Bielefeld/Berlin. Es sollte ein fröhlicher und vor allem unvergesslicher Segeltörn vor der dänischen und schwedischen Küste im Kattegat werden. Doch unvergesslich wurde die Reise für ein Ehepaar aus Bielefeld aus ganz anderen Gründen. Krankenschwester Katja F. und ihr Ehemann Manfred S. wurden nach Ansicht der Berliner Staatsanwaltschaft von ihrem zwölf Meter langen Segelboot „Laura“ aus am 1. August 2024 Augenzeugen eines heimtückischen Mordes. Aktuell steht Werkzeugmacher Andreas F. aus Berlin wegen des Verdachts, seinen Skipper und Freund vorsätzlich im Meer ertränkt zu haben, vor dem Berliner Landgericht. Die Bielefelder Eheleute gelten als wichtige Zeugen in dem Mordfall. Es war 11 Uhr, als Manfred S. an jenem sommerlichen und ruhigen Tag etwa 25 Kilometer vor der schwedischen Insel Öckerö (auf Höhe von Göteborg) Hilferufe vernahm. Seine Frau Katja und er konnten schnell sehen, dass zwar ein Mann im Wasser trieb, sich aber sein Trimaran-Segler (ein Boot mit drei Rümpfen), von dem er offensichtlich gefallen war, in direkter Nähe befand. Die Bielefelder fragten trotzdem, ob sie helfen könnten. Doch der Mann auf dem Trimaran winkte ab. Er habe alles im Griff, so berichteten es die Bielefelder jetzt bei ihrer Zeugenvernehmung. Dass der Mann im Wasser – der 71-jährige Anwalt Thomas B. aus Berlin – quasi vor ihren Augen ertrinken würde, war für sie zu diesem Zeitpunkt völlig undenkbar. Doch der Trimaran soll den Schwimmenden in großen Kreisen umkreist haben, die vermeintliche Rettungsaktion zog sich ungewöhnlich lange hin. Dass der 65-jährige Andreas F., Freund und Mitsegler des Schwimmers, Probleme mit dem Manövrieren der „Jolly Rose“ haben könnte, die noch unter vollen Segeln stand und deren Außenbordmotor nicht richtig funktionierte, wurde aber immer deutlicher. Bielefelder fragen sich: Hätten wir nicht viel früher helfen sollen? Wie die Berliner Gerichtsreporterin Uta Eisenhardt unter anderem für die Süddeutsche Zeitung und das Wassersport-Magazin float berichtet, entschieden sich die Bielefelder um 11.18 Uhr doch noch, die Küstenwache zu alarmieren. F. hatte sie zuvor gebeten, dies nicht zu tun, weil beide Alkohol getrunken hätten. Noch hielten die Bielefelder Abstand. Später fragten sich die Eheleute immer wieder, ob sie nicht viel früher hätten einschreiten sollen. Doch dann holte F. – nach endlosen Minuten – seinen unterkühlten Freund doch noch aus dem Wasser. Die Bielefelder wollen bereits erleichtert abdrehen, als es auf der „Jolly Rose“ sofort zu einer Auseinandersetzung zwischen den Männern kommt. Von einem Gerangel im Netz zwischen zweien der drei Rümpfe war vor Gericht die Rede. Von dieser Szene machte die Bielefelderin Katja F. ein Foto, das vor Gericht als wesentliches Beweismittel gilt. B. habe um sich geschlagen, berichtet der Angeklagte. Dann stürzt der 71-Jährige schließlich ein zweites Mal ins Wasser und diesmal springt sein Freund hinterher. Staatsanwaltschaft: „Er drückt ihn mit aller Kraft unter Wasser“ Nach Ansicht der ermittelnden Staatsanwältin Katharina Ostendorf kam Thomas B. in den folgenden Minuten nicht durch einen „dramatisch gescheiterten Rettungsversuch“ zu Tode, wie es F.s Verteidiger formulieren. Die Staatsanwältin geht in ihrer Anklage davon aus, dass F. den 71-Jährigen nun „in Tötungsabsicht und mit aller Kraft unter Wasser drückt“, wie es der Tagesspiegel berichtet. Der Anklage zufolge tut er dies, um damit