Lippen, Brauen und Co.: Wie Social Media die OP-Bereitschaft antreibt

Angela Wiese

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Auffällig sei, dass viele jüngere Mädchen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ihre Lippenform verändern lassen wollen, sagt ein Experte. - © Pixabay
Auffällig sei, dass viele jüngere Mädchen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ihre Lippenform verändern lassen wollen, sagt ein Experte. (© Pixabay)

Bielefeld. Soziale Netzwerke sind Orte der Begegnung, der Informationen - und der Weichzeichner. Wer etwa bei Instagram unterwegs ist, kann das Gefühl bekommen, der Mensch hätte grundsätzlich porenfreie Haut und perfekt symmetrische Gesichtsformen. Dass die Fotos oft mit Filtern bearbeitet, also unecht sind, ist bekannt. Trotzdem hat die virtuelle Ästhetik auch in Deutschland messbare Folgen im realen Leben. Das Tabu, sich körper- oder gesichtsverändernden Eingriffen zu unterziehen, fällt.

Die Zahlen der "Society of Aesthetic Plastic Surgery" (ISAPS), die jährlich Ergebnisse einer Umfrage unter rund 35.000 plastischen Chirurgen weltweit veröffentlicht, zeigen auch für Deutschland einen Anstieg bei ästhetischen Eingriffen, die Fachverbände hierzulande bestätigen. Vor allem bei minimalinvasiven Eingriffen, also solchen ohne größere Schnitte, gibt es ein Plus. Zu den diese Zahlen treibenden Faktoren zählen Bilder in sozialen Medien.

"Der Einfluss von Social Media ist inzwischen sehr stark", sagt Lukas Prantl, Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen und plastischer Chirurg am Universitätsklinikum Regensburg. "Wir sehen die Auswirkungen, wenn Patientinnen mit unrealistischen Vorstellungen zu uns kommen. Die Patientinnen orientieren sich an retuschierten Bildern aus dem Internet und wünschen sich Gesichtsveränderungen, die nicht realisiert werden können", so Prantl.

Mit dem Smartphone in die Praxis

Auffällig sei, dass viele jüngere Mädchen im Alter zwischen 18 und 20 Jahren ihre Lippenform verändern lassen wollen, berichtet Prantl aus der Praxis. "Es kommen zum Beispiel 18-jährige Frauen, die ihre Oberlippe zu schmal finden. Sie möchten sich die Lippe aufspritzen lassen, obwohl das häufig nicht notwendig ist. Es gibt einen sozialen Druck, so auszusehen wie die Vorbilder. Diese jungen Frauen sind fixiert darauf."

Das geht so weit, dass Menschen die bearbeiteten Fotos auf dem Handy direkt mitbringen in die Praxis, sagt Dennis von Heimburg, plastischer Chirurg in Frankfurt/Main und bis vor Kurzem Präsident der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen. "Während Patientinnen früher in die Praxis kamen und aussehen wollten wie ein bestimmtes Idol, kommen heute einige und wollen dieselben Augenbrauen wie auf einem mit Filter bearbeiteten Foto, das sie auf dem Smartphone dabei haben."

Auf die Wirkung solcher Bilder machen auch Forscher aufmerksam. Die Psychologin Fanny Dietel von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster forscht unter anderem zu körperdysmorphen Störungen, eine Krankheit, bei der Menschen ihre äußere Erscheinung als hässlich oder verformt wahrnehmen. "Studien legen nahe, dass ein täglich häufiger und langer Gebrauch sozialer Medien eine erhöhte Körperunzufriedenheit hervorrufen kann", sagt Dietel. Zentral seien dort Vergleichsprozesse mit Freunden, Bekannten oder Influencern, mit denen sich eine Person identifiziert.

"Viel nicht überprüftes Wissen"

Eine Rolle spielen könnte auch die Funktionsweise der Netzwerke. Nutzer bekommen das angezeigt, von dem das Programm weiß, dass sie sich dafür besonders interessieren oder darauf besonders stark reagieren. Zum Beispiel Bilder von vermeintlich perfekten Gesichtern. "Der Gebrauch von Kameras, die tägliche Konfrontation mit den Bildern vermeintlicher Ideale kommt heutzutage viel häufiger vor als früher. Wenn Menschen immer wieder diesem Reiz ausgesetzt sind, wird das dazu führen, dass sie auf den Reiz reagieren und sich möglicherweise auch vermehrt mit ihrem Aussehen beschäftigen", sagt Dietel.

Zu Onno Frerichs, plastischer Chirurg und Chefarzt am Klinikum Bielefeld, kommen seltener Patienten mit Fotos, aber mit sehr genauen Vorstellungen. "Sie haben ihre Informationen aus den sozialen Netzwerken, da ist dann aber auch viel nicht überprüftes Wissen dabei. Es ist diesen Patienten schwer vermittelbar, dass ihr Wunsch nicht so einfach umzusetzen ist, wie sie sich das vorgestellt haben." Auch bei den Interessen gibt es Veränderungen. "Bei Unterspritzungen ging es früher eher um die Behandlung von Falten", sagt Frerichs. "Mittlerweile geht es vor allem den Jüngeren um Formveränderungen, etwa im Wangenbereich."

Eine Gefahr, die aus dieser Entwicklung resultiert, ist der mangelnde Respekt vor den Eingriffen. "Es ist ein kleiner, aber sehr schwieriger Teil unserer Klientel. Für diese ist so ein Eingriff wie ein Friseurbesuch. Nach dem Motto: Das machen wir schnell fertig. Wir müssen ihnen dann erklären, dass dies ein Eingriff ist und das Ergebnis unumkehrbar", sagt von Heimburg.

Social Media macht solche Eingriffe bekannt, sagt aber nichts über die Qualität der Behandler und Behandlungen. Und so bestätigen die Fachverbände, dass immer häufiger auch Korrekturmaßnahmen anfallen, weil etwas schief gegangen ist. Auch am Klinikum Bielefeld gibt es solche Fälle. "Wir haben hier regelmäßig Korrekturanfragen. Zum Beispiel wegen schlecht gemachter Lippenbehandlungen durch nicht-ärztliche Behandler oder auch nach ästhetischen Eingriffen im Ausland", sagt Frerichs. Die Probleme bei größeren Eingriffen können deutlich schwerwiegender ausfallen, bin hin zu Lebensgefahr, sagen die Fachverbände.

Information

Ein Teil der Psychotherapie-Ambulanz am Institut für Psychologie der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) Münster ist die KDS-Ambulanz mit Schwerpunkt auf der Behandlung der körperdysmorphen Störung. Seit der Eröffnung 2014 zeige sich ein zunehmendes Interesse an den Diagnostik- und Therapieangeboten, sagt Fanny Dietel, Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der WWU. Die Ambulanz biete regelmäßig psychotherapeutische Sprechstunden an. "Wir erhalten wöchentlich telefonische Anfragen aus ganz Deutschland von betroffenen Personen und deren Angehörigen, die wir hinsichtlich unserer Angebote beraten und bei Bedarf in einer wohnortnahen Weitervermittlung unterstützen", so Dietel.

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