Männer leben länger, wenn Frauen und Männer gleichgestellt sind

Carolin Nieder-Entgelmeier

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Männer in Deutschland leben umso länger, je stärker Frauen und Männer gleichgestellt sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie. - © Oliver Berg/dpa
Männer in Deutschland leben umso länger, je stärker Frauen und Männer gleichgestellt sind. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie. (© Oliver Berg/dpa)

Bielefeld. Männer in Deutschland leben umso länger, je stärker Frauen und Männer gleichgestellt sind. Zu diesem Ergebnis kommt die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip in einer Studie mit dem Robert Koch-Institut, die den Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung von Männern und dem Grad der Gleichstellung der Geschlechter beleuchtet. „Die Ergebnisse zeigen, dass Gleichstellung beiden Geschlechtern nützt", sagt Kolip.

Sie verdienen weniger, übernehmen seltener Führungspositionen und bilden in fast allen Parlamenten der Welt eine Minderheit: Von Gleichberechtigung sind Frauen noch immer weit entfernt. In einem Punkt liegen sie aber vor den Männern – bei der Lebenserwartung. Weltweit ist die Lebenserwartung von Männern geringer als die von Frauen. „Das liegt nur zum Teil an genetischen Faktoren, sondern vor allem daran, dass Männer tendenziell einen ungesünderen und riskanteren Lebensstil pflegen", erklärt Kolip, die 2009 die Professur für Prävention und Gesundheitsförderung an der Universität Bielefeld übernommen hat.

Männer leben ungesünder und riskanter als Frauen

Dazu zählt laut Kolip vor allem der Konsum von Alkohol und Nikotin, aber auch die Tatsache, dass Männer seltener zum Arzt gehen. „Aber auch riskantes Verhalten, wie zum Beispiel beim Autofahren, sowie die Wahl riskanter Arbeitsplätze beeinflusst die Lebenserwartung." Außerdem haben Männer ein deutlich höheres Risiko bei einem Unfall ums Leben zu kommen. So bezeichnet die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) Ertrinken beispielsweise als männliches Problem, da 80 Prozent aller Oper männlich sind. Die DLRG begründet das vor allem damit, dass Männer häufiger übermütig und betrunken in Wasser gehen und Gefahren unterschätzen.

Die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip. - © Uni Bielefeld
Die Bielefelder Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip. (© Uni Bielefeld)

„Mit Blick auf den riskanteren Lebensstil von Männern heißt es dann häufig, dass Männer einfach nur gesünder leben müssen, wenn sie länger leben wollen. Doch wir haben uns auch die Frage gestellt, warum Männern sich so verhalten. Das Verhalten wird auch von Geschlechterstereotypen beeinflusst, deshalb ist auch die Gesellschaft gefragt", erklärt Kolip. „Geschlechterstereotype schreiben Männern und Frauen bestimmte Eigenschaften und auch Berufe zu."

Im Gleichstellungsvergleich der UN steht Deutschland an fünfter Stelle

Um zu untersuchen, ob ein Zusammenhang zwischen der Lebenserwartung und der Gleichstellung besteht, hat das Forschungsteam um Kolip den sogenannten Index der geschlechtsspezifischen Ungleichheit (Gender Inequality Index) der Vereinten Nationen mit der Lebenserwartung in allen deutschen Bundesländern in Beziehung gesetzt.

Die Vereinten Nationen ermitteln den Index aus Faktoren wie der reproduktiven Gesundheit von Frauen, dem Frauenanteil in Parlamenten sowie der Schulbildung und Erwerbsbeteiligung im Geschlechtervergleich. Deutschland steht aktuell an fünfter Stelle.

Auf Lebenserwartung der Frauen hat Gleichstellung keinen Einfluss

„Diesen Genderindex haben wir für die Bundesländer in Deutschland entwickelt. Das Ergebnis ist eindeutig: Männer leben umso länger, je stärker Frauen und Männer gleichgestellt sind", erklärt Kolip. „In Bundesländern mit einem hohen Wert für Gleichstellung ist auch die Lebenserwartung der Männer höher." In Baden-Württemberg herrscht laut Kolip beispielsweise mehr Gleichstellung als in NRW. Gleichzeitig ist auch die Lebenserwartung von Männern in Baden-Württemberg höher. Auf die Lebenserwartung der Frauen hat die Gleichstellung hingegen keinen Einfluss.

Information

Petra Kolip

Gesundheitswissenschaftlerin Petra Kolip arbeitet seit 2009 als Professorin für Prävention und Gesundheitsförderung an der Uni Bielefeld. Außerdem ist sie in der Kommission für Gesundheitsmonitoring des Robert Koch-Instituts.

„Erklären lassen sich die Ergebnisse unter anderem damit, dass die Gleichstellung dafür sorgt, dass beispielsweise die Familienarbeit aufgeteilt wird und zunehmend mehr Männer Elternzeit nehmen. Außerdem wird Männlichkeit anders definiert und Männer fühlen sich weniger dazu genötigt sich möglichst maskulin zu verhalten."

Bielefelder Forscher sehen Gesellschaft und Politik in der Pflicht

Kolip und ihr Team sehen nun Gesellschaft und Politik in der Pflicht, um Geschlechterstereotype weiter abzubauen und die Gleichstellung voranzutreiben. Für den deutschen Ärztinnenbund ist die Studie ein Beleg dafür, dass Männer gesundheitlich von einer Gleichstellung profitieren. „Das mag erstaunlich klingen, doch die Forschung auf dem Gebiet der geschlechterspezifischen Medizin liefert dafür gute Erklärungsansätze", erklärt Präsidentin Christiane Groß. Mit Blick auf das Wohl von Patientinnen und Patienten fordert der Verband auch mehr Investitionen für Forschungen zur geschlechtsspezifischen Medizin.

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