Detmold/Minden. Grundsätzlich sind Arbeitgeber in Deutschland verpflichtet, die Arbeitszeiten aller Beschäftigten zu erfassen. Das haben der Europäische Gerichtshof und das Bundesarbeitsgericht entschieden. Dennoch gibt es bislang an Schulen keine verbindliche Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte – obwohl Gewerkschaften diese Maßnahme zum Arbeitsschutz entschieden fordern. Schulleitungen und Lehrkräfte hingegen sind bei dem Thema zögerlich, denn die Zeiterfassung sorgt für neuen Zunder in einem ohnehin brisanten Konflikt. Ein Drittel der Lehrkräfte in Berlin überschreitet regelmäßig die gesetzliche Arbeitsgrenze. Das ist das Ergebnis der neuesten Studie der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) Berlin und der Georg-August-Universität Göttingen. Hierzu erfassten beteiligte Berliner Lehrkräfte für ein Jahr ihre Arbeitszeiten. Insgesamt leisten 64 Prozent von ihnen dabei Mehrarbeit. Die GEW Berlin fordert deshalb die Einführung einer digitalen Arbeitszeiterfassung, um überhaupt realistische Arbeitszeitregelungen zu schaffen. Auch für Lehrkräfte in NRW haben diese Erhebungen Gültigkeit, sagt Stefan Osterhage-Klingler, stellvertretender Vorsitzender der GEW in NRW und Förderschullehrer aus Detmold. Die Gewerkschaft schließt sich den Forderungen nach einer Arbeitszeiterfassung deshalb vollumfänglich an. „Aber die Politik will da nicht dran, denn das würde bedeuten, dass man das über 100 Jahre alte Deputatsmodell aufbrechen müsste.“ Gewerkschaftsvorsitzender aus OWL fordert neues Arbeitszeitmodell Deputatsmodell bedeutet: Grundsätzlich haben Lehrkräfte in NRW eine vorgegebene Wochenarbeitszeit von 41 Stunden, die sich in unterrichtsbezogene Pflichtstunden und Arbeitsstunden aufteilt, die der Vorbereitung, der Dokumentation oder anderen Aufgaben dient. „Derzeit werden in diese Zeit immer mehr zusätzliche Aufgaben reingepackt, ohne dass dies erfasst wird – und ohne dass woanders reduziert wird“, sagt Osterhage-Klingler. „Dadurch steigt die Überlastung immer weiter.“ Für ihn ist deshalb klar: Es braucht nicht nur dringend eine Arbeitszeiterfassung in Schule, „es braucht ein ganz neues Arbeitszeitmodell“. .responsive23-bCy1pamJ7EMgHIok-bar-vertical-prognose-zur-anzahl-der { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-bCy1pamJ7EMgHIok-bar-vertical-prognose-zur-anzahl-der { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-bCy1pamJ7EMgHIok-bar-vertical-prognose-zur-anzahl-der { padding-top: 142.86%; } } Lehrkräfte und Schulleitungen hingegen sind bei dem Thema deutlich zurückhaltender. Teils aus Erfahrung, teils aus der Sorge um Probleme, die sich aus Modellen zur Arbeitszeit in ihren Augen ergeben könnten. Eine, die große Bedenken hat, ist Cordula Küppers, Leiterin des Ratsgymnasiums in Minden und Sprecherin der Schulleitungen im Kreis Minden-Lübbecke. „Das Thema ist hochkomplex und wirft viele Fragen auf: Was genau von all den Tätigkeiten rund um Unterricht ist Arbeitszeit? Welche Wertigkeit hat welcher Unterricht? Und erfordert so eine Regelung dann auch Anwesenheitszeiten außerhalb des Unterrichts in Schule?“ In den Augen von Küppers würde eine Erfassung der Zeiten zudem in keiner Weise das Problem der Überlastung vieler Kollegen lösen. „Wenn das so wäre, wären wir da schon längst freiwillig eingestiegen.“ Auch Martina Reiske hat große Zweifel. Sie ist Vorstandsmitglied in der Schulleitungsvereinigung NRW und leitete viele Jahre die Grundschule Sudbrackschule in Bielefeld. Sie weiß: Es gibt an vielen Schulen im Bundesland immer wieder Versuche, Arbeitszeiten zu erfassen und Arbeitszeitmodelle einzuführen, denn grundsätzlich sind Schulen dazu vom Schulgesetz befugt. „Ich habe aber noch nicht von einer einzigen Lösung gehört, die funktioniert hat – inklusive eines Modells an meiner eigenen Schule.“ „Ist eigentlich unmöglich und schafft nur Unfrieden“ Hintergrund ist ein Konflikt, der in vielen Lehrerzimmern schwelt und durch ein Arbeitszeitmodell deutlich zutage tritt: Denn nicht für alle Schulformen und alle Fächer, die Lehrkräfte unterrichten, gelten die gleichen zeitlichen Belastungen und Herausforderungen. Wer also Biologie und Sport unterrichtet, hat in den Augen vieler Kollegen, die ganze Wochenenden lang Englisch- und Deutschklausuren korrigieren, einen Vorteil. „Hier über eine Arbeitszeiterfassung Gerechtigkeit herzustellen, ist eigentlich unmöglich und schafft nur Unfrieden“, sagt Reiske. Dieser Ansicht ist auch Sven Christoffer, Vorsitzender des Verbandes Lehrer NRW. „Wir haben ohnehin schon so viele Gerechtigkeitsdebatten, die im Lehrerzimmer entzweien: Verbeamtung und Angestelltenverhältnis, Vollzeit und Teilzeit, Kollegen, die Klassenlehrer sind, Kollegen, die es nicht sind – das Thema Arbeitszeiterfassung würde uns in Schule noch mehr spalten.“ Hinzu kommt, dass auch in Christoffers Augen eine Erfassung der Zeiten nichts am Problem Überlastung ändert. Denn am Ende gibt es dafür nur zwei Lösungen: Entweder die Pflichtstunden pro Lehrkraft müssen reduziert werden. „Dann bekommen wir noch größeren Lehrermangel, als wir ohnehin schon haben.“ Oder die Zusatzaufgaben müssen reduziert werden. „Das geht bei vielen wichtigen pädagogischen Kernaufgaben wie Förderplänen aber gar nicht.“ Andere Aufgaben hingegen könnten Verwaltungskräften übertragen werden. „Von denen haben wir aber längst nicht genug in den Schulen.“ Es ist ein Dilemma, das auch dem Schulministerium wohlbekannt ist. Konkrete Pläne für eine landesweite Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte scheint es hier noch nicht zu geben, zumindest blieb die konkrete Anfrage dieser Redaktion danach unbeantwortet. Stattdessen teilt ein Sprecher mit, dass sich die aktuelle Bundesregierung im Koalitionsvertrag darauf verständigt habe, die Arbeitszeiterfassung möglichst unbürokratisch gesetzlich zu regeln. „Wie sich dieser Prozess konkret entwickeln wird, bleibt abzuwarten.“