Bielefeld. Der Essay des australischen Genozidforschers Anthony Dirk Moses war provokant. Ihn störe der ständige Eigenbezug der Deutschen auf ihre Erinnerungskultur, die zu einer "Staatsideologie" geworden sei. Der israelische Historiker Saul Friedländer reagierte heftig: Der Holocaust unterscheide sich "fundamental" von anderen historischen Verbrechen. Moses verteidigte sich: Es solle endlich auch der Opfer kolonialer Gräueltaten gedacht werden.
So ist der Streit in den vergangenen Jahren grob gelaufen. Nun hat auch die Reihe "Bielefelder Debatten zur Zeitgeschichte" die Frage aufgeworfen: Wie gerecht ist unsere Erinnerungskultur?
Zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust lebt diese Kultur traditionell auf. "Nie wieder!" sei ihr politischer Auftrag, schreiben etwa die demokratischen Fraktionen des nordrhein-westfälischen Landesparlaments am 27. Januar in einer gemeinsamen Presseerklärung. Zeitgleich sprechen im Bielefelder Zentrum für interdisziplinäre Forschung (ZiF) profilierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die "Zukunft des NS-Gedenkens" und über den Umgang der Deutschen mit dem Nationalsozialismus.
"We Remember" gehört zu den großen Schlagworten der Erinnerung an die sechs Millionen Jüdinnen und Juden, ermordet durch die nationalsozialistische Vernichtungsmaschinerie. "We Remember" – "ich erlebe das als eine Art von Verklemmtheit", sagt Ahmad Mansour auf dem Podium. "Wozu verpflichtet uns dieser Tag?" Nur zum Innehalten oder zu mehr? "Symbolpolitik bringt uns nicht weiter."
"Wie stellen wir Kolonialismus und Holocaust in einen Rahmen?"
Der deutsch-israelische Psychologe, regelmäßiger wie kritischer Kommentator der Lage der Nation, habe "noch nie so gestresst einen Vortrag halten müssen", erzählt er zu Gesprächsbeginn vor den rund 150 Zuhörerinnen und Zuhörern; zum einen wegen der "mächtigen Stimmen" bei dieser Veranstaltung, zum anderen sieht er in Bielefeld nach 26 Jahren seinen Professor aus Tel Aviv wieder, den Soziologen Natan Sznaider.
Zur Einführung erklärt die Historikerin Christina Morina, Geschichte und Gedenken "findet nicht in Schlagzeilen statt", bevor es in den Gesprächen um "zeitgemäßes Gedenken" gehen soll. Sznaider, der laut Mansour "schon immer klare Worte gefunden" habe, winkt ab. Er hält "zeitgemäßes Erinnern" für einen "furchtbar schlechten Begriff", sagt er. "Was heißt das schon?" Sznaider findet: "Richtiges Erinnern macht uns nicht zu besseren Menschen."
Darüber lässt sich streiten, und genau das haben die Neuzeithistorikerin Ulrike Jureit und der schottische Historiker für zeitgenössische deutsche Geschichte Bill Niven vorher getan. Steht die Fixierung der deutschen Erinnerungskultur auf den Holocaust der Aufarbeitung kolonialer Verbrechen im Weg? Niven sieht darin "eine sehr wichtige Frage", die auf dem Podium freilich nicht abschließend eingeordnet werden kann. Nun sei sie endlich da, die Erinnerung an den Kolonialismus. "Wie stellen wir den Kolonialismus jetzt mit dem Nationalsozialismus und vor allem dem Holocaust in einen irgendwie gemeinsamen Rahmen?"
Das Ende der Zeitzeugen. "Na und?"
Diese Frage sollte man sorgfältig aufgreifen. Darin sind sich die Fachleute einig. "Es sind beides schlimme Sachen und es sollte doch möglich sein, an beides zu erinnern", betont Niven, ohne dass immer die historische Singularität des Holocaust vorgebracht werde, um die Aufarbeitung des Kolonialismus zu verhindern. Zugleich sollte man nicht zu streng sein, wendet Jureit ein. Auch in einem aufgeklärten Land wie Japan gebe es nur eine "sehr zögerliche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus".
Die Welt geht nun endgültig in eine Zeit über, in der es kaum noch biografische Erinnerungen an die Verbrechen der Nazizeit gibt. "Der Stand wird eingefroren", sagt Jureit und warnt: "Das wird Auswirkungen haben, auf die Geschichtsschreibung, auf die Erinnerungskultur."
Das Ende der Zeitzeugen. "Na und?", provoziert Sznaider später im Gespräch mit Mansour. "Was sollten sie schon sagen außer, dass Menschen gelitten haben." Ihre Erinnerungen hätten sich mit der Zeit permanent verändert.
"Das ist ein Angriff auf die historische Einzigartigkeit"
Verengt sich die Erinnerungskultur auf eine Opfergruppe? "Die Pietät verbietet uns, Tode miteinander zu vergleichen", erklärt Sznaider. In der Wissenschaft gelten solche Gefühle nicht. "Rassismus hat etwas mit Sichtbarkeit zu tun, Antisemitismus hat etwas mit Unsichtbarkeit zu tun." In Frankreich habe man nicht das eine gegen das andere ausgespielt, das eine sei wie das andere anerkannt worden.
Nach Meinung von Sznaiders früherem Studenten Mansour hakt Erinnerungskultur vor allem am deutschen Bezug. Sie gehöre inzwischen weiter gefasst als bisher, auch auf Menschen mit Migrationsgeschichte. "Als politischer Mensch sehe ich Entwicklungen, die mir Sorgen machen", sagt Mansour. Wenn im Kanzleramt der Palästinenserpräsident Mahmud Abbas von "50 Holocausts" spreche, sei dies "ein Angriff auf die historische Einzigartigkeit".
Erinnerungskultur verpflichte, nicht nur über die Toten zu sprechen, "und vielleicht einmal im Jahr traurig zu sein", sagt Mansour. "Sie verpflichtet für die Zukunft."