Bielefeld. Die Polizei ermittelt jährlich in Dutzenden möglichen Autorennen auf den Straßen in Ostwestfalen-Lippe. Mal drückten Raser alleine aufs Gas, um beispielsweise den eigenen Wagen auszutesten. In anderen Fällen duellierten sich die Fahrer sogar auf offener Straße. Die Polizei benennt konkrete Fälle aus der Region. Im Kreis Gütersloh ermittelte die Polizei seit 2020 in 61 Fällen, bei denen Raser an einem Rennen teilgenommen oder ein solches ausgerichtet haben sollen. Die Zahlen scheinen dabei zu steigen: Im vergangenen Jahr waren es insgesamt acht Fälle – im laufenden Jahr bisher schon 15. Im Kreis Paderborn zählt die Behörde derweil mehr als 200 Fälle auf, in denen in den vergangenen fünf Jahren ein mögliches verbotenes Autorennen im Raum stand. Den Höhepunkt erlebte der Kreis 2021 mit 50 Fällen, wie eine Sprecherin berichtet. 2024 waren es nur noch 26 Fälle, im laufenden Jahr 21. Lieferten sich Niederländer Rennen am Flughafen Paderborn? So sollen sich Anfang August beispielsweise drei Personen in hochmotorisierten Audis in Lichtenau ein Rennen geliefert haben, unter anderem sollen sie auf einer zweispurigen Fahrbahn nebeneinander gefahren sein und waghalsige Überholmanöver durchgeführt haben. Sie sollen ebenso mehrfach abgebremst und mit einem „Kickstart“ wieder stark beschleunigt haben. Die Polizei stoppte die drei Fahrzeuge schließlich und ermittelt seitdem. Laut Angaben einer Polizeisprecherin waren in zwei Autos Kinder Beifahrer. Wenige Wochen zuvor sollen sich zwei Niederländer in der Nähe des Flughafens Paderborn-Lippstadt ein Rennen geliefert haben, laut Zeugenangaben sollen die beiden Fahrer von hochmotorisierten Wagen der Marken VW und Audi mit bis zu 150 Stundenkilometern auf einer Landstraße unterwegs gewesen sein – bis der Reifen eines Wagens platzte. Die Polizei ermittelt, demnach sollen die beiden Fahrer samt ihrer Fahrzeuge zur niederländischen Tuning-Szene gehören. Dort sei es üblich, sich für Rennen auf deutschen Autobahnen zu verabreden, heißt es von der Polizei. Polizei warnt: Autorennen gefährden Menschenleben Zeitweise galt die Stadt Paderborn als beliebter Treffpunkt der Tuningszene, vor allem am Karfreitag, der in der Szene auch als „Car-Freitag“ bekannt ist. „Verbotene Kraftfahrzeugrennen im öffentlichen Straßenverkehr gefährden Menschenleben“, warnt eine Paderborner Polizeisprecherin. „Deshalb schreitet die Polizei Paderborn hier nach wie vor konsequent ein. Der rückläufige Trend ist Ausdruck der konsequenten Polizeiarbeit.“ Im Kreis Herford berichtet ein Sprecher derweil von 88 möglichen Autorennen. Ein großer Teil begründe sich jedoch im Fluchtverhalten gegenüber der Polizei – Verdächtige rasten also vor den Beamten davon. Auch hier lag der Höhepunkt mit 27 Delikten im Jahr 2021 – im laufenden Jahr wurden bisher lediglich drei Verfahren eingeleitet. Unter anderem sollen sich in Herford zwei Fahrzeuge ein Rennen auf offener Straße geliefert haben, die Ermittlungen laufen. Die Polizei sei laut Angaben eines Sprechers vor allem an den Wochenenden unterwegs, um an Treffpunkten der Tuningszene Präsenz zu zeigen. Überholmanöver auf zweispuriger Straße in Bielefeld Die Polizei Bielefeld berichtet im Stadtgebiet von mehr als 130 möglichen Autorennen, vor allem sogenannte Alleinrennen. Heißt: Autofahrer, die mit ihrem Wagen verhältnismäßig schnell unterwegs sind, um eine mögliche Höchstgeschwindigkeit zu erreichen. Im vergangenen Jahr ermittelte die Polizei in fast 40 Fällen, 2025 sind es bisher 24. Eine Polizeisprecherin berichtet zudem von einem Fall, bei dem sich zwei Fahrer in ihren Fahrzeugen auf einer zweispurigen Straße im Stadtbereich immer wieder gegenseitig überholten. Die Polizei stoppte die Fahrer schließlich – einer habe keinen Führerschein besessen. Darüber hinaus nennt die Polizei seit 2021 38 Fälle von möglichen Rennen auf Autobahnen, für die die Bielefelder Behörde zuständig ist. Auch hier sind es vor allem Alleinrennen, berichtet eine Sprecherin. Im Kreis Lippe erfasst die Polizei laut einer Sprecherin jährlich Fälle im einstelligen Bereich. Die Beamtin betont aber auch: Kommt es nicht zu Unfällen oder aufmerksame Zeugen melden die Vergehen, bleiben die Fälle womöglich oft unbekannt – es gebe also eine Dunkelziffer. Im Kreis Höxter erfasste die Sicherheitsbehörde in den vergangenen Jahren darüber hinaus 70 Fälle, bei den allermeisten handele es sich laut Angaben der Polizei um Alleinrennen. Zahlen in NRW steigen – wie das zu erklären ist Während die Zahlen in OWL insgesamt konstant sind und teils sogar rückläufig erscheinen, steigen die Fälle in NRW. Aus dem NRW-Innenministerium heißt es, dass im ersten Halbjahr 2025 insgesamt 1.252 Fälle von verbotenen Kraftfahrzeugrennen polizeilich erfasst wurden. In 320 dieser Fälle sei es zur Kollision gekommen, zwei Menschen wurden dabei getötet. „Lebensmüde!“, urteilt Erich Rettinghaus, NRW-Vorsitzender der Deutschen Polizeigewerkschaft. Er warnt, dass die Zahlen nicht nur zunehmen, sondern auch die Folgen immer drastischer werden – auch weil PS-starke Fahrzeuge immer verbreiteter seien. „Oftmals überschätzen sich vor allem junge Leute am Steuer und liefern sich trotzdem waghalsige Manöver, um zu protzen. Doch sie bringen ihr Leben und das von Unbeteiligten in Gefahr.“ Reul warnt: Raser spielen mit dem Leben anderer Dass die Zahlen im Bundesland steigen, führen die Sicherheitsbehörden auf mehrere Gründe zurück. Unter anderem auf das geänderte Fahrverhalten junger Leute, die sich offenbar profilieren wollen. Aber auch auf genauere Ermittlungen sowie technische Neuheiten an Autos. So sind in modernen Fahrzeugen Geräte verbaut, die beispielsweise Geschwindigkeiten oder Drehzahlen beim Unfall aufzeichnen – und die später ausgewertet werden können. „Mithilfe dieser Geräte sind verbotene Kraftfahrzeugrennen heute deutlich besser nachweisbar, als dies früher der Fall war“, berichtet ein Sprecher des Innenministeriums. NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) warnt gegenüber dieser Redaktion: „Raser spielen mit ihren und dem Leben anderer. Menschen werden getötet, weil wohl der kurze Adrenalinkick wichtiger ist als Verantwortung und Rücksichtnahme.“ Damit sei das eigene und das Leben Unbeteiligter für immer verwirkt. „Solche Fälle sind vermeidbar, wenn man mit Verstand fährt. Es gibt klare Regeln und an die hat sich jeder zu halten!“