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Gastbeitrag zum 80. Jahrestag

Gründung der CDU: Als Adenauer in Herford ein Zeichen setzte

Eine undatierte Aufnahme von CDU-Politiker Konrad Adenauer, der von 1949 bis 1963 der erste Kanzler der Bundesrepublik war. © picture-alliance / dpa

Vor 80 Jahren, am 22. Januar 1946, hat eine kleine Gruppe von 26 Delegierten aus der britischen Zone im Herforder Rathaus deutsche und europäische Geschichte, die bis heute wirkmächtig geblieben ist, geschrieben. An diesem Tag trafen sie sich dort auf Einladung des 1945 von den Amerikanern eingesetzten Herforder Oberbürgermeisters Friedrich Holzapfel, der 1900 in Bielefeld geboren worden war, dem protestantischen politischen Konservatismus angehört hatte und 1937 von den Nazis als Hauptgeschäftsführer der Bielefelder Handwerkskammer abgelöst worden war.

Die Briten hatten die Gründung von Parteien in der britischen Zone erlaubt. Holzapfel, der seit September 1946 stellvertretender Vorsitzender der gerade gegründeten CDU Westfalen-Lippe war, konnte mit dem Tagungsort Herford werben, weil er in dem ersten sehr kalten Kriegswinter des Mangels an einem zentralen Ort eine warme Tagungsstätte und warmes Essen bieten konnte. Er selbst hatte sich als Vertreter des evangelischen Parteiflügels berechtigterweise Hoffnung auf den Vorsitz gemacht.

Während er noch als Hausherr Gäste begrüßte, setzte sich der Kölner Konrad Adenauer, der wenige Tage zuvor 70 Jahre alt geworden war, eigenmächtig auf den Stuhl des Vorsitzenden, der noch heute im Rathaus steht, und erklärte die Sitzung überraschend für eröffnet. Am Ende setzte er sich als Vorsitzender dauerhaft durch, Holzapfel wurde Stellvertreter.

Herforder Holzapfel war Adenauers innerparteilicher Gegner

Auch später als Landtags- und Bundestagsabgeordneter (1949-53 für den Wahlkreis Warburg/Büren) und als CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender im Frankfurter Wirtschaftsrat gehörte er stets zu den innerparteilichen Gegnern Adenauers. Dennoch wurde er auf dem Gründungsparteitag der Bundes-CDU 1950 in Goslar, erst ein Jahr nach der Bundestagswahl, als Vertreter des evangelischen Flügels für zwei Jahre als stellvertretender Vorsitzender gewählt. Ab 1953 wurde er deutscher Gesandter/Botschafter in der Schweiz, wo seine Karriere 1958 etwas dubios endete. In Bielefeld wurde er 1969 beerdigt.

Elmar Brok auf dem Stuhl im Herforder Rathaus, den sich Adenauer 1946 schnappte. - © Privat
Elmar Brok auf dem Stuhl im Herforder Rathaus, den sich Adenauer 1946 schnappte. (© Privat)

Der erfahrende Operator Adenauer, der von Amerikanern auf Vorschlag eines jüdischen Freundes als Kölner OB wieder eingesetzt worden war und unter der britischen Labour-Regierung im Oktober 1945 wieder abgesetzt worden und mit einem zeitweisen Politikverbot belegt worden war, weil er u. a. die Abholzung des von ihm nach 1918 geschaffenen Kölner Grüngürtels verweigert hatte, startete mit einem temporeichen organisatorischen und programmatischen Aufbau der neuen Partei. Die Sammlung seiner Briefe aus den Jahren 1946/47 ist geradezu eine spannende Lektüre. Schon wenige Wochen nach Herford wurde am 1. März in Hüsten das erste weitreichende Programm beschlossen, das am 3. Februar 1947 durch das berühmte Ahlener Programm ausgebaut wurde.

