Bielefeld. Der antisemitische Zwischenfall an der Uni Bielefeld, bei dem ein Vortrag eines Experten zum „Akademischen Antisemitismus“ durch pro-palästinensische Aktivisten massiv gestört wurde, war nicht der erste seiner Art. Davon berichtet die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Nordrhein-Westfalen (RIAS NRW). Die Störaktion erschüttert mittlerweile auch höhere Stellen. Teilnehmer des Vortrags von Antisemitismusexperte Andreas Stahl am vergangenen Montag berichteten von „beängstigenden“ Zuständen. Demnach sollen mehrere Personen im Hörsaal mit palästinensischen Flaggen aufgesprungen sein und Parolen skandiert haben. Eine Gruppe soll sogar aggressiv versucht haben, die Zuhörer einzuschüchtern, erzählte beispielsweise ein Zuhörer. Experte Stahl wollte am Montag vor den rund 45 Zuhörern referieren, wie man den „israelbezogenen Antisemitismus“ erkennt, bei dem antijüdische Vorurteile mit der israelischen Politik begründet und verallgemeinert werden. Als ein Erkennungsmerkmal für eine solche Haltung gilt etwa die Ablehnung des Existenzrechts Israels. Aufgrund des brisanten Themas und einer Gefahrenbewertung seitens der Uni war ein Sicherheitsdienst vor Ort. Der alarmierte später sogar die Polizei. Die Uni-Rektorin Angelika Epple kündigte an, Konsequenzen zu prüfen - ob dabei strafrechtlich relevante Antisemitismus-Aussagen gefallen seien, müsse die polizeiliche Ermittlung ergeben. Störung an Bielefelder Uni kein Einzelfall Ein RIAS-Sprecher betont nun auf Anfrage: „Die Störung des Vortrags an der Universität Bielefeld ist kein Einzelfall“. Schon im April dieses Jahres sei es zu einer weiteren Störaktion eines Vortrags gekommen. Es habe sich damals um einen Vortrag vom „Bündnis gegen Antisemitismus Bielefeld (BGA)“, gehandelt, in dem es um Antizionismus in der Klimabewegung gehen sollte. „Auch dort kam es zu Dämonisierungen und Delegitimierungen Israels, die als israelbezogener Antisemitismus zu werten sind“, berichtet der Sprecher. Auch das Bündnis selbst berichtete damals von dem Zwischenfall. BGA und RIAS nennen zudem einen weiteren Zwischenfall. Kurz nach dem Vortrag habe der AStA der Bielefelder Uni - der Zusammenschluss vertritt die Interessen der Studierenden - eine Ausstellung mit dem Titel „From Palestine to Tamil Eelam” organisiert. In dieser, so ein RIAS-Sprecher, sei „das Existenzrecht Israels in Grafiken und Begleittexten mehrfach bestritten“ worden. Der Sprecher weiter: „Zu sehen war unter anderem eine Karte von Palästina, auf der Israel nicht mehr existierte, sowie ein Soldat mit einem Davidstern auf dem Helm, dessen Kopf gespalten war. Daneben stand ’Smash Zionism’.“ Existenzrecht Israels geleugnet? Ebenfalls im Mai sei an der Uni eine Petition beworben worden, die sich gegen jegliche Zusammenarbeit der Universität Bielefeld mit israelischen Forschungseinrichtungen gewandt und zum Boykott Israels aufgerufen habe. Laut RIAS-Sprecher sei auch hier das Existenzrecht Israels geleugnet und der jüdische Staat mit dämonisiert worden. Laut einer Studie der Universität Konstanz haben in jüngster Vergangenheit gleich mehrere Hochschulen antisemitische Vorfälle gemeldet. Unter mehr als 90 befragten Einrichtungen gaben etwa 40 Prozent der Leitungen an, dass es zu entsprechenden Zwischenfällen etwa in Form von Graffiti, Aufklebern, Plakaten oder antisemitischen Parolen auf dem Hochschulgelände gekommen sei. .responsive23-9BKl8yNCewA3KJHj-bar-grouped-vertical-antisemitische-vorfaelle-an-nrw { width: 100%; padding-top: 100%; } @media (max-width: 600px) { .responsive23-9BKl8yNCewA3KJHj-bar-grouped-vertical-antisemitische-vorfaelle-an-nrw { padding-top: 100%; } } @media (max-width: 360px) { .responsive23-9BKl8yNCewA3KJHj-bar-grouped-vertical-antisemitische-vorfaelle-an-nrw { padding-top: 142.86%; } } Antisemitismus seit Hamas-Angriff gestiegen Antisemitismus hat vor allem nach dem terroristischen Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 sowie den Ereignissen in der Folge massiv zugenommen, berichten Experten. Laut NRW-Verfassungsschutz sei dieser „bis in die Mitte der Gesellschaft verbreitet“. Antisemitisch motivierte Straftaten haben im Bundesland mittlerweile massiv zugenommen. Der Nachrichtendienst beobachtete, dass sich studentische Gruppen mehrheitlich pro-palästinensisch positionierten. Dabei fehle es stellenweise an einer Abgrenzung zu „israelbezogenem Antisemitismus“. Teils seien die Narrative sogar geduldet. Es habe zudem Unterstützung aus der linksextremen Szene gegeben. Laut RIAS seien die Akteure der Störaktionen in Bielefeld „meist dem linksautoritären und israelfeindlichen Spektrum zuzurechnen“, berichtet ein Sprecher. Antisemitismusbeauftragte berichtet von Juden, die Angst haben Die Antisemitismusbeauftragte NRW, Sylvia Löhrmann, sagt: „In den vergangenen Jahren war ein signifikanter Anstieg von antisemitischen Vorfällen an Hochschulen und Universitäten in Deutschland zu verzeichnen.“ Dies sei auch in NRW der Fall, wo es regelmäßig zu Störungen oder sogar tätlichen Angriffen komme. „Viele jüdische Studierende und auch Dozierende ebenso wie Personen, die sich öffentlich gegen Antisemitismus positionieren oder für die Solidarität mit Israel eintreten, berichten mir von Angst und realen Bedrohungen“, sagt Löhrmann. Sie betont: „Universitäten müssen Orte der argumentativen Auseinandersetzung und Debatten sein. Aber es dürfen niemals antisemitische Narrative im Namen der Wissenschafts- noch der Meinungsfreiheit gesellschaftsfähig werden.“ Den Universitäten komme „eine besondere Verantwortung“ zu, diesen mit Wissensvermittlung und den angemessenen Formaten entgegenzuwirken. Löhrmann sagt mit Blick auf den jüngsten Vorfall in Bielefeld: „Dass gerade solche Formate gestört werden, ist unbegreiflich, und ich hoffe sehr, dass sich die Personen nicht entmutigen lassen, weiterhin gegen Antisemitismus und für unsere demokratischen Werte einzutreten.“