Vor Gericht: Beamter aus Detmold outet sich als transsexuell

Astrid Sewing

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Außergewöhnlicher Fall: Der 62-jährige Angeklagte kündigt vor Gericht an, dass er ab heute eine Frau ist. Rechts sein Verteidiger Dr. 
André Pott. - © Astrid Sewing
Außergewöhnlicher Fall: Der 62-jährige Angeklagte kündigt vor Gericht an, dass er ab heute eine Frau ist. Rechts sein Verteidiger Dr. 
André Pott. (© Astrid Sewing)

Detmold. Peter Meier (Name von der Redaktion geändert) ist am Dienstag zum letzten Mal als Mann aufgetreten. Ab Mittwoch will der 62-Jährige nur noch als Frau erscheinen. Vor dem Amtsgericht Detmold musste sich der Beamte zu dem Vorwurf 
äußern, eine Minderjährige als Prostituierte für seinen Escortdienst angeworben zu haben. Doch den gab es nie.

Das Gericht unter dem Vorsitz von Martin van der Sand muss am Ende einen außergewöhnlichen Sachverhalt mit dem Gesetz überein bringen. Meier wird zu einer Geldstrafe von 7500 Euro verurteilt.

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Dienstrecht

Der 62-Jährige ist Beamter beim Kreis Lippe und noch gut zwei Jahre in der Altersteilzeit. Das Disziplinarverfahren ruht und wird wieder aufgenommen, wenn das Urteil rechtskräftig wird. Im Kreishaus habe niemand von seiner Transsexualität gewusst. „Es sollen alle wissen, das ist eine Befreiung", sagt er.

Im Saal hätte man eine Stecknadel fallen hören können, als Meier schildert, dass er sich seit 50 Jahren im falschen Körper gefangen fühlt. Er, der verheiratet ist und einen erwachsenen Sohn hat, habe lange gebraucht, sich zu entschließen, eine Frau zu werden und dies seiner Familie zu sagen. Auf den zweiten Blick ist nicht zu übersehen, dass er auf dem Weg dorthin ist.

Vor fünf Jahren ließ er sich operieren, unter dem Jacket zeichnen sich Brüste ab, die Brauen sind schmal gezupft, die Hände perfekt manikürt. In Berlin hat er eine Änderung des Personenstandes beantragt, am 4. Juli soll die Entscheidung fallen, die er mit zwei psychologischen Gutachten untermauert, am 9. Juli wollte er sich in Köln beim Christopher-Street-Day outen.

Doch durch den Prozess kommt alles anders. „Der Escortservice war erst ein Fetisch für mich, später ein Schutz. Wenn mich einer über Facebook anmachte, nannte ich ihm einen hohen Preis. Dann war Ruhe, denn wer zahlt schon für einen 62-Jährigen?" Aber die Facebook-Seite zieht auch die an, die in einer ähnlichen Situation sind. Und so verabredet sich eine 17-Jährige mit Meier 2015 zu einem Transsexuellen-Fest in Nürnberg.

Die Jugendliche hat zu dem Zeitpunkt eine Freundin, die für Operationen spart, weil sie ein Mann werden will. In Meier bringt das eine Saite zum Klingen, denn er weiß, wie schwer es ist, das Geschlecht zu verändern. Doch damit überschreitet er eine Grenze, denn so kommt die Sprache darauf, dass sie als Escort-Begleitung Geld verdienen könnte. Meier hilft beim Einrichten einer Internet-Seite, zwei Treffen mit Männern gibt es, rund 100 Euro kommen zusammen. Als ein Verwandter der Frau kurz darauf auf die Seite stößt, folgt die Anzeige.

Vor Gericht werden Nachrichten vorgelesen, die über WhatsApp hin und her geschickt worden sind. Und daraus geht hervor, dass Meier die 17-Jährige zwar zu nichts gedrängt, er aber Tipps gegeben hat. Meier räumt ein, dass ihm die ganze Sache entglitten sei, vor allem habe er völlig aus den Augen verloren, dass die Rosenheimerin erst 17 war. Diese bescheinigt dem Angeklagten vor Gericht, dass er sehr hilfsbereit sei. „Ich war neugierig und musste es auch nicht machen", sagt sie.

Als Richter Martin van der Sand fragt, ob sie eine Bestrafung für angemessen halte, sagt sie „nein". „Meine Familie ist da aber ganz anderer Ansicht." Die Anwältin, die die Familie als Nebenklägerin vertritt, und Staatsanwalt Kristoffer Mergelmeyer sehen eine Straftat. „Das umfangreiche Geständnis des Angeklagten ist positiv zu bewerten, aber es reicht, dass er der 17-Jährigen geholfen hat, sich zu prostituieren", sagt Mergelmeyer.

Er fordert eine Freiheitsstrafe von neun Monaten zur Bewährung.
Verteidiger Dr. André Pott plädiert für Freispruch, weil sich die 17-Jährige freiwillig dazu entschieden hatte, sich mit zwei Freiern zu treffen.

Doch Richter Martin van der Sand folgt beiden nicht. „Unter Menschenhandel versteht man etwas anderes, aber der Gesetzgeber hat die Latte sehr niedrig gehängt. Und so kann man zu dem Schluss kommen, dass der Angeklagte sich strafbar gemacht hat – wenn auch in einem minderschweren Fall."

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