Bünde. Wenn die Katze oder der Hund zum Tierarzt muss, kann es für Herrchen und Frauchen richtig teuer werden. Im November 2022 - also vor nunmehr drei Jahren - ist die neue Fassung der Gebührenordnung für Tierärzte (GOT) in Kraft getreten, die bei Tierbesitzern nach einem Besuch mit ihren Vierbeinern in der Praxis spontan für Ebbe auf dem Konto sorgen kann. Im Schnitt sind die Behandlungskosten um rund ein Drittel gestiegen. Und das sorgt immer wieder für heftige Kritik seitens der Tierhalter – vor allem dann, wenn beispielsweise ältere Menschen mit einer kleinen Rente oder Familien mit geringem Einkommen die Tierarztrechnungen nicht mehr bezahlen können. „Das ist ein hochemotionales Thema“, weiß auch Tierärztin Kerstin Labann aus Bünde. Aber sie ruft auch dazu auf, die Perspektive ihres Berufsstandes dabei nicht aus dem Blick zu verlieren. Die deutlich höheren Behandlungskosten seien immer wieder Thema, und von Kollegen wisse sie, dass diese nicht selten von Tierhaltern angegangen, verunglimpft und an den Pranger gestellt würden. Dagegen wehrt sie sich. „Tierärzte werden mit dem Vorwurf konfrontiert, sie wollten sich bereichern und nur Profit machen. Aber jemand, der reich werden will, wird in Deutschland auch heute sicher kein Tierarzt“, macht Labann deutlich. Vor der letzten Neufassung der GOT seien die Gebühren 1999 das letzte Mal erhöht worden. „Das hat dazu geführt, dass die Tiermedizin insgesamt nahe am Kollaps war, weil Praxen und Kliniken nicht mehr rentabel geführt werden konnten. Das ist erst seit der Neufassung von 2022 annähernd wieder möglich“, erklärt Labann, die eine Praxis in Bünde-Ennigloh führt. Darunter gelitten hätte zuvor das gesamte Versorgungssystem für Tiere, da zahlreiche Praxen schließen oder ihre Behandlungszeiten drastisch reduzieren mussten. „An eine Bezahlung des Personals für einen 24-Stunden-Notdienst war überhaupt nicht mehr zu denken. Und auch heute ist das noch schwierig darzustellen.“ Bünder Tierärztin rettet angefahrene Katze - auf eigene Kosten Natürlich habe auch sie mit Fällen zu tun, in denen sie Mitleid habe und nach Lösungsmöglichkeiten suche. „Seniorinnen und Senioren sind nicht selten zusammen mit ihrem Hund oder ihrer Katze gealtert. Sie haben sich das Tier dann noch unter anderen Bedingungen angeschafft und plötzlich wird das Tier krank und die kleine Rente reicht nicht aus, um die Behandlung zu zahlen – da suchen wir natürlich gemeinsam nach einer Lösung. Das kann zum Beispiel eine Ratenzahlung sein.“ Grundsätzlich seien Tierärzte empathische Menschen, die in ihrem Beruf alles geben für das Tier, betont Labann. Die Bünder Tierärztin erinnert sich an einen Fall vor wenigen Wochen: „Da kamen junge Leute mit einer sechs Monate alten Katze in die Praxis. Sie war angefahren worden und hatte sich das Bein gebrochen.“ Ob sie die Katze einschläfern könnten, bezahlen könnten sie aber nichts, hatten die Finder des verletzten Tieres gesagt. „Das würde niemand machen bei einem solch jungen Tier, der sich für diesen Beruf entschieden hat“, ist Labann überzeugt. Die Katze wurde behandelt - auf eigene Kosten. „Und dann mussten wir auch noch nach einem Zuhause suchen.“ Ein großes Problem sieht Kerstin Labann in der grundsätzlichen Haltung vieler Tierhalter, die sich ihrer Meinung nach ändern muss: „Die Leute müssen verstehen, dass Tierhaltung kein Grundrecht ist, sondern ein Luxus“, sagt sie. Und wer sich heute ein Tier anschaffe, müsse auch das nötige Verantwortungsbewusstsein mitbringen. Auch die eigene medizinische Versorgung könne ja nicht aus der Portokasse selbst bezahlt werden. „Da ziehen wir nur einfach eine Karte durch und merken es vielleicht nicht so.“ Bünder Tierärztin begrüßt Pflichtversicherung für Tiere In Deutschland sei die Tiermedizin eigentlich zu lange für die Halter bezahlbar gewesen. Für viele Veterinäre habe das aber eben bedeutet, dass sie die Versorgung nicht mehr länger hätten aufrechterhalten können, wenn das dabei geblieben wäre. Anpassen müsse sich jetzt vor allem das System. „Eine Pflichtversicherung für Tiere würde ich begrüßen“, sagt Kerstin Labann. Aber sie stellt auch fest, dass die Versicherungen, die jetzt schon zuhauf für Haustiere angeboten werden, ihre Angebote noch anpassen und weiterentwickeln müssen. Dass es künftig eine Selbstverständlichkeit wird, ein Tier, das man sich anschafft, auch zu versichern, wünscht sich Kerstin Labann. Dafür müsse der Versicherungsnehmer aber genau darauf achten, in welchen Fällen die Versicherung einspringe. Und auch für ältere Tiere wäre eine Versicherung natürlich nötig – diese Tiere werden aber derzeit von vielen Versicherungen nicht aufgenommen oder sogar in höherem Alter herausgeworfen. „Das braucht alles noch ein wenig Zeit“, so Labann. Vor der Erhöhung der GOT habe es kaum Versicherungen für Tiere gegeben. „Das muss sich alles erst aufbauen und einspielen. Ich bin mir sicher, dass das Versicherungssystem für Tiere in spätestens zehn Jahren funktionieren wird.“ Verantwortung liegt bei den Tierhaltern Sieh dir diesen Beitrag auf Instagram an Ein Beitrag geteilt von 𝕊venja🍓 | Artgerechte Kaninchenhaltung (@svenjazoerakel.art) Ganz oben über dem Thema steht für Kerstin Labann die Verantwortung – „und die liegt bei den Tierhaltern, die sich dafür entscheiden, sich einen Hund oder eine Katze anzuschaffen“, sagt sie ganz deutlich. Auch wenn Menschen mit ihren Tieren kämen und argumentieren, dass sie ja einen Tierschutz-Hund aufgenommen hätten und ob man ihnen nicht ein wenig entgegenkommen könnte, verweist Labann darauf, dass auch die medizinische Versorgung bedacht werden muss, wenn ein Hund angeschafft wird. „Eigentlich wollen wir ja alle das gleiche – dass es den Tieren wieder gut geht“, sagt die Tierärztin. Und deshalb seien sie und die meisten ihrer Kollegen in Fällen, wo es wirklich nachvollziehbare finanzielle Probleme gäbe, immer bereit, eine Lösung zu finden. „Leider geht das aber nur allzu oft in die falsche Richtung und wir Tierärzte stehen am Pranger.“