Bielefeld. Die Bielefelder Malerin Ruth Baumgarte hat ihr Leben im Jahr 1984 einmal so zusammengefasst: „Mein Leben war ein bunter, verwirrender, aufregender – und glaubt nicht etwa ein unglücklicher Film, der mich manchmal geängstigt, sehr oft amüsiert und niemals einsam gemacht hat.“
Als die gebürtige Coburgerin, die in Berlin aufwuchs, dies notierte, war sie 61 Jahre alt. Am 27. Juni jährt sich der Geburtstag der Künstlerin, die 2013 gestorben ist, zum 100. Mal.
Ihr Sohn Alexander Baumgarte und die Ruth Baumgarte Kunststiftung, die sie selbst 2012 noch gegründet hatte, widmen der Malerin nun ab 20. Juni eine große Ausstellung mit 70 Schlüsselwerken und ehren sie zudem mit einem großen Festakt mit 400 Gästen in der Bielefelder Altstädter Nicolaikirche.
Anna Maria Mühe und Tobias Moretti kommen
Dort werden am 20. Juni die renommierte Schauspielerin Anna Maria Mühe und ihr nicht minder renommierter Kollege Tobias Moretti sich in einem künstlerischen Dialog Leben und Werk der Bielefelder Malerin annähern. Auch ein Film wird zu sehen sein, der von der vielseitigen Künstlerin erzählen wird, die in einer von radikalen Umbrüchen geprägten Zeit lebte und arbeitete. Ein Rückblick:
Ruth Baumgarte wuchs bei ihrer Mutter in Berlin auf, studierte von 1941 bis 1944 Malerei und Freie Grafik an der Hochschule für bildende Künste in Berlin und arbeitete parallel in einem Zeichentrick-Atelier. 1943 heiratete sie einen Studienkollegen und zog 1946 nach Bielefeld. Die Ehe zerbrach noch im selben Jahr.
Die Malerin brachte ihre Familie fortan mit Auftragsarbeiten als Illustratorin durch, zeichnete täglich für die Zeitung „Freie Presse“, einem Vorläufer der „Neuen Westfälischen“, illustrierte Bücher, Oetker-Broschüren und das „Magazin der Hausfrau“, entwarf Kalenderblätter – und arbeitete nebenbei immer auch freischaffend künstlerisch.
Mehr als 1.100 Bilder
1952 heiratete sie dann den Bielefelder Industriellen Hans Baumgarte und gründete 1986 die Samuelis Baumgarte Galerie, die heute von ihrem Sohn Alexander geführt wird. 2013 starb sie im Alter von 89 Jahren und hinterließ ein vielschichtiges, mehr als 1.100 Bilder und mehr als 2.000 Illustrationen umfassendes Werk.
Wie vielschichtig es ist, spiegelt nun die Geburtstagsausstellung „Ruth Baumgarte – Zum 100. Geburtstag“ wider. Zu entdecken ist da zunächst die junge aufgeweckte Künstlerin der 40er Jahre, die als passionierte Zeichnerin „mit spitzer Feder und Stift ihr Umfeld genau beobachtet“, wie die Kuratorin der klug arrangierten Ausstellung, Viola Weigel, betont. Vor allem Menschen und ihre Gesichter haben es ihr von Anbeginn an angetan. Es ist spannend zu sehen, wie sie sich einen subversiven Blick in der Endphase der Nazi-Diktatur erlaubt, keineswegs heroische, sondern erschöpfte, skeptisch-blickende alte und junge Männergesichter zeichnet. Und in dem Bild "Zigeuner im Regen" (1943) macht sie gar auf die Verfolgung der Sinti und Roma aufmerksam.
Frech und selbstbewusst
Nach dem Kriegsende entdeckt sie die Farbe und das Aquarell für sich, die Gesichter der Porträtierten erscheinen nun deutlich heiterer, offener. Und sie selbst inszeniert sich um 1947 in einem Selbstporträt als junge Frau, die uns frech und selbstbewusst mit einer Zigarette im Mund, Baskenmütze auf dem Kopf, Pinsel locker in der Hand und weit offenen Augen anschaut. Die Botschaft ist klar: Hier steht eine, die gewillt ist, als Künstlerin die Welt zu erobern.
Und sie tut es. Entdeckt die Welt der Arbeit in ihren Bildern, geht in die Fabriken, schafft aber keinen sozialistischen, sondern einen kritischen Realismus, spiegelt Gefahren, Belastungen, Umweltgefahren wider. Sozialkritik ohne Vorschlaghammer, denn die Kunst steht im Vordergrund.
Bunt, aber nicht oberflächlich
Und es zieht sie in den Folgejahren immer auch in die Welt hinaus. Allein 40 Reisen führen sie ab den 80er bis in die 2000er Jahre in verschiedene Länder Afrikas. Der Kontinent inspiriert sie zu einem großartigen Werk. Ihr 100 Bilder umfassender Afrika-Zyklus entsteht, der vielfach ausgestellt wird (zuletzt in der Wiener Albertina mit 200.000 Besuchern) und ihren Ruf als Künstlerin weit über Deutschland hinaus mehren wird. Auch in der Bielefelder Geburtstagsausstellung stehen diese Werke im Zentrum. Es sind die großformatigen, expressiven, farbmächtigen Werke wie "African Vision", "Turn of the Fire" oder "The Stream of Time", die den Betrachter, die Betrachterin förmlich hineinziehen in den großen Hauptraum ihrer ehemaligen Galerie und das Leben der Menschen.
Doch bunt und farbmächtig heißt nicht oberflächlich, denn Ruth Baumgarte interessiert sich zeit ihres Lebens auch für gesellschaftspolitische Fragestellungen. Gewalt, Konflikte, Verfolgung und Flucht, die harten Lebensbedingungen und die Lage der Frauen scheinen in ihren Afrikabildern auf. Und im kleinen Saal nebenan wird deutlich, wie Themen wie Umweltzerstörung, Ölkrise, Gefahren der Atomkraft und RAF-Terror, die uns hierzulande in den 70er und 80er Jahren in Atem hielten, sie ebenfalls umtreiben. Doch auch all das greift sie nie plakativ, sondern eher traumhaft verschlüsselt in Aquarellen von großer suggestiver Kraft auf.
Eine vielschichtige Malerin eben, die sich in einem treu blieb: Es ist der Mensch, der in Ruth Baumgartes Werken stets im Zentrum steht. Über die Bedeutung seiner Mutter für ihn, sagt ihr Sohn Alexander Baumgarte ganz einfach: „Meine Liebe und mein Leben.“