Als „Blanc“ im Februar 2023 erschien, war es ein Experiment: ein komplett wortloses Koop-Abenteuer über ein Rehkitz und ein Wolfsjunges, die gemeinsam durch eine monochrome Schneelandschaft finden müssen.
Die Entscheidung des französischen Studios Casus Ludi für radikale Reduktion – kein Text, keine Stimmen, kaum Interface – machte das Spiel schon damals zu einem ungewöhnlich stillen Erlebnis.
Von 2026 aus betrachtet wirkt „Blanc“ besonders interessant: In einer Spielewelt, die nach Jahren von Live-Service-Moden und Hyperkompetitivität wieder stärker auf persönliche, intime Erfahrungen schaut, scheint dieses stille Wintermärchen plötzlich wie ein Spiel seiner Zeit.
Worum geht’s in „Blanc“?
„Blanc“ erzählt eine simple, aber eindringliche Geschichte: Ein Rehkitz und ein Wolfsjunges verlieren im Schneesturm ihre Familien. Um zurückzufinden, müssen sie gemeinsam durch verschneite Felder, gefrorene Wälder und verlassene Dörfer wandern. Es gibt keine Dialoge – die Beziehung der beiden entsteht im Tun.
Spielerisch wechseln die Szenen zwischen kleinen Rätseln, Plattform-Passagen und Momenten reiner Atmosphäre. Das Wolfsjunges kann klettern und enge Passagen überwinden, das Rehkitz schiebt Hindernisse und öffnet Wege. Beide sind verletzlich, aber nicht hilflos. Und jedes Hindernis ist ein Anlass, gegenseitige Fähigkeiten einzusetzen.
Die Erzählung bleibt bewusst minimalistisch. Doch gerade dadurch entfaltet sie ihre Wirkung: ein stilles Roadmovie im Schnee, ein kooperatives Coming-of-Age von zwei Figuren, die eigentlich natürliche Feinde wären – und sich trotzdem aufeinander verlassen müssen.
Der Trailer zu „Blanc“
Schwarz, Weiß und alles dazwischen
Der grafische Stil von „Blanc“ gehört bis heute zu seinen stärksten Argumenten. Die handgezeichnete Schwarz-Weiß-Ästhetik, irgendwo zwischen Aquarell, Kinderbuchillustration und skizzenhafter Graphic Novel, wirkt 2026 bemerkenswert zeitlos. Während die Technik sich weiter dreht, bleibt die Frage bestehen: Was braucht ein Spiel wirklich, um zu berühren?
Wir denken unweigerlich an Titel wie „Journey“, „Unravel“ oder „The Last Campfire“. Doch selbst diese Spiele arbeiten mit Farben, Symbolik und Musik anders als „Blanc“. Casus Ludi scheint gesagt zu haben: „Wir nehmen euch alles weg, was ablenkt – und was bleibt, ist Beziehung.“
Wenn Zusammenarbeit keine Option, sondern Notwendigkeit ist
Die Koop-Mechanik von „Blanc“ bleibt gerade durch ihre Einfachheit bemerkenswert. Das Wolfsjunge klettert, das Rehkitz schiebt – beide brauchen einander. „Blanc“ ist kein Titel, bei dem man sich gelegentlich hilft. Die Mechanik ist so gebaut, dass ohne Kooperation gar nichts geht. Dieses kleine Spiel zwingt uns sanft, einander zuzuhören, Geduld zu üben, die Perspektive zu wechseln.
2026, in einem Jahr, das vermutlich von hybriden Mehrspieler-Erlebnissen, Social Hubs und noch stärker vernetzten Plattformen geprägt werden wird, wirkt ein Spiel wie „Blanc“ fast ein bisschen rebellisch. Es setzt auf Nähe statt Masse, auf Vertrauen statt Konkurrenz, auf zwei Spielende statt auf tausend.
Damals leise, heute klarer: Rezeption im Rückspiegel
Bei seiner Veröffentlichung wurde „Blanc“ für seine subtile Erzählweise, seinen Mut zur Leerstelle und sein visuelles Design gelobt. Gleichzeitig gab es Kritik an technischen Ungenauigkeiten und kleineren Bugs. Nichts davon ist vergessen – aber vieles wirkt heute marginal.
Im Rückblick sehen wir vor allem ein Werk, das emotionaler gedacht war als technisch makellos. Blanc war nie ein Spiel, das durch Perfektion überzeugte. Sein Wert liegt in Atmosphäre, Reduktion und einem ungewöhnlich klaren Verständnis dafür, was zwei Spielende miteinander erleben sollen.
Warum „Blanc“ heute wieder relevant ist
2026 ist ein Jahr, in dem Indie-Produktionen wieder vermehrt auf Kooperation und „Cozy Connectivity“ setzen: Spielerlebnisse, die nicht überfordern, sondern verbinden. In einer Zeit, in der viele von uns digitale Erschöpfung spüren oder den Wunsch nach kleineren, bedeutsameren Spielmomenten äußern, bekommt „Blanc“ einen neuen Resonanzraum.
Auch 2026 bleibt „Blanc“ interpretierbar: als Geschichte über Vertrauen zwischen Ungleichen, als kleines Gleichnis über Kooperation in einer polarisierten Welt, oder als schlichtweg ästhetisch zartes Winterspiel.
Sein politischer Gestus ist subtil, vielleicht gerade deshalb wirksam: Das Rehkitz und das Wolfsjunge funktionieren nur miteinander. Das ist nicht laut, aber deutlich.
Fazit: Ein Spiel wie Winterlicht
„Blanc“ ist wie ein kurzes Aufleuchten im Winter: zart, zurückhaltend, aber intensiv in seiner Wirkung. Drei Jahre nach Release zeigt es, wie viel ein Spiel erzählen kann, wenn es auf Worte verzichtet. Unbedingt (nochmal) spielen!
„Blanc“ ist seit dem 14. Februar 2023 für Nintendo Switch und PC erhältlich und kostet rund 15 Euro. Das Spiel ist ab sechs Jahren freigegeben.
Transparenzhinweis: Wir haben das Spiel auf der Nintendo Switch gespielt und es selbst gekauft.