Düsseldorf/Detmold. Seit einem Jahr geistert eine Vermutung durch Verbände und Gewerkschaften in der Schullandschaft. Der Verdacht ist, dass es künftig mehr Anwesenheitspflichten für Lehrkräfte in Schulen geben soll, um Entwicklungsplanung zu erleichtern und verlässlicher zu machen. Schulleitungen wünschen sich das, zeigt ein Eckpunktepapier des Schulministeriums. Es umfasst Maßnahmen, mit dem Schulleitungen gestärkt werden sollen. Nun wird die Dienstordnung für Lehrkräfte tatsächlich überarbeitet. Auf Anfrage dieser Redaktion teilt ein Sprecher des Schulministeriums mit: „Das Schulministerium beabsichtigt eine Novellierung des Runderlasses ,Allgemeine Dienstordnung für Lehrerinnen und Lehrer, Schulleiterinnen und Schulleiter an öffentlichen Schulen (ADO)’ aus dem Jahr 2012.“ Diese Anpassungen seien unter anderem wegen zwischenzeitlich eingetretener Rechtsänderungen notwendig. Aktuell befinde sich ein Entwurf in der internen Abstimmung, der Prozess laufe. „Erhöhungen der Anwesenheitszeiten in der Schule wird die neue ADO aber nicht umfassen.“ Bei Verbänden und Gewerkschaften löst diese klare Mitteilung Erleichterung aus. „Es herrschte zuletzt eine große Sicherheit darüber, dass es hier Änderungen geben wird“, sagt Sven Christoffer, Vorsitzender der Lehrergewerkschaft lehrer.nrw. Immer sei die Rede davon gewesen, dass Schulentwicklung nur erfolgreich vonstatten gehen könne, wenn mehr gesteuert würde - auch die gleichzeitige Anwesenheit von Kollegien. „Ich wäre sehr erleichtert, wenn dieser Kelch an uns vorübergehen würde.“ Hintergrund sei, dass die Zusatzstunden in Schule dann für Konferenzen oder ähnliche Formate genutzt würden, nicht aber für Korrekturen oder Unterrichtsvorbereitung. „Die stehen dann am Ende des Tages ja aber immer noch an.“ Viele Schulen auch in OWL haben nicht genug Arbeitsplätze für Lehrer Auch bei der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW) ist das Thema immer wieder aufgetaucht. „Wir begrüßen sehr, dass es offenkundig vom Tisch ist. Das wäre auch nach hinten losgegangen“, sagt Stephan Osterhage-Klingler, stellvertretender Vorsitzender. Zum einen gebe es in Schulen nicht ansatzweise genügend Arbeitsplätze für Lehrkräfte, um Unterricht vor- oder nachzubereiten. „Zum anderen sind viele Kollegen so am Anschlag, dass sie ohne flexible Gestaltung ihrer Arbeitszeit außerhalb des Unterrichts ihren Aufgaben gar nicht mehr gerecht werden können.“ Gerade die Flexibilität sei für viele angesichts der Vereinbarkeit mit Familie noch ein sehr attraktiver Aspekt des Lehramtsberufs. „Wenn das wegfiele, wäre das fatal.“ Zumal Schulleitungen schon jetzt die Möglichkeit haben, verbindliche Anwesenheit für zum Beispiel Konferenzen einzufordern.“ Einen etwas anderen Blick hat Martina Reiske, ehemalige Grundschulleiterin aus Bielefeld und Mitglied im Vorstand der Schulleitungsvereinigung. „Mehr Anwesenheit von Lehrkräften in Schulen könnte die Kollegen auch entlasten, wenn damit genaue Definierung ihrer Arbeitszeiten und Abgrenzung der Freizeit einherginge“, führt sie an. Zum anderen sei es im Alltag in Schule schwierig, gute, konstruktive Schulentwicklung durchzuführen. „Sie betrifft aber wichtige Aspekte wie Klassenzimmergestaltung, schulinterne Lehrpläne, pädagogische Leitbilder oder Schutzkonzepte.“ Pädagogische Tage, die dafür gedacht seien, gebe es viel zu wenig. „Und die blockieren ja auch immer gleich Unterrichtszeit für die Kinder.“ Grundsätzlich gebe es bei den Themen Arbeitszeiten und Arbeitszeiterfassung für Lehrkräfte sehr weit auseinanderliegende Positionen auch innerhalb der Lehrerschaft. „Das ist ein heißes Eisen, da will keiner so recht dran.“ Arbeitszeiterfassung sorgt für Spaltung in Lehrerzimmern Das hat auch damit zu tun, dass man für Erfassung der Arbeitszeit von Lehrkräften das Deputatsmodell aufheben müsste. Deputatsmodell bedeutet: Grundsätzlich haben Lehrkräfte in NRW eine vorgegebene Wochenarbeitszeit von 41 Stunden, die sich in unterrichtsbezogene Pflichtstunden und Arbeitsstunden aufteilt, die der Vorbereitung, der Dokumentation oder anderen Aufgaben dient. „Derzeit werden in diese Zeit immer mehr zusätzliche Aufgaben reingepackt, ohne dass dies erfasst wird – und ohne dass woanders reduziert wird“, sagt Osterhage-Klingler. „Dadurch steigt die Überlastung immer weiter.“ Für ihn ist deshalb klar: Es braucht nicht nur dringend eine Arbeitszeiterfassung in Schule, „es braucht ein ganz neues Arbeitszeitmodell“. Martina Reiske hat zu ihren Dienstzeiten ein Erfassungsmodell an ihrer Schule getestet. Gut funktioniert hat das nicht - auch, weil es in den Lehrerzimmern einen großen, schwelenden Konflikt gibt. der durch ein Arbeitszeitmodell deutlich zutage tritt: Denn nicht für alle Schulformen und alle Fächer, die Lehrkräfte unterrichten, gelten die gleichen zeitlichen Belastungen und Herausforderungen. Wer also Biologie und Sport unterrichtet, hat in den Augen vieler Kollegen, die ganze Wochenenden lang Englisch- und Deutschklausuren korrigieren, einen Vorteil. „Hier über eine Arbeitszeiterfassung Gerechtigkeit herzustellen, ist eigentlich unmöglich und schafft nur Unfrieden“, sagt Reiske. Dieser Ansicht ist auch Sven Christoffer, Vorsitzender des Verbandes Lehrer NRW. „Wir haben ohnehin schon so viele Gerechtigkeitsdebatten, die im Lehrerzimmer entzweien: Verbeamtung und Angestelltenverhältnis, Vollzeit und Teilzeit, Kollegen, die Klassenlehrer sind, Kollegen, die es nicht sind – das Thema Arbeitszeiterfassung würde uns in Schule noch mehr spalten.“