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BIELEFELD

Letzte Fahrt für Mordopfer

Bielefelder bergen in OWL Opfer von Unfällen und Gewaltverbrechen

Letzte Fahrt für Mordopfer - © BIELEFELD
Letzte Fahrt für Mordopfer (© BIELEFELD)
Rafael (l.) und Sascha Quisbrock übernehmen die Überführung von Gewaltopfern. - © FOTOS: NICOLE DONATH
Rafael (l.) und Sascha Quisbrock übernehmen die Überführung von Gewaltopfern. (© FOTOS: NICOLE DONATH)

Bielefeld/Halle. Als Sascha und Rafael Quisbrock am späten 9. Februar nach Halle-Kölkebeck im Kreis Gütersloh fahren, herrscht draußen Eiseskälte und in ihrem Mercedes "Vito" Stille. Von der Polizei sind die Geschäftsführer des Bielefelder Überführungsunternehmens bereits darüber informiert worden, was sie in dem Haller Ortsteil zwischen Acker und Wäldchen erwartet: eine stark verweste Leiche, halb im Erdreich festgefroren, gefesselt, geknebelt. Es ist die seit Monaten vermisste Mutter dreier Kinder – Nelli Graf.

Seit neun Jahren haben die Brüder einen Vertrag mit dem Polizeipräsidium Bielefeld und führen sämtliche Bergungen durch, mit denen die Ermittler sie beauftragen. Sie werden zu Verkehrsunfällen mit Todesopfern gerufen. Zu Todesfällen in Privathaushalten, bei denen die Auffindesituation gegen ein natürliches Ableben spricht. Oder eben bei Kapitalverbrechen. Der Mord an dem türkischen Mädchen Kardelen aus Paderborn, der Mord an einer Frau auf einem Wanderweg an der Kahlen Wart im Kreis Minden-Lübbecke, der Mord an Nelli Graf – immer war es das Team von Quisbrock, das von der Polizei herbeigerufen wurde.

Information

Europaweit im Einsatz

  • Vor 20 Jahren hat Dieter Quisbrock, Vater der heutigen Geschäftsführer Rafael und Sascha Quisbrock, das Überführungsunternehmen in Bielefeld-Altenhagen gegründet. Es unterstützt Bestatter bei der Überführung von Toten.
  • Im Sektionsraum können selbst entstellte Unfallopfer so hergerichtet werden, dass eine Verabschiedung durch die Hinterbliebenen möglich ist.
  • Vom Arztzimmer aus werden Obduktionen auch zu Ausbildungs- und Lehrgangszwecken beobachtet.
  • Das Unternehmen hat sechs Fahrzeuge und zehn Mitarbeiter und agiert europaweit.

"Wir müssen uns an jedem Tag im Jahr rund um die Uhr bereithalten und sind verpflichtet, zumindest im Raum Bielefeld innerhalb von 30 Minuten mit zwei Leuten vor Ort zu sein", erläutert Sascha Quisbrock (36) Details aus dem Vertrag. Für die Strecke von Altenhagen nach Kölkebeck brauchen die "Hauderer", wie ihre historische Berufsbezeichnung lautet, natürlich länger. Schon, weil sie erst das Bergungsmaterial zusammenstellen müssen: Beleuchtungsgerät oder neu entwickelte Schutzhüllen vom Bundeskriminalamt, die einer Belastung von 500 Kilogramm standhalten.

Jeder weiß, wie man spurenschonend vorgeht

Doch auf eine halbe Stunde kommt es den Ermittlern in solchen Fällen nicht an. Vielmehr schätzen sie die Professionalität, die ihnen garantiert wird. In 20 Jahren haben die Mitarbeiter von Quisbrock alle naheliegenden wie unvorstellbaren Erfahrungen gesammelt. Jeder von ihnen weiß sehr genau, wie man möglichst spurenschonend vorzugehen hat. Immer. Für die Aufklärung eines Falls unerlässlich.

Auch an jenem Winterabend in Kölkebeck sind Geschick und Feinfühligkeit gleichermaßen gefragt: "Hier bestand die Herausforderung darin, den Körper mitsamt dem umgebenden Erdreich zu bergen. Das war letztlich ein Block von 2,50 Metern Länge und 1,20 Metern Breite", erinnert sich Sascha Quisbrock. "Gemeinsam mit dem THW und der Polizei, die bereits vor Ort waren, haben wir das gut geschafft", fährt er fort, ohne weiter ins Detail zu gehen. Noch in der Nacht wird der gefrorene Block in den Sektionsraum des Überführungsunternehmens gebracht. Hier kann er behutsam auftauen, ehe die zuständige Mordkommission und Gerichtsmediziner aus Münster Schicht für Schicht des rund 1.000 Kilogramm schweren Erdreichs entfernen und die sterblichen Überreste untersuchen können.

Hier untersuchen Ermittler der Mordkommission und Gerichtsmediziner Opfer. - © FOTO: NICOLE DONATH
Hier untersuchen Ermittler der Mordkommission und Gerichtsmediziner Opfer. (© FOTO: NICOLE DONATH)

Diese außergewöhnliche Infrastruktur, bestehend aus modernem Sektionsraum mit Absauganlage, Kalt- und Warmwasseranschlüssen und einem abgetrennten Arztraum, wird von den Ermittlern hoch geschätzt. Und zumindest ein Erfolg hat sich im Fall Nelli Graf eingestellt: Nicht zuletzt aufgrund der umsichtigen Bergung konnten die Spezialisten des Landeskriminalamtes DNA-Spuren des mutmaßlichen Täters an der Leiche entschlüsseln. Entsprechende Vergleichsproben sind mittlerweile genommen worden. Von 1.300 eingeladenen Männern kamen 1.100 zur Speichelprobe. Die restlichen 200 werden nun von der Polizei befragt, mit Probenergebnissen ist bald zu rechnen.

"Am schlimmsten sind die toten Kinder"

Sascha Quisbrock, im Privatleben Hallensprecher beim TBV Lemgo, lässt seinen Blick über die Kühlraumtüren gleiten, hinter denen im Katastrophenfall bis zu 23 Tote gelagert werden können; über seine sechs modernen Fahrzeuge; über die Särge. Dann sagt er: "Am schlimmsten sind die toten Kinder." Dann sind selbst Ermittler mitunter auf professionelle Hilfe der Notfallbegleitung angewiesen. Und Messie-Wohnungen. "Ja, Messie-Wohnungen, in denen lange Zeit ein Toter gelegen hat, sind auch fürchterlich", fährt der dreifache Familienvater fort. "Aber bei aller persönlichen Betroffenheit stehen für uns zwei Dinge immer Vordergrund: das professionelle Arbeiten und – der Respekt vor den Toten. Der hat immer höchste Priorität."

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