Herford/Geseke. Als er sich nach mehrfachen, vergeblichen Therapieversuchen ins Geseker Hospital zum Heiligen Geist einliefern ließ, da drohte Siegfried Mühlenweg die Amputation seines linken Fußes. „Ich habe mich darauf eingestellt, dass er abgenommen werden muss – und ich nicht mehr wirklich laufen können werde.“ Der Grund: Seit mehr als einem Jahr bereiteten dem Herforder zwei schlecht heilende Wunden große Sorgen. Doch der Worst Case bliebt aus – dank einer recht neuen und brachial klingenden Behandlung. Seine komplexen Wunden heilten deshalb so schlecht, weil er sowohl unter der Zuckerkrankheit Diabetes als auch unter einer arteriellen Verschlusskrankheit leidet, berichtet Mühlenweg im Gespräch mit dieser Redaktion. Auch eine chronische Erkrankung seiner Beinvenen erschwerte die Heilung am Fuß des 75-Jährigen, der sich seit Jahrzehnten in der Herforder Kommunalpolitik engagiert. Mühlenweg rechnete inzwischen mit dem Schlimmsten: einer Amputation seines Fußes. „Das wär’s dann wohl gewesen mit dem Laufen.“ Künstlicher Schienbein-Bruch statt Fuß-Amputation Doch er fand in Geseke Hilfe. In dem kleinen Krankenhaus mit 65 Betten wandte Ludwig Schwering, Chefarzt der Abteilung für Rekonstruktive Orthopädie, schließlich die sogenannte Kallusdistraktion an. Bei dieser in Deutschland noch recht unbekannten Behandlung wird das Schienbein des Patienten schonend und langsam gebrochen und ein Knochenblock mithilfe eines kleinen Geräts, einem sogenannten Fixateur, langsam aus dem Schienbein gelöst. Der Knochenblock wird pro Tag für einen halben Millimeter aus dem Bein in die Breite gezogen – insgesamt dauert der Prozess rund 30 Tage. Anschließend wird das Fragment in 15 Tagen an die ursprüngliche Stelle zurückgeführt. Künstlicher Schienbein-Bruch ist nicht schmerzhaft „Durch diesen künstlichen Bruch werden Wachstumsfaktoren und gefäßbildende Prozesse freigesetzt, was sich außerordentlich gut auf die Wundheilung und Gefäßneubildung auswirkt“, berichtet Schwering im Gespräch mit dieser Redaktion. Stress am Knochen bewirke Regeneration und Neubildung. „Schmerzhaft ist diese Prozedur nicht“ , sagt Mühlenweg. Lediglich beim Schlafen störe der Fixateur in den ersten Tagen der Behandlung. Der Rest sei eine Frage der Gewöhnung. Bezahlt wurde der Eingriff von der Krankenkasse DAK. Bis heute hat Chefarzt Schwering am Geseker Krankenhaus auf diese Weise 12 Patienten behandelt – mit Erfolg, wie er sagt. Auch im Fall von Siegfried Mühlenweg ist gelungen, Schlimmeres zu verhindern. „Seinen großen Zeh hätten wir sonst amputieren müssen“, sagt Schwering. In den Augen des Chefarztes hat diese ungewöhnliche Methode „auf jeden Fall“ Zukunft, um chronische Wunden am Fuß und Unterschenkel zu schließen – und somit Amputationen zu verhindern. Es handle sich zwar nicht um ein Allheilmittel, aber definitiv um einen „wichtigen Baustein“. In Kombination mit weiteren Nachbehandlungen seien die Ergebnisse „wirklich gut“. Krankenhaus in Geseke mit Vorreiterrolle in Deutschland Deutschlandweit ist das Hospital „zum Heiligen Geist“ Geseke eines der ersten Krankenhäuser, das diese Methode erfolgreich anwendet. In den USA hingegen erfährt sie aktuell einen regelrechten Boom. „Ärztekollegen haben uns gefragt, ob wir nicht für ein paar Tage nach New York kommen wollen, um auszuhelfen. Die Nachfrage dort muss riesig sein.“ Auch in China würden bereits mehr als 1.000 Anwendungen verzeichnet, sagt Schwering, der sich zudem mit Kollegen in Südafrika und Australien austauscht. Erst kürzlich habe ein australisches Experten-Team an einer Operation im Geseker Krankenhaus teilgenommen, um sich vor Ort von der speziellen Technik zu überzeugen. .responsive23-TC5DlHodZh8BRD4Z-choro-anzahl-der-krankenhaeuser-in { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-TC5DlHodZh8BRD4Z-choro-anzahl-der-krankenhaeuser-in { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-TC5DlHodZh8BRD4Z-choro-anzahl-der-krankenhaeuser-in { padding-top: 142.86%; } } Ursprung der Behandlung liegt in Russland Ihren Ursprung hat die Methode in Russland im Zuge sogenannter Beinverlängerungen. Damals stellten Mediziner bereits fest, dass das Gewebe durch die Knochenbrüche kräftiger wird und dieser Vorgang im Körper viele positive Prozesse für die Wundheilung und Neubildung der Gefäße anregt. Nachdem Chefarzt Schwering die Methode vor einigen Jahren bereits in Münster und anschließend in Freiburg anwandte, führt er sie jetzt auch in Geseke gemeinsam mit seinem Team um den Leitenden Oberarzt Vanni Förster durch. Patient Siegfried Mühlenweg ist hellauf begeistert. „Die Wunde hat mich über Monate hinweg fast in den Wahnsinn getrieben - und jetzt ist sie so gut wie verheilt. Das habe ich kaum noch für möglich gehalten. Ich bin sehr glücklich über die neue Lebensqualität“.