröffentlichung zweier Fahndungsfotos zu dem 35-jährigen Syrer, der in Heiligenhaus im Kreis Mettmann untergetaucht war. Was wissen wir bisher über den Fall: Der Tatort: Sonntagmorgen, 4.20 Uhr. Im Bielefelder Szene-Club Cutie an der Mindener Straße / Große-Kurfürsten-Straße und vor dessen Tür stehen viele Feiernde. Drinnen legen DJs Housemusik auf, plötzlich gellen panische Schreie vor der Tür. Ein Mann hat wahllos mit seinen Messern auf die Umstehenden eingestochen. Der Tathergang: Der Täter mischt sich nach Angaben der Polizei unter die Feierenden und sticht dann wahllos auf sie ein. Zeugen berichten, dass er dabei unheimlich brutal zugestochen habe. Er soll Opfer von hinten „aufgeschlitzt“ haben, berichten Zeugen. Auch als Umstehende ihn angreifen, soll er „wie im Wahn“ weitergemacht haben. Er wird zu Boden geschlagen, bekommt einen Tritt gegen den Kopf und trotzdem gelingt es ihm, aufzustehen und davonzulaufen. Die Festnahme: Wie Polizeisprecher Fabian Rickel am Montag gegen 23.30 Uhr bestätigte, konnte nur wenige Minuten zuvor der Tatverdächtige in einem Wohnkomplex im 170 Kilometer von Bielefeld entfernten Heiligenhaus (Kreis Mettmann) von SEK-Kräften festgenommen werden. „Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit haben wir den Tatverdächtigen“, sagte der Sprecher nach dem späten Zugriff. Wie mehrere Medien übereinstimmend berichtet hatten, hatte es im Verlauf des Abends bereits mehrere Zugriffe gegeben – in Velbert und gleich zwei Mal in Heiligenhaus (beides Kreis Mettmann). SEK, Spürhunde, Polizeihubschrauber: Das massive Auftreten der Polizei unter anderem in einem Hochhaus, in dem vor allem Flüchtlinge untergebracht sind, blieb nicht unbemerkt. Doch zunächst blieb der Einsatz ohne Erfolg. Wohnungen wurden durchsucht, aber der Gesuchte wurde nicht gefunden. Doch zu später Stunde wendete sich das Blatt. Der Tatverdächtige konnte in der dritten Wohnung angetroffen werden. Der soll sich zwar gewehrt haben, doch die für solch gefährliche Festnahmen eigens geschulten SEK-Einheiten überwältigten den Verdächtigen und führten ihn anschließend ab. Um 23.30 Uhr lief noch die Personalienfeststellung des Mannes, von dem die Mordermittler ausgehen, dass es sich bei ihm um den Tatverdächtigen 35-jährigen Mahmoud M. handelt. Deshalb blieb Rickel noch vorsichtig: „Sollte sich im Laufe des Tages die Identifizierung des Tatverdächtigen bestätigen, dann ist auch bei uns die Erleichterung groß.“ Die Ermittler hatten seit der Tat 43 Stunden rund um die Uhr im Schichtbetrieb die Ermittlungen vorangetrieben und damit auch den Fahndungsdruck hochgehalten. „Das war für die Polizei nur mit einem großen Kräfteeinsatz zu bewältigen.“ Zwei Menschen schwebten in akuter Lebensgefahr Die Verletzten: Die Polizei geht nach der Tat von zwei jungen Männern aus, die aufgrund ihrer Stichverletzungen zunächst in Lebensgefahr schweben. Zwei weitere Personen werden schwer, aber nicht lebensgefährlich verletzt. Eine fünfte Person kommt mit leichten Verletzungen davon. Ohne zu konkretisieren, wer wie schwer verletzt wurde, bezeichnet die Kripo die Opfer wie folgt: Bei den Verletzten handelt es sich um einen 22-Jährigen aus dem Kreis Gütersloh, einen 26-Jährigen aus Bielefeld, eine 26-jährige Frau aus Gütersloh, einen 24-Jährigen aus Bielefeld und einen 27-Jährigen aus Bielefeld. Nähere Zuordnungen will die Kripo nicht vornehmen. Die gute Nachricht: Am Montag meldet die Polizei, dass alle Opfer außer Lebensgefahr sind. Das Leben des Schwerstverletzten retten die Ärzte im Krankenhaus in einer Not-OP. Die News zum Anschlag: Fotofahndung: Bielefelder Messerangreifer gesucht Die Tatwaffen: Die Polizei stellt am Tatort mehrere Messer sicher, darunter auch einen Stockdegen, einen Spazierstock mit versteckter Klinge. Die Mordkommission will zu den Waffen aus ermittlungstaktischen Gründen nichts sagen. Nach unbestätigten Meldungen soll der Täter mit einem Messer und dem Degen zugestochen haben. Mutige Männer wehren sich gegen den bewaffneten Täter .responsive23-9SPHzARmvVph1QtS-map-mordkommission-ermittelt-vor-dem { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-9SPHzARmvVph1QtS-map-mordkommission-ermittelt-vor-dem { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-9SPHzARmvVph1QtS-map-mordkommission-ermittelt-vor-dem { padding-top: 142.86%; } } Die Gegenwehr: Wie mehrere Zeugen berichten, erkennen Umstehende die Gefahr, die von dem Täter ausgeht, schnell. Sie greifen sofort ein und verhindern nach Auskunft von Zeugen mit ihrer Gegenwehr Schlimmeres. Einer dieser Helfer wird bei seinem Eingreifen lebensgefährlich verletzt. Andere verfolgen den Täter, schlagen ihn zu Boden. Der Täter bekommt sogar einen Tritt ins Gesicht. Trotzdem steht der Mann wieder auf und flieht. Zum Thema: Nach dem Messeranschlag dankt das Bielefelder Cutie dem schwerstverletzten Lebensretter Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von cutie bielefeld (@cutiebielefeld) Einer der Helfer, die den Täter angegriffen haben, soll als Fan von Arminia Bielefeld bekannt sein. Möglicherweise kam er nach dem Meistertitel seines Vereins von einer der vielen Feiern in der Stadt. Der Profiverein Arminia Bielefeld hat dies zum Anlass genommen, allen Opfern eine schnelle und vollständige Genesung zu wünschen. „Wir danken allen Ersthelfern und Rettungskräften für ihren Einsatz und ihre Zivilcourage“, schreibt Arminia. Die Flucht: Die Helfer, die den Messertäter angegriffen haben, lassen offenbar von dem Mann ab, als der sich trotz der massiven Schläge und Tritte aufrappeln kann und in Richtung Feilenstraße flüchtet. Ein Spaziergänger berichtet, dass er intuitiv bemerkt habe, dass von diesem Mann große Gefahr ausgehe. Der kampfsporterfahrene 48-Jährige nimmt also die Verfolgung des Mannes auf und will ihn von der gut gefüllten Bahnhofstraße fernhalten. Es gelingt: Als der Flüchtende bemerkt, dass er wieder verfolgt wird, biegt er in die menschenleere Friedenstraße ab. Dort versteckt sich der mutmaßliche Täter in einem Hinterhof. Als der Verfolger einen Streifenwagen heranwinkt, nutzt der Mann offenbar den Moment, um unerkannt zu fliehen – vermutlich über die Gleise der Bahn. Ein anderer Zeuge will den im Gesicht verletzten und benommenen Mann in der Nähe der August-Bebel-Straße gesehen haben. Ende der Nacht gab es für die Mordermittler dann erste Erkenntnisse, dass der Gesuchte mit dem Zug ins Ruhrgebiet geflüchtet sein könnte. Dort hat er Verwandte. Doch Nach Angaben von bild.de verlor sich seine Spur in Essen. Die Kripo blieben dem 35-Jährigen aber auf der Spur und nahmen diese in Heiligenhaus und Velbert wieder auf. Die Ermittler der „Mordkommission Kurfürst“ sollen sogar Geruchsspurenträger (etwa den Rucksack) in den Kreis Mettmann fliegen, damit Mantrailer-Hunde die Geruchsspur des Gesuchten aufnehmen können. Anschlag, Attentat, versuchter Mord? Die Tateinordnung: Wie Philipp Kalbertodt, Sprecher der Staatsanwaltschaft, mitteilt, beteiligen sich die Sicherheitsbehörden nicht an weiteren Spekulationen zur Einordnung des Geschehens. Dass polizeiintern von einem Anschlag die Rede sein soll, bestätigt er nicht. „Wir ermitteln in alle Richtungen.“ Dennoch könne man seine Schlüsse daraus ziehen, dass der nun Gesuchte einen Rucksack dabei hatte, in dem eine Flasche mit Benzin gesteckt hatte. Wollte der Täter sich oder jemanden anderen mit Benzin übergießen und anzünden? War alles von langer Hand geplant? Die Ermittlungsbehörden gehen davon aus, dass der Rucksack und die Aufenthaltspapiere in dem Rucksack dem Tatverdächtigen zuzuordnen sind. Angesichts der schweren Verletzungen der Opfer ist von versuchtem Mord auszugehen. Der Tatverdächtige: Die „Mordkommission Kurfürst“ unter Leitung des erfahrenen Mordermittlers Markus Mertens sucht seit Sonntag den 35-jährigen gebürtigen Syrer Mahmoud M. (in Al Raqqa geboren). Er wohnte seit geraumer Zeit in einer kommunalen Flüchtlingsunterkunft in Harsewinkel (Kreis Gütersloh). Die Mordkommission veröffentlichte schnell zwei Fotos des Verdächtigen: Warnung: Die Polizei warnte seit Sonntag die Bevölkerung: Mahmoud M. ist möglicherweise bewaffnet und gefährlich. Die Kripo warnt davor, sich dem Gesuchten zu nähern. Wer den Tatverdächtigen trifft, sollte umgehend per Notruf über 110 die Polizei rufen und Abstand halten. Der 35-Jährige sollte keinesfalls angesprochen werden, raten die Sicherheitsbehörden. Aufenthaltsstatus: M. sei bislang