Mit ihrem Rücktritt handelt Annette Kurschus konsequent und im Sinne der Menschen, die sich für die Missbrauchsopfer in der evangelischen Kirche einsetzen. Sie sorgt damit dafür, dass sich der Fokus wieder auf die Opfer verschiebt und es so zu einer ungestörten Aufklärung durch die Strafverfolgungsbehörden und Aufarbeitung innerhalb der Kirche kommen kann. Doch mit ihrer Begründung zeigt sie, dass sie grollend geht, weil sie mit sich im Reinen ist. Mit keinem Wort räumt sie Fehler ein und befeuert damit die massive Glaubenskrise – oder passender Kirchenkrise – in Deutschland.
Denn fest steht, dass sich Kurschus in Widersprüche verstrickt hat. Und das ausgerechnet in einem Fall im Bereich der sexualisierten Gewalt in der Kirche, also genau dem Thema, das Kurschus zu ihrem Amtsantritt zur „Chefinnensache“ erklärt hat. Doch statt vollständiger Transparenz und Ehrlichkeit, die seit Jahrzehnten von Opfern und auch nicht betroffenen Christen gefordert werden, gibt Kurschus Informationen nur scheibchenweise preis. Und auch nur dann, wenn sie aufgrund der Berichterstattung keine andere Wahl hat, um ihr Gesicht zu wahren.
Kurschus hat ihre Glaubwürdigkeit selbst verspielt
Deshalb kann sie es offenbar auch nicht lassen, von einem „geschürten Konflikt“ und einer „absurden Verzerrung“ in der Berichterstattung zu sprechen und die Berichte mutmaßlicher Opfer und eidesstattliche Erklärungen als „Andeutungen und Spekulationen“ abzutun. Diese Worte wählt nur jemand, der Opfern keinen Glauben schenkt. Und Kurschus weiß um die große Macht von Worten, insbesondere ihrer eigenen.
Mit dieser Taktik ist es noch niemandem gelungen, ohne Schaden aus einem Skandal hervorzugehen. Das gelingt nur, wenn umgehend alle Karten auf den Tisch gelegt werden. Das hat Kurschus versäumt und damit ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Sie trägt daran die alleinige Schuld und nicht die Berichterstattung über sie. Auch das Vertrauen in die evangelische Kirche hat sie damit mindestens beschädigt, wenn nicht bei vielen verspielt, denn der Schutz der Institution scheint noch immer wichtiger als der Schutz von Menschen.