Christliches Menschenbild hatte für CDU-Gründer hohen Stellenwert

Die katholischen Gründer der CDU wollten nicht an der Tradition des Zentrums anschließen, weil es – entstanden durch den Kulturkampf Bismarcks gegen den politischen Katholizismus – für die Teilung der Christen in der Politik und der Zustimmung zu dem Ermächtigungsgesetz Hitlers stand. Nach dem Materialismus der Nazi-Zeit hatte für die Gründer der CDU das christliche Menschenbild, das Christentum ohne Klerikalismus konfessionsübergreifend einen sehr hohen Stellenwert.

Von den genannten Programmen bis zu den Düsseldorfer Leitsätzen von 1948 spielten die eher soziale katholische Soziallehre und die vor allem auch die durch die evangelische Sozialethik mitgeprägte eher liberale Freiburger Schule eine entscheidende Rolle. Mit den Vordenkern, dem Jesuiten Nell Breuning und dem späteren Erhard-Staatssekretär Müller-Armack, der als Erfinder des Begriffs Soziale Marktwirtschaft gilt, durfte ich in meinen jungen Jahren noch intensive Diskussionen führen.

Das Ahlener Programm trägt die Überschrift „Die CDU überwindet Kapitalismus und Marxismus“. Die ersten Sätze lauten: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. Nach dem (…) Zusammenbruch als Folge einer verbrecherischen Machtpolitik kann nur eine Neuordnung von Grund aus erfolgen. Die CDU prägt als Alternative zu Kapitalismus und Staatssozialismus den Begriff des „machtverteilenden Prinzips“. Niemand dürfe in Staat und Wirtschaft – weder Politik noch Unternehmen – zu viel Macht besitzen. Es wird auch die Mitbestimmung der Arbeitnehmer in den Betrieben und in der Führung der Unternehmen gefordert. Aber auch das Privateigentum in sozialer Verantwortung sollte gewährleistet sein.

Adenauer kämpfte für europäische Einigung

In seiner Rede in der Kölner Universität hatte Adenauer auch – wie schon in der Weimarer Republik – das Ende des Nationalismus und eine weitreichende europäische Einigung gefordert. Der Parlamentarische Rat, den der in Herford gewählte CDU-Zonenvorsitzende Adenauer geleitet hatte, machte im Rahmen des Grundgesetzes diese Politik möglich oder teilweise sogar zwangsläufig. Deshalb hat er auch gegen Widerstand in der eigenen Partei nach der Bundestagswahl eine Koalition gebildet, die nicht im ungefähren Kompromiss stecken bleiben sollte.

So hat er die Westintegration und die europäische Einigung, das machtverteilende Prinzip mithilfe der Erhardschen Kartell- und Wettbewerbspolitik, die noch heute im Vertrag von Lissabon festgeschrieben ist, und der Einführung der Mitbestimmungs- und Betriebsverfassungsgesetzgebung (gegen den BDI und mit dem DGB) durchgesetzt. Es entstand sofort eine starke parlamentarische Demokratie mit tollen Debatten und durch das Bundesverfassungsgericht gestärkte Rechtsstaatlichkeit. Eine deutsche Armee wurde erst geschaffen, als Adenauer mit seinem Wunsch nach einer europäischen an der französischen Nationalversammlung gescheitert war. Mit dem Godesberger Programm hat die SPD die Grundentscheidungen der Politik Adenauers akzeptiert.

Adenauer hat diese Programmatik entscheidend geleitet und geprägt. Als Kölner OB und Präsident des Preußischen Staatsrates hat er den aufkommenden Nationalsozialismus bekämpft und selbst nach der Machtergreifung Hitlers verfügt, Hakenkreuzfahnen aus dem Kölner Stadtbild zu entfernen. Deshalb wurde er des Amtes enthoben, musste sich verstecken, wurde verhaftet – immer wieder bis zum Ende des Krieges. Seine Frau wurde 1944 von den Nazis zu einem schrecklichen Selbstmordversuch getrieben, an dessen Folgen sie 1947 starb.

Ohne Herford wäre die Geschichte Deutschlands und Europas anders verlaufen. Fehlen uns heute im Zeitalter von Putin und Trump dieser Mut und diese Weitsicht?

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