Bielefeld. Es glich einer Machtdemonstration: Mehrere Dutzend Mitglieder und Unterstützer der Bielefelder Hells Angels nutzten die ersten warmen Tage des Jahres für eine Ausfahrt durch Ostwestfalen. Qualmende Reifen, laute Motorräder, schwarze Kutten mit roten Aufnähern – ein gewohntes Bild. Nur die Gesichter hinter den schützenden Tüchern und unter den Motorradhelmen sind neu. Denn: Die Rocker-Szene in NRW erlebt einen Wandel wie schon lange nicht mehr. Wenn sich die Sicherheitsbehörden enorm bedeckt halten, dann ist das oft ein Zeichen dafür, dass die Informationen noch frisch sind und „Bielefeld“die Polizei genau wie das Landeskriminalamt (LKA) diese nur ungern öffentlich machen wollen. So ist es aktuell, wenn es um die Rocker-Szene in NRW geht. Zumindest so viel verrät das LKA: Etwa 975 Mitglieder der Rocker-Clubs Hells Angels, Bandidos, Freeway Riders und Co. zählte die Sicherheitsbehörde Ende 2024 im Bundesland. Mittlerweile dürften diese Angaben überholt sein. Die Ermittler gehen davon aus, dass die Mitgliederzahlen der Hells Angels (317) und der Bandidos (zwölf) gestiegen sind. Es sind diese beiden Motorradclubs (MCs), die in den vergangenen Monaten einen enormen Wandel hinter sich haben. Rocker wechseln den Club – Gewalttaten folgen Rückblick: 2021 wurde die „Bandidos Federation West Central“ verboten, ein Zusammenschluss aus sämtlichen Chaptern in Westdeutschland. Die Strukturen waren von jetzt auf gleich aus Sicht der Sicherheitsbehörden zerschlagen. Im Hintergrund lief es aber offenbar weiter. Denn im Herbst 2024 entschieden sich mehrere ehemalige Bandidos vor allem aus dem Ruhrgebiet, geschlossen zu den Hells Angels überzulaufen. Ihre Zahl liegt im unteren dreistelligen Bereich, mehrere sogenannte Charter (Ortsgruppen, bei anderen MCs heißen diese Chapter) der Höllenengel sind mittlerweile gegründet worden. Und die haben den Sicherheitsbehörden bereits Ärger bereitet. Innerhalb eines neu gegründeten Charters von Ex-Bandidos in Unna soll es zu Streitereien gekommen sein. Die Folge: Schüsse und Explosionen sowie mehrere Festnahmen. Diese Redaktion machte bereits vor einigen Monaten öffentlich, dass die Bandidos zeitgleich in Teilen NRWs neue Chapter gründen. Mittlerweile dürfte ein gutes Dutzend neuer Ortsgruppen bestehen, zum Beispiel in Essen, Ahlen (Kreis Warendorf) oder St. Augustin bei Bonn. Ein neues Chapter ist in OWL (in Paderborn wurde 2021 eine Gruppe verboten) bisher nicht gegründet worden. Doch wie diese Redaktion aus Sicherheitskreisen erfuhr, wollte das zuständige Kommissariat der Bielefelder Polizei nach Beginn der Wechsel genau wissen, was in der hiesigen Rocker-Szene passiert und setzte die Kreispolizeibehörden darauf an, Erkenntnisse zu gewinnen und zu melden. Nach Recherchen dieser Redaktion könnten Personen aus dem Umfeld der Ex-Bandidos mittlerweile bei den Bielefelder Höllenengeln („Hellfield“) angeheuert haben. Der zweite Ableger der Hells Angels in der Region namens „Bielefeld“ hatte sich bereits vor längerer Zeit in der Folge von Gewalttaten aufgelöst. Freeway Riders aus OWL plötzlich verschwunden Die Polizei Bielefeld erklärt auf Anfrage, dass auch die Rocker-Szene in OWL von den Folgen des sogenannten „Patch Overs“ – also des Clubwechsels der Rocker – betroffen sei. Weitere Angaben möchte das zuständige Kommissariat nicht machen. Ortswechsel nach Bad Salzuflen im Kreis Lippe: Die ehemaligen