Kreis Gütersloh. Neues Jahr, neues Glück – neuer Vorsatz? Eines der beliebtesten Ziele 2026: abnehmen. Laut einer aktuellen Umfrage des Online-Portals Statista landet dieser Vorsatz in Deutschland auf Rang vier. 37 Prozent nehmen sich vor, in den kommenden Monaten ihr Gewicht zu reduzieren. Mit der Abnehmspritze scheint – zumindest wenn man zahlreichen Werbeanzeigen glaubt – ein Wundermittel gefunden. Spritzen, abnehmen und fertig. Aber ist es wirklich so einfach? Daniel Winter, Chefarzt in der Klinik für Allgemeine Innere Medizin, Endokrinologie und Diabetologie im Vinzenz-Hospital in Rheda-Wiedenbrück, setzt in seiner Sprechstunde am Adipositaszentrum alle gängigen Präparate ein. Dazu zählen Semaglutid (Wegovy/Ozempic) und Tirzepatid (Mounjaro). Laut Winter wirkt die Spritze, ist aber nur bei einem medizinischen Anlass vorgesehen. Und: Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen meist nicht. Für die Redaktion erläutert der Mediziner exklusiv die Nutzen, Kosten und Nebenwirkungen. Weniger Hunger, langsamere Verdauung: Was die Abnehmspritze macht In der Abnehmspritze steckt ein hormonähnliches Medikament, das ursprünglich zur Behandlung der Zuckererkrankung Diabetes Typ 2 entwickelt worden ist und in den Stoffwechsel eingreift. Der mittlerweile gängige Name ist auf die größte Nebenwirkung des Medikaments zurückzuführen: die Gewichtsreduktion. Durch das Medikament werden die Verdauung und die Magenentleerung verlangsamt, das Hungergefühl verringert und das Sättigungsgefühl verstärkt. Das Ergebnis: Patienten haben weniger Appetit – und essen automatisch weniger. „Ich halte diese Medikamenten-Option für einen wahnsinnigen Forschungsfortschritt“, sagt Winter, „wir können deutliche Erfolge in der Gewichtsreduktion und auch eine Verbesserung der Begleiterkrankungen feiern. Lebensgefühl und Selbstwertgefühl der Patienten steigen.“ Indikation statt Lifestyle: Wer die Abnehmspritze bekommt Aus Sicht des Rheda-Wiedenbrückers wird vor allem in den Sozialen Medien zu leichtfertig für die Abnehmspritze geworben. Es handele sich aber um ein verschreibungspflichtiges Medikament mit klarer Indikationsstellung, „das nicht leichtfertig für die Allgemeinbevölkerung einzusetzen ist.“ Es muss also ein medizinisch berechtigter Grund vorliegen. „Vorher muss eine Therapie mit mehr Bewegung und Ernährungsumstellung erfolgt sein“, erläutert Winter. Bedeutet: Zuerst sollten es Betroffene mit Sport und Diät versuchen. Wenn das nicht anschlägt, kann eine Spritzentherapie folgen. Ein Rezept erhalten adipöse Menschen mit einem Body-Mass-Index (BMI) größer oder gleich 30 oder übergewichtige Patienten mit einem BMI von 27. Wobei im letzteren Fall gewichtsbedingte Begleiterkrankungen wie Diabetes Typ 2, Bluthochdruck, Atemaussetzer im Schlaf oder Fettstoffwechselstörungen vorliegen müssen. 10 bis 15 Kilo weniger: Was die Abnehmspritze schafft Wie viel Menschen durch die Spritze an Gewicht verlieren, hängt vom Präparat ab. Innerhalb eines Jahres sind laut Winter 14 bis 17 Prozent Gewichtsverlust möglich. Umgerechnet auf Kilogramm können das zwischen 10 und 15 Kilogramm sein – in einigen Fällen mehr. Übelkeit, Durchfall, Haarausfall: Risiken und Grenzen der Abnehmspritze Der Chefarzt verschweigt allerdings nicht die Risiken und Nebenwirkungen. Gerade zu Beginn einer Spritzentherapie können Übelkeit, Verstopfungen, Erbrechen und Durchfall auftreten. Neuerdings hat Daniel Winter in seinen Sprechstunden beobachtet, dass Patienten über Haarausfall klagen. „Der stellt sich aber im Laufe der Monate wieder ein.“ Winter verweist außerdem darauf, dass mit großer Wahrscheinlichkeit ein Jo-Jo-Effekt eintreten wird. Bei vielen Patienten habe man zwölf Wochen nach Absetzen der Präparate einen erneuten Gewichtszuwachs erkennen können; teilweise sogar um 50 Prozent des Ausgangsgewichts. „Je stärker die Patienten, egal ob Männer oder Frauen, Gewicht unter Spritzentherapie abgenommen haben, desto mehr haben sie nach dem Absetzen wieder zugenommen.“ Deshalb würden die Hersteller zu einer dauerhaften Einnahme raten. 500 Euro pro Monat: Das kostet die Abnehmspritze Gesetzliche Krankenkassen zahlen nur bei Diabetes Typ2. Laut dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) gelten diese Medikamente für die reine Gewichtsabnahme als „Lifestyle-Arzneimittel“ und werden deshalb nicht von der Krankenkasse übernommen. Die Kosten variieren je nach Stoffklasse und Dosis. Laut Winter muss man mit 277 bis 498 Euro pro Monat rechnen. Der Chefarzt warnt jedoch vor Fälschungen. Es habe sich ein Schwarzmarkt für die Präparate entwickelt und ein Handel mit nicht lizenzierten Produkten. „Vor der Verwendung dieser Produkte rate ich dringend ab!“ Auch das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte hatte vor einiger Zeit eine offizielle Warnung vor Fälschungen des Arzneimittels Ozempic herausgegeben. Das Institut appellierte an Apotheker, vor der Abgabe der Medikamente an Patienten jede Primärverpackung auf ihre Echtheit zu prüfen.