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Neue Studie

Anderes Bundesland prescht vor: Braucht NRW auch Medienbildung als Pflichtfach?

Laut einer neuen Studie des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest verbringen Jugendliche etwa vier Stunden täglich vor dem Bildschirm ihres Smartphones. © Elisa Schu/dpa

Bielefeld. Ein Leben ohne Smartphone und ständiger Verfügbarkeit auf Social Media ist heute für viele Menschen nur noch schwer vorstellbar – gerade für Jugendliche oder junge Erwachsene, die im postdigitalen Zeitalter aufgewachsen sind. Laut der kürzlich veröffentlichten JIM-Studie (Jugend, Internet, Medien) des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest verbringen Jugendliche durchschnittlich etwa vier Stunden täglich vor dem Bildschirm ihres Smartphones.

Dabei finden sich in den sozialen Netzwerken Massen sogenannter Influencer, die künstliche und realitätsferne Lebensentwürfe vermitteln. Zudem KI-generierte Videos, die kaum noch als solche zu erkennen sind, sowie populistische Meinungsmache und Fake News. Wie also mit einer solchen digitalen Umgebung umgehen, die für die große Mehrheit unverzichtbar geworden ist?

Die australische Regierung hat sich in dieser Frage für eine Maßnahme der drastischen Art entschieden und ein Social-Media-Verbot für alle unter 16-Jährigen verhängt, wie es etwa auch Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) gefordert hatte. Ein Vorschlag, der von einer deutlichen Mehrheit in Deutschland abgelehnt wird, wie beispielsweise auch vom Deutschen Lehrerverband. Für einen anderen Weg hat sich indes die Landesregierung von Baden-Württemberg entschieden.

Medienbildung als Pflichtfach in Baden-Württemberg

Seit Anfang des laufenden Schuljahres wird dort an den weiterführenden Schulen das Pflichtfach „Informatik und Medienbildung“ unterrichtet. Einstündig in allen Jahrgangsstufen. Das Bildungsministerium des Landes hat dazu eine Lesehilfe erarbeitet, die die Lehrkräfte in der Gestaltung des Unterrichts unterstützen soll. Auch in Rheinland-Pfalz wird an ausgewählten Schulen Informatik als Pflichtfach getestet.

Die erhöhten Anforderungen an Medienbildung schreien nach einer klaren Strategie. Trotzdem versuchen es die Länder erst mal mit Alleingängen. So trifft der baden-württembergische Weg in NRW nicht auf viel Zustimmung. Ein neues Schulfach zum Zwecke der Medienbildung? Aktuell unrealistisch. So lautete zumindest die Einschätzung des SPD-Landtagsabgeordneten Thorsten Klute im Gespräch mit dieser Zeitung. Dafür müsse erst die entsprechende Bildungsinfrastruktur geschaffen werden.

Gewerkschaftschefin von NRW lehnt weiteres Schulfach ab

Auch Ayla Celik, Vorsitzende der Bildungsgewerkschaft NRW (GEW NRW), hält die Einführung eines neuen Schulfaches, wie nun in Baden-Württemberg, nicht für die richtige Reaktion auf das mediale Konsumverhalten junger Erwachsener. „Nicht, weil wir Informatik oder Medienbildung für unwichtig halten – ganz im Gegenteil“, erklärt Celik. „Problematisch“ sei allerdings „die Zusammenführung beider Bereiche in einem einzigen Fach mit lediglich einer Wochenstunde“.

Informatik und Medienbildung verfolgten unterschiedliche Ziele und benötigten unterschiedliche didaktische Zugänge, so Celik weiter. „Beides in dieser Form zusammenzulegen, wird weder der Fachlichkeit der Informatik noch dem Anspruch einer wirksamen Medienbildung gerecht.“

Ayla Celik, NRW-Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft, lehnt die Einführung eines neuen Pflichtfaches zum Zwecke der Medienbildung ab. - © GEW NRW
Ayla Celik, NRW-Landesvorsitzende der Bildungsgewerkschaft, lehnt die Einführung eines neuen Pflichtfaches zum Zwecke der Medienbildung ab. (© GEW NRW)

Die GEW NRW stehe in engem Kontakt mit der GEW Baden-Württemberg. „Dort machen unsere Kolleg*innen deutlich, dass Medienbildung kein Anhängsel sein darf, sondern als Querschnittsaufgabe aller Fächer ernst genommen werden muss“, berichtet Celik. „Genau dafür brauchen wir aber entschlackte Lehrpläne und echte Zeitfenster und nicht ein weiteres Fach on top.“

Zu wenig Lehrpersonal für neues Fach in NRW

In der Praxis sei die Einführung eines neuen Fachs schlichtweg kaum umzusetzen. „Der Lehrkräftemangel ist eklatant, in NRW fehlen weiterhin circa 7.000 grundständig ausgebildete Lehrkräfte“, sagt Celik. Besonders im Bereich Informatik gebe es viel zu wenig Lehrpersonal. „Dieses strukturelle Problem lässt sich nicht kurzfristig durch Fortbildungen lösen.“ Medienbildung sei zudem besonders herausfordernd. „Die technische Entwicklung ist so dynamisch, dass klassische Fortbildungskonzepte kaum Schritt halten können.“

Untätig seien Bildungseinrichtungen in NRW aber nicht, so Celik. „Positiv hervorzuheben ist etwa das Projekt ‚Informatik an Grundschulen‘, das frühzeitig informatische Grundideen vermittelt. Auch die Möglichkeit, Informatik an Gesamtschulen und Gymnasien als Wahlpflichtfach zu belegen, ist sinnvoll“, findet sie.

NW fördert Medienkompetenz mit „Klasse!“-Projekt

Auch die „Neue Westfälische“ beteiligt sich an der Förderung von Medienbildung in Schulen und hilft Jugendlichen, sich in der digitalen Welt zu orientieren, Informationen kritisch zu hinterfragen und verlässliche Quellen von Meinungsmache zu unterscheiden. „Genau hier setzt unser Projekt „Klasse!“ an“, sagt Chefredakteurin Andrea Rolfes. „Wir wollen damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Medienkompetenz und Demokratieverständnis leisten.“

Doch mit solchen Projekten sei noch nicht genug getan, findet Ayla Celik. „Was fehlt“, räumt sie ein, „ist eine verbindliche, systematische Stärkung der Medienbildung über alle Schulformen hinweg. Angesichts der Ergebnisse der JIM-Studie wird deutlich, dass wir eine gute, inklusive und ganzheitliche Bildung nur mit genügend Personal, Zeit und professioneller Begleitung erreichen können“, stellt die Landesvorsitzende klar. „Medienkompetenz entsteht nicht durch Technik, sondern durch pädagogische Arbeit.“

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