Geschäftsräume wirken verlassen. Hinter milchigem Glas sind Kartons zu erkennen. Wo vor einigen Monaten noch ein bemützter Totenkopf mit zwei Flügeln prangte, sind jetzt nur noch leichte Abzeichnungen der Glasfolie zu erkennen. Das Clubhaus der Freeway Riders OWL (auch „Hermannsland“) steht offenbar leer. Die Rocker, deren Mitglieder teilweise ehemalige Hooligans und Rechtsextremisten waren, gehörten über viele Jahre dem größten Motorradclub mit Ursprung in NRW an. Doch seit wenigen Wochen taucht der Ableger nicht mehr auf offiziellen Chapter-Listen auf – ebenso wenig eine Ortsgruppe in Detmold (Clubhaus im lippischen Schieder-Schwalenberg). Was mit ihnen passiert ist? Offen. Bielefelder Rocker-Ermittler lehnen Auskünfte ab Gerüchte, die diese Redaktion aus der Szene erfuhr, besagen, dass gleich mehrere Ortsgruppen der Freeway Riders in NRW den Club gewechselt haben könnten. Eine Bestätigung blieb aus, auch das LKA äußerte sich dazu nicht. Es teilte lediglich mit: Weitere Wechsel von Rockern zu Hells Angels oder Bandidos seien generell „anzunehmen“. Der Polizei Bielefeld ist der Ausstieg der Gruppen bekannt. Äußern will sich die Behörde nicht weiter dazu. Generell wollen die Ermittler der Bielefelder Rocker-Direktion nur wenig Angaben zur Szene machen. Recherchen und Auswertungen (unter anderem in sozialen Medien) geben aber einen groben Überblick: Alleine die Bielefelder Hells Angels sowie das Umfeld kommen auf eine mittlere zweistellige Personenzahl. Eigene Auswertungen zeigen: Dutzende Rocker in OWL Zwar sind zwei Ableger Freeway Riders aus OWL offenbar aus dem Club „verschwunden“, doch in der Region haben sich auch zwei weitere Chapter jüngst gegründet: in Höxter und im Raum Herford („Dark Area“). Letzteres setzt sich größtenteils aus ehemaligen „Freeways“ aus Lüdenscheid zusammen. Die beiden neuen Chapter dürften laut Auswertungen etwa 25 Personen umfassen. Das ebenfalls als polizeilich relevant eingestufte Chapter des „Brothers Guard MC“ aus dem Kreis Lippe dürfte darüber hinaus auf etwa zehn Mitglieder kommen. Zudem leben in der Region mehrere Mitglieder der bekannten Rocker-Clubs, deren Chapter in anderen Regionen (oder im Ausland) verortet sind. Ermittler blicken besorgt auf die Szene in NRW. Durch die Ereignisse der vergangenen Monate und die Erfahrung der vergangenen Jahre – etwa durch sogenannte „Rocker-Kriege“ zwischen einzelnen Clubs – sei eine Situation entstanden, die bisher noch schwer zu beurteilen ist, heißt es aus Sicherheitskreisen. So spielen zum Beispiel Rache oder Abrechnungen nach dem Wechsel ehemaliger Bandidos zur Konkurrenz in den Überlegungen der Ermittler eine Rolle. Oder neue Bandidos-Chapter, deren Mitglieder womöglich ihren Platz im Milieu festigen wollen. Eine LKA-Sprecherin betont: „Zwischen den großen Gruppierungen in Deutschland besteht untereinander ein grundsätzliches Konkurrenzverhalten, das die Gefahr von gewalttätigen Auseinandersetzungen per se einschließt.“ Eine Gefahr für Unbeteiligte sei bei gewalttätigen Auseinandersetzungen im öffentlichen Raum nicht auszuschließen. .responsive23-otHY0wQDpEsCrPQw-bar-grouped-horizontal-rocker-in-nrw { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-otHY0wQDpEsCrPQw-bar-grouped-horizontal-rocker-in-nrw { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-otHY0wQDpEsCrPQw-bar-grouped-horizontal-rocker-in-nrw { padding-top: 181.82%; } }