Bielefeld. 1.600 Pflegerinnen und Pfleger arbeiten am Evangelischen Klinikum Bethel (EvKB; mit Mara). Der Applaus aus der Corona-Pandemie ist verebbt, ersetzt haben ihn immer mehr Stress – vor allem mit Angehörigen, aber auch Patienten. Der Ton? Rauer geworden. Wie überall in der Gesellschaft sind Zündschnüre kürzer geworden. Brennpunkte sind Notaufnahmen, besonders die Kindernotaufnahme. Aber auch bei normalen Aufnahmen und im stationären Alltag ist ein Anstieg der Aggression, der Respektlosigkeit, zu beobachten, sagen Bethels Pflege-Direktorin Petra Krause und die Pflegerische Leitung der Neurochirurgie, Angelika Klimt. Annähernd jede Kollegin habe schon Beleidigungen, Bedrohungen, unangemessenes Verhalten erlebt. Zuletzt eine Pflegerin, der bei einem Noteinsatz das Portemonnaie gestohlen wurde. Aus dem benachbarten Dienstzimmer, wohlgemerkt. Hemmschwellen sind nach Corona gesunken Hans-Werner Kottkamp, Chefarzt der Notaufnahme, spricht in einer Studie von 90 Prozent, die Gewalterfahrungen gemacht hätten. Seit Corona seien Hemmschwellen gesunken. Das bestätigen Krause und Klimt. Sie versuchen, zu ergründen, was dahintersteckt. Klimt: „Oft haben die Menschen eine Odyssee hinter sich, wenn sie bei uns sind – ihr Leiden, Hausarzt, Facharzt, lange Wartezeiten, viele Untersuchungen, dann kommen sie zu uns ... und auch hier dauert es dann schon wieder gefühlt zu lange; und dann reißt der Geduldsfaden.“ Sie habe dafür Verständnis, doch müssten gewisse Grenzen eingehalten werden. Krause: „Alle sind in einer Krisensituation, es geht ja um die Gesundheit.“ Doch das rechtfertige nicht aggressive Tonlagen, körperliche Zudringlichkeit, Beleidigungen. Waren Kliniken früher ein Ort der Strenge, streng hierarchisch in der Struktur, ist das heute anders – dazu kommt der vermeintlich bestens über Dr. Google informierte Patient; und schon sinken Hemmschwellen. Krause: „Früher gab es mehr Demut, mehr Anerkennung der Arbeit in der Pflege.“ Dass es sich um eine hochprofessionelle Arbeit handele, werde oft verkannt. Patienten meckern in der Notaufnahme Das bisschen Waschen? Von wegen – „das ist weitaus komplizierter und geht immer auch mit einer medizinischen Untersuchung einher“, sagt Klimt. Trotz Dr. Google habe medizinisches Wissen teilweise gelitten, sagt sie, und Krause ergänzt: „Wer heute so alles in die Notaufnahme kommt, das ist schon problematisch – mit ein bisschen Bauchschmerzen oder einer Schnittwunde im Finger.“ Und nach zwei Stunden Wartezeit wird gemeckert. Krause: „Es interessiert nicht, ob jemand anderes schlimmer dran ist.“ Klimt: „Letztlich ist all das, was wir in der Pflege erleben, ein Spiegel dessen, was draußen in der Gesellschaft auch zu sehen ist.“ Für Nachwuchskräfte trotzdem oft schockierend, wenn ihr sinnstiftender Impuls der Hilfe auf Aggressionen trifft. Am häufigsten begegne Pflegerinnen verbale Gewalt – schnell werde herabsetzend geduzt, Ahnungslosigkeit und Faulheit unterstellt, herumgebölkt. Gerne sehr dicht an die Fachkraft herangetreten, was bedrohlich wirkt. Klimt weiß, dass da am besten „klare Kante“ hilft. Präzise laute Ansagen à la „inakzeptabel“. Oder: „Sagen, dass man jetzt rausgeht und nach einer kurzen Pause wieder reinkommt.“ Das verstünden die meisten. Polizei wird regelmäßig in die Kindernotaufnahme gerufen Auch körperlich wird es: Zunehmend häufiger lande die Hand des Patienten am Po der Pflegerin. Auch Angehörige werden schnell körperlich, schieben Pflegerinnen weg, drängen sie zur Seite. Das sei Gewalt gegen Pflegekräfte, abwertend. Regelmäßig wird die Polizei gerufen, vor allem in der Kindernotaufnahme, wo der Stress bei Angehörigen gewaltig ist. Aber auch in psychiatrischen Bereichen. Doch was tun? Von Schutzräumen für Pflegerinnen hält Krause wenig. Andere Kliniken richten diese ein, auch Sicherheitsdienste werden gebucht. Doch Krause setzt mehr auf schnelle, klare Ansprachen – „ich denke, Sicherheitspersonal fordert auch aggressives Verhalten heraus“. Wichtig seien Schulungen, für den Nachwuchs und die Etablierten: interkulturell und auch in allen Bereichen der Deeskalation, des Erklärens, des Prinzips „Klare Kante“. Aufgebaut wird gerade ein Schulungsprogramm zur Gewaltprävention, einmal jährlich soll jeder einen Tag geschult werden. Zwölf Trainer sind das Ziel. In die Ausbildung fließt das Thema immer intensiver ein. Wichtig sei auch: mehr Achtung in der Gesellschaft zu gewinnen. Krause: „Wir müssen unsere hohe Professionalität und Fachlichkeit besser nach außen tragen.“ Selbstkritisch ergänzt sie (mit Blick auf andere Berufe mit hoher gewerkschaftlicher Bindung): „Bei uns sind weniger als zehn Prozent organisiert – das ist nicht gut, wenn Pflegerinnen und Pfleger ihre Themen in die Gesellschaft und an die Politik herantragen wollen.“ Problem: Vollzeitkräfte gehen, Teilzeitkräfte kommen Und das ist wichtig, denn sogar EvKB und Mara mit ihrer eigenen Pflegeschule ringen um Nachwuchs. 420 junge Leute lernen in Bethel, jedes Jahr bleiben etwa 100 im EvKB kleben, und doch reicht das nicht. Trotz einer Übernahmequote von 80 Prozent. Schuld: Der demografische Wandel und ein Wandel der Arbeitswelt: „Uns verlassen Vollzeitkräfte und es kommen fast nur noch Teilzeitkräfte“, sagt Klimt. Teilzeit wird zum Standard, schon heute arbeiten im EvKB 55 Prozent in Teilzeit. Ein Hintergrund: Die Pflege ist weiblich, zu 80 Prozent. Neue Arbeitszeitmodelle boomen. Einmal die Woche? Da kommen viele schneller nach der Geburt eines Kindes zurück. Denn vielen macht der Job Spaß. Trotz der Aggressionen. Denn es überwiegt weiterhin eines: die Dankbarkeit.