Bielefelder weigert sich, in Behinderten-Werkstatt zu arbeiten

Christine Panhorst

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Selbstbewusst: Jan Klocke (22) hat sich mit dem „persönlichen Budget" ein bisschen mehr Freiheit verschafft. - © Sarah Jonek
Selbstbewusst: Jan Klocke (22) hat sich mit dem „persönlichen Budget" ein bisschen mehr Freiheit verschafft. (© Sarah Jonek)

Bielefeld. "Ich kann mehr, als nur in einer Werkstatt für Behinderte Tüten mit Schrauben drin zuzukleben." Jan Klocke sitzt selbstbewusst mit dem Mikrofon in der Hand auf dem Podium im Bielefelder Ratssaal und erzählt seine Geschichte. 150 Teilnehmer aus ganz Ostwestfalen-Lippe hören bei einem Infotag am Freitag zu, was der 22-jährige Bielefelder zu erzählen hat - über das sogenannte "persönliche Budget", dass ihm ein selbstbestimmteres Leben erlaubt und das seine Tücken hat.

Wäre es nach Beratern und Trägern gegangen, hätte Klocke in einer der Herforder Werkstätten arbeiten sollen. "Das wollten wir, meine Eltern und ich, nicht. Behinderte Menschen können auch etwas anderes arbeiten." Klocke, der eine Lernbehinderung hat, wurde selbst aktiv und kam stattdessen über ein Praktikum zu "Keimzeit", einem Kooperationsprojekt des VHS-Bildungswerks Bielefeld. Möglich machte das eine Geldleistung, die Menschen mit Behinderung seit 2008 beantragen können.

Statt eine Sachleistung, auf die ohnehin Anspruch besteht, erhalten sie deren Gegenwert in bar. Mit diesem "persönlichen Budget" kann dann eine vergleichbare Leistung selbstständig eingekauft werden. Für viele bedeutet das: mehr Freiheit, mehr Flexibilität. Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, können ihre Assistenzen selbst anstellen und Einsätze selbst planen. Sie werden zum Chef eines kleinen Ich-Unternehmens. Das hat Vorteile, macht aber viel Arbeit.

Viel Spielraum für Verbesserungen

Die Beantragung sei aufwendig, das Modell zu wenig bekannt, sagen die Betroffenen. Auch die regionalen Beratungsstellen, die den Infotag mit der Stadt Bielefeld veranstalten, sehen viel Spielraum für Verbesserungen.

Thomas Drexhage rät Antragstellern dennoch: "Wenn sie eine Idee haben, was ihnen gut tut, lassen sie sich von den Papieren nicht abschrecken." Der 51-jährige Bielefelder hat eine Depressionserkrankung. Er erzählt, durch das persönliche Budget habe er das erste Mal seit langem wieder erfahren, wie es sei, über den eigenen Alltag mitzubestimmen. Drexhage organisierte sich eine Fortbildung und ein Sportangebot selbst. "Das war eine große Motivation für mich." Er bezieht nur eine kleine Rente. Vieles ist da nicht drin. Internet habe er nicht, erzählt der Bielefelder, das sei zu teuer. "Die Gefahr ist groß bei einer Behinderung, dass man, wenn man nicht genug Energie hat, mehr und mehr fremdbestimmt lebt."

Das wollte auch Jan Klocke vermeiden. Er ist mittlerweile in Bielefeld angestellt und bei den Eltern ausgezogen. "Ich habe mit einem Kollegen eine WG gegründet." So viel Selbstständigkeit, da ist er sich sicher, hätte die Arbeit in einer Werkstatt nicht mit sich gebracht. "Und ich habe durch das persönliche Budget gelernt, mit Geld umzugehen."

Mehr Informationen über das persönliche Budget erhalten Sie hier: https://ksl-detmold.de

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