Paris. In der Seinemetropole hat man den Pfeil beinahe von überall sehen können. „La flèche“ (den Pfeil), so hatte der Volksmund den 96 Meter hoch über dem Dach der Kathedrale Notre Dame aufragenden, von dem Architekten Viollet Le Duc 1859 errichteten Vierungsturm getauft.
Seit die filigrane Konstruktion am Abend des 15. Aprils 2019 durch den die weltberühmte Basilika verwüstenden Großbrand zum Einsturz gebracht wurde, klaffte in der Silhouette der französischen Hauptstadt eine vielen Menschen immer wieder ans Herz greifende Lücke. Entsprechend groß ist die Freude darüber, dass der Pfeil seit einigen Wochen erneut in den Pariser Himmel sticht.
Die Bilder der lichterloh in Flammen stehenden Pariser Kathedrale sorgten im April 2019 weltweit für Bestürzung und als der Pfeil zusammenbrach, schien das der Todesstoß für die Basilika zu sein. Tatsächlich wurde das 850 Jahre alte Wahrzeichen der Seinemetropole durch das verheerende Wüten der Flammen so schwer beschädigt, dass sein Fortbestand infrage stand. 39 Monate waren nötig, um die noch bis Ende 2020 einsturzgefährdete Ruine des Prachtbaus zu konsolidieren. Doch im Spätsommer vor zwei Jahren begann der Wiederaufbau und er naht sich seit der abgeschlossenen Erneuerung von Dach und Turm der Vollendung.
Wiederaufbau dauerte fünfeinhalb Jahre
Noch in der Brandnacht hatte Präsident Emmanuel Macron versprochen, dass die Kathedrale innerhalb von fünf Jahren wieder aufgebaut werde – „schöner als zuvor“. Eine Ansage, die so gut wie alle Kunsthistoriker und Architekturexperten für tollkühn, aberwitzig und, dies vor allem, unrealisierbar hielten. Wobei Haarspalter anmerken dürfen, dass die Fachleute am Ende Recht behalten haben.
Nicht fünf Jahre, aber etwas mehr als fünfeinhalb Jahre nach dem Feuer-Inferno, nämlich am 8. Dezember, wird in der Gottesmutter geweihten Kirche mit einem Hochamt nicht nur der Tag der unbefleckten Empfängnis Mariens gefeiert werden. Das Datum soll auch das des Beginns eines erneut freien Zugangs der Gläubigen und der Besucher aus aller Welt sein.
Knapp acht Monate Verspätung, die dennoch ein Beinahe-Wunder darstellen. Ein Beinahe-Wunder, dem ein nationaler Kraftakt vorausgegangen ist, den 846 Millionen Euro an Spendengeldern aus aller Herren Länder finanzieren. Denn in Frankreich, welches Macron in der Nacht des Branddramas eine „Nation der Erbauer“ nannte, sind quer durch das Land nahezu alle verfügbaren Kräfte mobilisiert worden, um die wie eine Beschwörung klingenden Worte des Präsidenten nicht Lügen zu strafen.
Schon im Sommer, zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Paris, wird Notre Dame sich Betrachtern in alter, nein neuer Schönheit und ohne Gerüste präsentieren, während an die Restaurierung des Innern noch letzte Hand angelegt wird.
Trio ermöglicht Wiedergeburt von Notre Dame
Ermöglicht hat diese Wiedergeburt von Notre Dame ein Trio. Macron natürlich, als oberster Bauherr, da Notre Dame in unserem laizistischen Nachbarland nicht der Kirche, sondern dem Staat gehört. Und Macron legte den Wiederaufbau nicht allein in die Hände von Philippe de Villeneuve, des seit 2013 amtierenden, jeden Stein der Kathedrale kennenden Chefarchitekten von Notre Dame.
Er ernannte auch einen ehemaligen General zum Sonderbeauftragten für die „Mission“ Wiederaufbau. Jean-Louis Georgelin, ein tiefgläubiger Katholik, war zuvor Chef des Generalstabs der französischen Streitkräfte und Nato-Oberkommandierender in Bosnien gewesen.
Während de Villeneuve die Arbeiten vor Ort leitete, organisierte der für die Einhaltung des „unmöglichen Zeitplans“ zuständige Georgelin in seinem Büro im Elysée-Palast die Logistik. Unter seinem Kommando wäre der ursprüngliche Zeitraum wohl wirklich eingehalten worden, wenn die Corona-Epidemie nicht für monatelange Schließungen „der größten Baustelle Frankreichs“ gesorgt hätte.
Als Georgelin im vergangenen August bei einer Bergwanderung tödlich verunglückte, ehrte Macron „den Soldaten, der an den Himmel glaubte“, mit einer nationalen Trauerfeier im Hof des Pariser Invalidendoms.
Notre Dame soll am 8. Dezember eröffnet werden
„Der 8. Dezember steht, wenn nicht etwas Unvorhersehbares geschieht“, versicherte de Villeneuve vor wenigen Tagen. Außer ihm und Macron dürfte es nur noch Monsignore Laurent Ulrich geben, der diesem Datum so intensiv entgegenfiebert. Der Erzbischof von Paris, der dem Eröffnungs-Hochamt selbstverständlich persönlich vorstehen wird, ist sich sicher, dass dieser Tag nicht nur für ihn „eine große Beglückung“ sein wird.