Bielefeld. ITler und Softwareentwickler haben eine sichere Zukunft. Lange galt diese Aussage, schließlich gibt es kaum noch Lebensbereiche, die nicht von der Digitalisierung berührt werden. Aber wie sicher sind die Arbeitsplätze von Programmierern heute noch? Vor Kurzem kündigte der US-amerikanische Computer-Konzern HP an, bis 2028 weltweit 4.000 bis 6.000 Stellen streichen zu wollen, unter anderem im Bereich der Produktentwicklung. Meldungen wie diese erwecken den Eindruck: In der IT-Branche hat sich der Wind gedreht. HP nimmt für die strategische Neuausrichtung Berichten zufolge Kosten von 650 Millionen Dollar in Kauf. Allerdings werde die Maßnahme über einen Zeitraum von drei Jahren voraussichtlich zu einer Ersparnis von einer Milliarde Dollar führen, so die Unternehmensprognose. Für Professor Hans Peter Rauer von der Hochschule Bielefeld mit Standort in Gütersloh passt die Nachricht zum Trend: „Das ist nicht so überraschend, viele andere Konzerne wie Microsoft oder Amazon bauen Stellen in diesem Bereich ab.“ Rauer leitet an der Hochschule den 2024 gestarteten Studiengang Software Engineering und verfolgt in dieser Funktion auch die Entwicklung von KI in der IT-Branche. Laut Experten hat KI ihren Wert in der Softwareentwicklung bewiesen „KI hat in der Softwareentwicklung – anders als in anderen Bereichen – bewiesen, dass sie die Effizienz deutlich steigern kann“, bestätigt Rauer. Doch was bedeutet das für die Zukunft des Programmierers? „Es wird nicht so sein, dass das Berufsfeld auf absehbare Zeit verschwindet“, prognostiziert Rauer. „Dafür ist die Nachfrage noch zu groß.“ Viele Stellen, die nun von den Tech-Konzernen abgebaut würden, seien erst in der Corona-Pandemie geschaffen worden. „Ich denke, das Berufsbild an sich wird eher interessanter, weil man sich durch KI einfache Tätigkeiten spart“, fährt Rauer fort. Es sei aber unverzichtbar, dass qualifizierte Menschen ein Auge auf wichtige Codes hätten, wie etwa solche in Verbindung mit Geldinstituten. Rauers Aussagen decken sich mit Experteneinschätzungen, wonach sich die Rolle des Programmierers zwar verändere, nicht aber überflüssig werde. „Statt selbst jede Codezeile zu schreiben, rücken übergreifendes Systemdenken, Kreativität, strategischer Weitblick und der gezielte Einsatz von KI in den Vordergrund“, kommentiert etwa IT-Manager Murali Sastry in einem Meinungsbeitrag auf der Fach-Website „ComputerWeekly.de“. Professor bescheinigt Programmierern gute Karrierechancen Die Situation von Softwareentwicklern sei vergleichbar mit der von Mathematikern vor und nach der Erfindung des Taschenrechners, so Rauer. Demnach sei KI eher hilfreiche Ergänzung als Gefahr. In einem Übersichtsvideo auf der Website der Hochschule nennt Rauer KI zudem als expliziten Bestandteil der Lehrinhalte. Darin betont Rauer außerdem: „Unsere Absolventinnen und Absolventen haben glänzende Karrierechancen.“ Doch wie wird die KI-Frage in der Wirtschaft beantwortet? Die Nachricht von den Stellenkürzungen hat etwa auch den regionalen Computerhersteller Wortmann mit Standort in Hüllhorst erreicht. „Der Schritt von HP zeigt, dass große Konzerne Prozesse sehr stark zentralisieren und standardisieren, um Skaleneffekte zu heben“, ordnet Pressesprecher Sven Öpping ein. „Bei Wortmann schauen wir differenzierter auf das Thema, weil unsere Software-Aufgaben eng an unsere eigene Wertschöpfung gebunden sind“, fährt er fort. „Wir setzen seit jeher – und auch weiterhin – stark auf persönlichen Kontakt zu unseren Partnern über alle Ebenen hinweg. Viele Anforderungen entstehen im direkten Austausch und brauchen Domänenwissen, Verantwortung sowie schnelle, pragmatische Entscheidungen. Das lässt sich nicht wegautomatisieren.“ Unternehmen aus OWL will aktuell keine Stellen für KI streichen Ähnlich wie Hans Peter Rauer erwarte das Unternehmen kein Aus für den Beruf, „sondern eine Verschiebung der Schwerpunkte“ hin zu „mehr Assistenz und weniger Routine“, so Öpping. „KI-Tools können Standard-Code, Testskelette oder Dokumentation schneller erzeugen. Entwickler werden dadurch produktiver, aber sie bleiben für Architektur, Qualität, Sicherheit und fachliche Korrektheit verantwortlich.“ KI nehme indes eher „Fleißarbeit“ ab. Programmierer seien bei Wortmann in den Bereichen Warenwirtschaft und Prozesssteuerung, Cloud und Rechenzentren sowie der eigentlichen Produktion beschäftigt, so Öpping weiter. „Es handelt sich um überschaubare, spezialisierte Teams, die unmittelbar an unseren Kernprozessen arbeiten – nicht um große, austauschbare Programmier-Fabriken.“ Gerade Anpassungen der Warenwirtschaft sowie interne Prüf- und Testroutinen seien „so spezifisch, dass sie nicht durch KI ersetzt werden können“. Gleiches gelte für Anwendungen beim Betrieb der Rechenzentren. „Unsere internen Prüf-, Test- und Warenwirtschaftsanpassungen sowie der Betrieb der Rechenzentren erfordern Verantwortung, Erfahrung und tiefes Prozessverständnis.“ KI-Werkzeuge würden als Produktivitäts- und Qualitätshebel angesehen, „nicht als Ersatz für unsere Fachkräfte“, stellt Öpping klar. „Perspektivisch kann KI dort interessant werden, wo wir eigene KI-Prozesse innerhalb unserer Struktur entwickeln und betreiben – etwa auf Basis unserer Geräteflotte.“ Das sei aktuell aber kein Projekt, bei dem Stellen reduziert werden sollen.