Bielefeld. Was verbindet die Textilfabrik „Vorwärts“ und den Puddingpulver-Produzenten Dr. Oetker? Genau, die beiden teilten sich jahrzehntelang den Standort am Pass zwischen Brackwede und Bielefeld. Auf dem Gelände an der Friedrich-List-Straße hatten die Gebrüder Bozi schon 1850 die Spinnerei „Vorwärts“ gegründet, sie gilt als erste deutsche Textilfabrik, die mit Dampfkraft betrieben wurde. Die Spinnerei sei erfolgreich gewesen, aber nur für eine begrenzte Zeit, so heißt es heute im Rückblick: Schon nach dem Ersten Weltkrieg begann für das Werk ein langsamer Niedergang. 1925 habe sich für den Nahrungsmittelproduzenten Dr. Oetker, der zuvor schon jahrelang den Gleisanschluss der Spinnerei genutzt hatte, die Chance ergeben, den Gleisanschluss inklusive einer kleinen Lagerbaracke zu kaufen, erinnert Oetker-Historiker Claus-Carsten Andresen an die Anfänge des neuen Standortes. Drei Jahrzehnte lang waren Spinnerei und Puddinghersteller nun unmittelbare Nachbarn auf dem Industriegelände. 1951 baute die Dr. Oetker KG hier ein erstes großes Gebäude – einen Neubau für Papierverarbeitung und Versand „mit zwei markanten Türmen“, wie es heißt. Bis zum Jahr 1955 entwickelten sich Dr. Oetker und die Textilfabrik in völlig entgegengesetzte Richtungen. Während Dr. Oetker zum Konzern wuchs, weil der damalige Unternehmenschef Rudolf-August Oetker nicht nur ins Stammgeschäft investierte, sondern das Engagement mit der Übernahme der Reederei Hamburg Süd, der Beteiligung am Bankhaus Lampe und dem Einstieg in weitere Branchen erweiterte, schlitterte die Spinnerei „Vorwärts“ 1955 in die Pleite. Die deutsche Textilbranche geriet in Schwierigkeiten, die bis heute anhalten. Oetker kauft Gelände nach Spinnerei-Pleite Im Zuge der Insolvenz der Spinnerei konnte Oetker die historischen Gebäude der Textilfabrik übernehmen und so fortan die komplette Fläche für sich nutzen: Die Bauten wurden renoviert und zu Lagerstätten und Büroflächen für Verkauf und Marketing umfunktioniert. Aus dem kleinen Logistikstandort entwickelte sich in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiges Nährmittelwerk: In den 60er Jahren entstand eine moderne Produktionsstätte mit Siloanlage, die später „Sparrenburg“ getauft wurde. Anfang der 70er Jahre wurde das auffällige Hochregallager errichtet, das Bielefelds Besucher bis heute auf dem Weg über den Teuto-Pass begrüßt. Es folgten weitere Investitionen, darunter 1997 die Errichtung des Fertigungsbereichs „Ravensberg“. Der Puddingduft wurde zum Charakteristikum: Die Anwohner wussten den Erzählungen zufolge sofort, ob gerade Vanille- oder Schokopudding angerührt wurde. Schon 1983 hatte Dr. Oetker am Standort Brackwede, der politisch seit 1973 zum Bielefelder Stadtbezirk Gadderbaum gehört, ein erstes eigenes Gebäude für Forschung und Entwicklung eingeweiht, in dem Entwicklungsbüros und Labore erstmalig gebündelt wurden. Hier arbeitet heute unter anderem das Internationale Marketing, während der Bereich „F&E“ für seine rund 150 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen 2017 einen weiteren markanten Neubau erhielt, der für rund 30 Millionen Euro nach Plänen des Berliner Architekturbüros Staab errichtet wurde. Neben Laboren für die Qualitätssicherung gehört auch die „Content Factory“, in der neue Rezepturen entstehen, zu dem Bereich. Produkte aus Brackwede auch in Kanada und der Ukraine Insgesamt 373 Arbeitsplätze zählt der Standort Brackwede zudem im Puddingwerk und den Büros etwa für Logistik und Vertrieb. In dem Werk wird eine breite Palette von Produkten der Marke mit dem „hellen Kopf“ hergestellt: Firmensprecherin Birgit Deker nennt Produkte wie Backpulver (Backin), Vanillezucker, Pudding, Götterspeisen, Milchreis und mehr. Die Markenprodukte werden von Brackwede aus in viele europäische Länder zwischen Spanien und der Ukraine geliefert und zudem auch nach Kanada. Der Produktionsstandort wird derzeit von Jirko Heide geführt, der darauf setzt, „dass Brackwede ein wichtiger Eckpfeiler im Produktionsnetzwerk von Dr. Oetker bleibt“, wie er sagt. Damit die Beschäftigten auch künftig gern bei Dr. Oetker in Brackwede sind, „investieren wir kontinuierlich in die Menschen, die hier arbeiten und in die Technik, mit der sie arbeiten“, so Heide. Er verweist auf eine hohe Zufriedenheit in der Belegschaft: Es sei bei Dr. Oetker „keine Seltenheit, dass mehrere Generationen einer Familie im Unternehmen in der Produktion tätig“ sind. Dass die Beschäftigten in Brackwede ebenso wie die in Oerlinghausen derzeit um Lohn- und Gehaltserhöhungen im Rahmen eines Haustarifvertrages kämpfen und sich diese Tarifverhandlungen diesmal besonders schwierig zu gestalten scheinen - das ist eine andere Geschichte.