polizeilich nicht in Erscheinung getreten, lebe seit August 2023 mit einer befristeten Aufenthaltsgenehmigung in Deutschland. Das bestätigte das für Migration und Flüchtlinge zuständige Ministerium des Landes NRW: Seine Aufenthaltserlaubnis (subsidiärer Schutz) wurde ihm durch die Ausländerbehörde des Kreises Gütersloh befristet bis Februar 2027 erteilt. Der Tatverdächtige sei über die Türkei nach Europa eingereist und dann über Bulgarien, Serbien, Ungarn, Slowakei und Tschechien nach Deutschland gekommen, wo er erstmals einen Asylantrag gestellt habe. M. hat also einen gültigen Aufenthaltstitel. Einen Grund für eine Beendigung seines Status hat es laut Ministerium nicht gegeben. Mitbewohner berichtet von TikTok-Radikalisierung Mögliches Motiv: Das Motiv für die Tat ist nach Angaben der Ermittlungsbehörden noch unklar und wird womöglich erst nach weiteren Ermittlungen geklärt werden können. Trotzdem soll die Wohnungsdurchsuchung in der Flüchtlingsunterkunft in Harsewinkel sowie Befragungen von Mitbewohnern wichtige Hinweise gebracht haben. Ein Mitbewohner der Unterkunft berichtete der Lokalredaktion, dass der Verdächtige häufig über TikTok Kontakte nach Ägypten, Syrien und in den Irak gepflegt habe. Dort sei es in den Gesprächen viel ums „Töten“ und „Abschlachten“ gegangen. Insbesondere im vergangenen halben Jahr hätten sich seine Unterhaltungen spürbar mehr ums „Töten“ gedreht. Hat sich der 35-Jährige in seiner Unterkunft radikalisiert? „Hätte ich geahnt, dass er hier losschlagen will, hätte ich die Polizei eingeschaltet“, sagt der Zimmernachbar. Der nun tatverdächtige Syrer soll seinen Bruder durch den Islamischen Staat (IS) verloren haben, den Tod seines Bruders aber gegenüber anderen Syrern als gut bezeichnet haben. Zudem soll er zuletzt betont haben, nach Syrien zurückkehren zu wollen, um dann für den IS gegen die syrische Regierung kämpfen zu wollen. Ob diese Aussagen und eine mögliche Nähe zum IS Grund für die Bluttat waren, ist noch unklar. Tatverdächtiger soll betrunken nach Kleingeld gebettelt haben Vor der Tat: Zeugen haben den Tatverdächtigen am Samstagabend zwischen 20 und 21 Uhr noch in Harsewinkel gesehen. Er verließ sein Wohnhaus mit einem Rucksack und einem Gehstock. Bei Letzterem könnte es sich um den erwähnten Stockdegen handeln, der äußerlich wie ein Gehstock aussieht, aber sofort in eine lange und gefährliche Stichwaffe verwandelt werden kann. Der Rucksack dürfte der später sichergestellte Rucksack mit dem Benzin gewesen sein. Ob in dem Rucksack weitere Messer lagen, lässt die Mordkommission aus ermittlungstaktischen Gründen unbeantwortet. In Bielefeld sahen Zeugen den augenscheinlich betrunkenen Mann kurz vor der Tat noch in einem Parkhaus an der Zimmerstraße (Höhe Cinestar-Kino), wo er Parkhausbesucher um Geld angebettelt haben soll. Zeugen haben in einer seiner Hände eine Wodkaflasche gesehen. Polizei sucht Zeugen, Fotos und Videos vom Angriff am Cutie Zeugenhinweise: Zeugen der Tat werden gebeten, sich bei der Mordkommission unter der neuen, extra für Hinweise eingerichteten Telefonnummer 0800 8070110 zu melden. Um auch Foto- und Videomaterial zur Verfügung zu stellen, hat die Polizei ein Hinweisportal eingerichtet. Personen ohne Zugang zu Social Media können jetzt außerdem via Newsticker auf der Website der Polizei Bielefeld den aktuellen Informationen der Polizei folgen. Hilfe für Traumatisierte: Die Opferschutzorganisation Weißer Ring hat nicht nur den Verletzten der Tat schnelle und umfassende Beratung zugesagt. „Wir sind auch Ansprechpartner für Zeugen des Geschehens, für Rettungskräfte und für Angehörige der Opfer“, betont der Vorsitzende des Weißen Rings Westfalen-Lippe, Klaus Neidhardt. „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter unseres Opferhilfevereins vermitteln Betroffenen bei Bedarf anwaltliche Erstberatung, informieren über Ansprüche nach dem Opferentschädigungsrecht und klären über Möglichkeiten einer Traumatherapie auf.“ Die kostenlose Beratung ist unabhängig davon, ob ein Kontakt zur Polizei besteht. Betroffene der Bielefelder Attacke können sich unter Tel. 0231 98194850 an den Weißen Ring in Dortmund wenden. Transparenzhinweis: Dieser Artikel wird aktualisiert.