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Bielefelder wegen illegaler Downloads beschuldigt

Illegale Downloads im Netz: Mehr als 200 Bielefelder betroffen

Bielefelder wegen illegaler Downloads beschuldigt - © Bielefeld
Bielefelder wegen illegaler Downloads beschuldigt (© Bielefeld)

Bielefeld. Ein Schock für Silke Tötheide, als sie im September die Post öffnet: In einem Schreiben beschuldigt sie eine Kanzlei aus Hamburg, bei einer Tauschbörse im Netz illegal ein Computerspiel heruntergeladen zu haben. Sie soll hohe Anwaltskosten und Schadensersatz zahlen sowie eine Unterlassungserklärung unterschreiben. Die Wut ist groß. Aber Silke Tötheide ist kein Einzelfall.

Die Bielefelder Anwältin Julia Mamerow (46) hat in den vergangenen drei Jahren mehr als 50 dieser sogenannten Filesharing-Fälle auf den Tisch bekommen. "Die Zahl dieser Abmahnungen steigt rasant an", sagt Mamerow aus der Kanzlei Gunkel, Kunzenbacher und Partner.

Denn damit lasse sich richtig Geld machen. Experten werfen den Abmahn-Kanzleien und Rechteinhabern darum unseriöse Geschäftemacherei vor: Die Forderungen seien viel zu hoch, viele Abmahnungen unbegründet. Häufig treffe es Unschuldige, sagt Mamerow, Expertin für Medienrecht. Denn immer öfter werden Abmahnungen ungerechtfertigt verschickt.

Silke Tötheide (links) hat Post von einer Hamburger Kanzlei bekommen. Von ihrem Internet-Anschluss soll ein Kriegsspiel runtergeladen worden sein. Rechtsanwältin Julia Mamerow vertritt sie. - © FOTO/MONTAGE: ANDREAS ZOBE/ANDREAS FRÜCHT
Silke Tötheide (links) hat Post von einer Hamburger Kanzlei bekommen. Von ihrem Internet-Anschluss soll ein Kriegsspiel runtergeladen worden sein. Rechtsanwältin Julia Mamerow vertritt sie. (© FOTO/MONTAGE: ANDREAS ZOBE/ANDREAS FRÜCHT)

So könnte es etwa bei den Ermittlungen der angeblichen Schuldigen zu Fehlern kommen: Jeder Computer im Netz benötigt eine IP-Adresse – eine Zahlenreihe, die einem Rechner zeitweise zugeordnet wird. Beim Anbieter des Internetanschlusses kann über diese Adresse ermittelt werden, welcher Kunde wann online war.

Gleich zwei Mal innerhalb von eineinhalb Minuten sei vom Anschluss der Tötheides das Kriegsspiel "Dead Island" heruntergeladen worden, heißt es in dem Schreiben. "Völliger Unsinn", sagt Silke Tötheide. "Ich habe sofort einen Anwalt eingeschaltet." 1.500 Euro verlangte die Kanzlei aus Hamburg von ihr und ihrem Mann.

Tauschbörsen im Internet gibt es viele. Nutzer können dort Musik, Filme oder Spiele herunterladen, ohne dafür zu zahlen. Bloß ist das meistens nicht legal, denn die Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Rechteinhaber beauftragen deshalb die Anwaltskanzleien, um juristisch gegen das illegale Treiben vorzugehen.

Die Verbraucherzentrale Bielefeld hat in den vergangenen beiden Jahren mehr als 150 Internet-Nutzer beraten, die wegen illegaler Downloads zur Kasse gebeten wurden, sagt Anwältin Christina Peterhanwahr. In vielen Fällen sei aber gar nichts aus dem Internet runtergeladen worden, sagt sie. "Davon hören wir immer häufiger."

Häufig allerdings seien die Betroffenen ahnungslose Eltern, deren minderjährige Kinder im Internet unterwegs waren, sagt Peterhanwahr. Sie müssen aber nur unter bestimmten Umständen für den illegalen Musiktausch ihrer Kinder im Internet haften, hat der Bundesgerichtshof (BGH) im vergangenen Jahr entschieden:

Wenn Eltern ihre Kinder über die Rechtswidrigkeit der Tauschbörsen aufgeklärt haben, können sie für finanzielle Schäden auch nicht verantwortlich gemacht werden.

Alle Familienmitglieder wurden belehrt, dass sie keine Tauschbörsen zum illegalen Download benutzen dürfen, sagt Tötheide. Der Netzanschluss der Familie sei passwortgesichert, vor Gericht könne man das beweisen. Aber so weit kommt es häufig gar nicht. Mamerow: "Entweder hören wir von den Kanzleien nichts mehr, oder wir einigen uns außergerichtlich."

Silke Tötheide und ihr Mann haben die 1.500 Euro nicht gezahlt. Sie haben eine modifizierte Unterlassungserklärung unterschrieben, ohne die Schadensersatzansprüche anzuerkennen. Nach drei Jahren ist der Fall verjährt, sagt Julia Mamerow. Wenn dann keine Post mehr von der Hamburger Kanzlei kommt, ist die Familie aus dem Schneider.

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