Bielefeld. Der sprunghafte Anstieg der Preise für Strom und Heizenergie, der nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine spürbar wurde, hat vielen Deutschen in den vergangenen Jahren unangenehme Kostensteigerungen beschert. Ein junger Bielefelder aber war besonders geschockt: Er sollte im vergangenen Jahr mit einem Schlag rund 12.000 Euro für die Stromlieferungen seines Versorgers nachzahlen. Der Mann vermutete einen groben Irrtum und wandte sich an die Verbraucherzentrale, die die Rechnung überprüfte. „Jahrelang war der Zähler nicht richtig abgelesen worden“, erklärt Ingrid Deutmeyer den ermittelten Sachverhalt. Mit „maschinellen Schätzungen“ war der Stromverbrauch zu niedrig eingeschätzt worden, sagt die Leiterin der Bielefelder Verbraucher-Beratungsstelle – der Kunde hatte lange Zeit viel zu wenig bezahlt. Ein regelmäßiger Blick auf den Strom- oder Gaszähler sei also empfehlenswert. Doch die kompletten 12.000 Euro musste der Mann dank des Einsatzes des Teams von Deutmeyer nicht nachzahlen: Denn die Abrechnung des Versorgers fußte auf den aktuell erhöhten Strompreisen. Die Verbraucherschützerin erwirkte die rückwirkende Verteilung des Stromverbrauchs auf vergangene Jahre, der Kunde kam so in den Genuss niedrigerer Strompreise: „Der Rechnungsbetrag konnte um ein Drittel reduziert werden und eine tragbare Zahlungsvereinbarung getroffen werden“, sagt Deutmeyer. Auch in vielen anderen Fällen sei unberechtigten Forderungen etwa von Energie-Versorgern widersprochen und den Ratsuchenden „buchstäblich einiges erspart“ worden. Tausende Fakeshops zocken Käufer ab Mit insgesamt 8.271 Problemfällen haben sich Bielefelder und Bielefelderinnen im vergangenen Jahr an die Verbraucherzentrale gewandt, wie Deutmeyer und der zuständige Regionalleiter Rafael Lech jetzt bei einem Pressegespräch zu ihrer Jahresbilanz erklärten – das sei noch einmal eine Steigerung um fast 400 bearbeitete Anliegen gewesen, so Lech stolz. „Ob ungewollte und untergeschobene Vertragsabschlüsse, Probleme im Onlinehandel oder unberechtigte Zahlungsaufforderungen: Anfragen erreichten uns aus allen Bevölkerungsgruppen“, so Deutmeyer. Stichwort Onlinehandel: Zu einem belastenden Problem ist das Phänomen der Fakeshops geworden. Im klassischen Fall winkt ein supergünstiges Angebot mit Vorauszahlung – aber dann kommt nichts und das Geld ist weg, wie Wolfgang Schuldzinski weiß, der Vorstand der Verbraucherzentrale NRW e. V. mit Sitz in Düsseldorf. Oder es kommt tatsächlich Ware, die aber minderwertig ist und die Versprechungen nicht hält. Oder die erhaltene Ware wird zurückgeschickt, doch der Empfänger – vielleicht im fernen China – behauptet, es sei nichts angekommen. Wenn dann nur eine nicht ladungsfähige Adresse irgendwo außerhalb der EU bekannt sei, könne auch der Rechtsweg sehr beschwerlich oder ganz versperrt sein. Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von Verbraucherzentrale NRW (@verbraucherzentrale.nrw) Zum Glück bietet die Verbraucherzentrale ein gutes Werkzeug, um unseriösen Händlern schon im Voraus auf die Spur zu kommen: „Unser Fakeshop-Finder erkennt in jedem Monat etwa 2.800 Fakeshops, die Sache ist kein Randproblem“, sagt Schuldzinski. Gewarnt wird zudem vor Anbietern ohne aussagefähiges Impressum, Vorkasse-Forderungen und Rücksende-Adressen in fernen Ländern. Sehr skeptisch zeigten sich die Verbraucherschützer auch gegenüber Anbietern, die vor jeder Bestellung das Anlegen eines Kundenkontos verlangen – denn damit werden ohne Not oft wertvolle Daten abverlangt. Sorgen auch bei Fernwärme und Wärmepumpen Ein Problem, das in Zukunft an Bedeutung gewinnen könnte, ist den grundsätzlich begrüßenswerten Bemühungen im Kampf gegen den Klimawandel geschuldet: Viele Menschen wollten als Mieter zum Beispiel wissen, ob das Heizen teurer werde, wenn ihr Haus an das Fernwärmenetz angeschlossen werde. Der Anschluss an sich sei nicht übermäßig teuer, und Fernwärme sei auch eine gute Sache, sagt Schuldzinski dazu. Aber: „Die Kunden sind gefangen und können kaum noch wechseln.“ Die Abrechnungen seien oft nicht genügend transparent, und gelegentlich gebe es unverständliche Abnahmeverpflichtungen. Doch auch ein anderer Lösungsweg auf dem Weg zur Klimaneutralität berge ihre Tücken: Was kann eine Eigentümergemeinschaft tun, wenn alle Hausbewohner eine Wärmepumpe wollen – nur einer nicht? Die Verbraucherschützer ahnen, dass bei Energiethemen noch manche Fußangel zu umgehen ist.