Lemgo. Eine Kampfsportart, die einen schnell auf den Boden der Tatsachen zurückholt: Luta Livre ist eine Kampfkunst, die ihren Ursprung in Brasilien hat und aus dem Portugiesichen übersetzt „freier Kampf“ bedeutet. Auf den dunkelgrünen Sportmatten in der Gymnastikhalle der Lemgoer Gesamtschule nähere ich mich dieser Technik an. Ende des 20. Jahrhunderts entstand Luta Livre als direkter Rivale zum bekannteren Brazilian Jiu-Jitsu (BJJ), was meine eigentliche Kerndisziplin ist. Kursleiter Roman Schuster, Träger des Blauen Gürtels, gibt sein Wissen weiter und erklärt den Unterschied zum BJJ: „Es wird „No-Gi“ gekämpft, also ohne den traditionellen Kampfanzug. Wo kein Stoff ist, an dem sich festgehalten werden kann, zählen nur noch präzise Hebel, Würgegriffe und die pure Kontrolle über den Körper des Gegners.“ Da sich die Anzüge damals nur die Wohlhabenden leisten konnten, war Luta Livre eher eine Sportart für Arme, die theoretisch einfach nur in einer kurzen Hose betrieben werden konnte. Das ist Brazilian-Jiu-Jitsu: Ich trainiere BJJ bei den Lemgoer Armadillos unter Trainer Julian Giebel. Während aus der Nebenhalle immer mal wieder Geräusche vom Karatekurs herüberklingen – der im Stehen seine Bewegungsabläufe durchgeht – verlagern sich beim BJJ und beim Luta Livre die Aktionen auf den Boden. Im BJJ kann durch einen Griff in den Kragen des Kimonos Kontrolle hergestellt und ein Wurf ausgeführt werden – ein wesentlicher Unterschied, da im Luta Livre ohne diesen Stoffgriff gearbeitet wird. Obwohl wir bei den Armadillos häufig ohne Kimono trainieren, ist mein Trainer Schwarzgurt im BJJ. Heutzutage macht es jedoch keinen großen Unterschied mehr, denn bei beiden Sportarten liegt der Fokus auf dem Bodenkampf und beide nutzen ein Graduierungssystem, das in verschiedene Gürtelfarben unterteilt ist. So lief das Training mit den anderen Schülern: Für zwei Jungs und die etwa 60-jährige Olia hat Roman Schuster heute ein komplettes Kampfszenario geplant. Es geht darum, wie der Gegner zu Fall gebracht, unter Kontrolle gehalten und die dominierende Position beibehalten wird. Ein Aggressor greift im Stand durch Stöße vor die Brust an, woraufhin der Double-Leg-Takedown mit einem plötzlichen Absenken des Schwerpunkts, dem sogenannten „Level Change“, beginnt. Aus dieser tiefen Position schießt der Angreifer explosiv nach vorne, umschließt fest die Kniekehlen und presst den Kopf gegen die Hüfte, bis der Partner das Gleichgewicht verliert. Mehrere Szenarien werden durchgegangen, um Lösungen zu finden, wenn der Gegner diesen Schritt abwehrt und in die Offensive geht. Dabei mahnt der 39-jährige Trainer: „Es ist wichtig, die Technik genau zu befolgen und nicht zu überstürzen. Sonst funktioniert es nicht.“ Das versteht man unter Rollen: Jedes Training endet mit dem Rollen, also dem freien kämpfen mit anderen. Das ist die Gelegenheit, nach jeder Einheit das Erlernte endlich anzuwenden und noch mal richtig ins Schwitzen zu kommen. Im direkten Duell wird versucht, die pure Kontrolle zu erlangen. Hier zeigt sich, dass es beim Luta Livre nicht nur um die rohe Kraft geht, sondern mehr um die Technik, mit der es möglich ist, auch einen körperlich überlegenen Gegner abzuwehren. Für Teilnehmerinnen wie Olia, die zierlich, aber drahtig und willensstark ist, bietet dies einen wichtigen Aspekt der Selbstverteidigung. Sie hat keinerlei Berührungsängste bei diesem sehr körpernahen Sport mit fremden Männern, auch wenn sie sich freuen würde, wenn mehr Frauen im Kurs wären, um eine Partnerin mit ähnlichem Gewicht zum Üben zu haben. Der Ausklang: Am Ende wollen alle rollen, um sich in der direkten Anwendung zu beweisen und das Gefühl für den Bodenkampf zu vertiefen. Der Gi fehlt mir nicht, schließlich wird in meinem Verein auch viel ohne trainiert, was den Übergang zum Luta Livre erleichtert. Roman Schuster und ich rollen eine lange und erbitterte Runde gegeneinander. Der alte Kampf – Luta Livre gegen BJJ. Nach guten 20 Minuten geht der Sieg mit einem Triangle-Würger an mich und auch an das BJJ. Wenn der Gegner dominiert worden ist und er einsieht, dass er unterliegt, wird abgeklopft. Der Klaps auf den gegnerischen Körper nennt sich in der Szene „Tap“. Aber eigentlich geht es nicht darum, ob ein Stil besser, schlechter oder effektiver ist. Sondern um auszuprobieren und Selbsterkenntnis. Es ist die Identifikation mit einem Stil, von dem man weiß, dass er für einen funktioniert. Und außerdem macht es einfach Spaß. Nach dem intensiven Training heißt es schließlich für alle: aufstellen und die Matten gemeinsam abbauen. Während die Anstrengung nachlässt, sind die Energiereserven am Boden. mmm