eine gefährliche Körperverletzung zu vertuschen, die er vor Eintreffen des Bielefelder Ehepaares bereits auf der „Jolly Rose“ begangen haben soll. Das Motiv dafür bleibt nebulös. Die Staatsanwaltschaft glaubt, dass er befürchtete, sonst von seiner Partnerin geächtet zu werden, von der er finanziell abhängig war. Ernster Streit nach einer verlorenen Segelregatta Der Angeklagte räumt zwar ein, seinen Freund im Zuge eines Streits vorher mit einem Metallbügel, der normalerweise den Rettungsring hält, am Kopf verletzt zu haben. Aber nach dem Sturz ins Wasser hatte er „nicht die Absicht, ihn zu töten. Ich wollte ihn retten.“ Was war anfangs passiert? Nach Angaben des Angeklagten hätten die Männerfreunde ihre gemeinsame Katamaran-Regatta vor Norwegen als Letzte abgeschlossen. Der Bootseigner sei wütend auf ihn und einige seiner Manövrierfehler gewesen. Als der Angeklagte seinem Skipper am letzten Tag ihres Segelabenteuers das Leck am Heck des Bootes, den defekten Motor und fehlende Rettungswesten vorgeworfen habe, habe ihn der 71-Jährige angegriffen. F. beteuert, Angst gehabt zu haben, selbst über Bord zu gehen. Also habe er sich den Bügel gegriffen und zugeschlagen. Bei diesem ersten Gerangel war B. von Bord gerutscht. Küstenwache-Retter sagt: „Ich habe gerade einen Mord gesehen.“ Neben dem Foto von der Rangelei auf dem Boot liegt den Ermittlern noch ein bemerkenswertes Video vor. Es entstand in einem Flugzeug der Küstenwache, die das Bielefelder Ehepaar gerufen hatte. Nach Angaben der B.Z. hatte ein Kameramann des Rettungsteams die Szenerie aus 1.000 Metern Höhe mit einer hochwertigen Suchkamera im Fokus. Die Qualität der Bilder sei beeindruckend gut, und sie zeigen, dass F. nach seinem Freund greift und dieser ihm entgleitet. Der Kameramann soll laut B.Z. anschließend gesagt haben: „Ich habe gerade einen Mord gesehen.“ Als der inzwischen stark unterkühlte Berliner wieder auftaucht, greifen auch die Bielefelder Segler wieder ins Geschehen ein. Sie werfen den Männern einen Rettungskragen zu und ziehen beide an die Bordwand. Die Bielefelder Krankenschwester reagiert spontan auf das Gesehene und ruft: „Du hast ihn umgebracht, Du Arsch.“ F. ist aber immer noch ruhig und beteuert, dass sein Freund noch lebe. Bielefelder entziehen den Berlinern den Rettungskragen Manfred S. fällt anschließend möglicherweise eine fatale Entscheidung: Wie Uta Eisenhardt für das Floatmagazin berichtet, will er für die Retter vom Küstenwache-Hubschrauber Platz machen. Das habe er in einer Fortbildung gelernt. Also zieht er den Rettungskragen wieder ein, den er den Berlinern zugeworfen hat, und entfernt sich von ihnen. In diesem Moment verliert der Angeklagte den inzwischen reglosen 71-Jährigen aus den Armen. Als Rettungstaucher Thomas B. Minuten später endlich aus dem Meer holen, ist er bereits tot. Andreas F. wird noch an diesem Tag von der schwedischen Polizei festgenommen, im November wird er nach Deutschland ausgeliefert, wo inzwischen auch die Ermittlungen gegen ihn laufen. Und die Bielefelder? Wie gehen sie mit dem Erlebten um? Uta Eisenhardt zitiert Katja S. aus dem Gerichtssaal: „Wir hätten noch mehr machen können, wenn wir das anders eingeschätzt hätten.“ Beide grübeln seitdem. Inzwischen verarbeitet sie das Erlebte mit einer Therapeutin. Ihr Mann, Manfred S., möchte das nun auch tun. Der viel beachtete Prozess wird Anfang September vor dem Berliner Landgericht fortgesetzt.