Detmold
Wo die Kunst Zuhause ist: Detmolder Pop Art-Künstler verbindet Text und Bild
| von Janet König

Der Detmolder Künstler Ralf Ellers in seinem ganz privaten Atelier. An den Wänden kann man sich kaum satt sehen. - © Janet König
Der Detmolder Künstler Ralf Ellers in seinem ganz privaten Atelier. An den Wänden kann man sich kaum satt sehen. (© Janet König)

Detmold. Wer die Altbauwohnung von Ralf Ellers zum ersten Mal betritt, der wird sich zwangsläufig kurz die Augen reiben müssen. Zu gewaltig sind die Eindrücke für den ungeübten Blick. Dicht an dicht drängen sich hier die Werke des Detmolders an den Wänden. Knapp 100 sind es inzwischen, schätzt er. Kaum ein Zentimeter blitzt noch von der eigentlichen Tapete hervor. Seit 25 Jahren investiert Ralf Ellers viel Zeit und akribische Handarbeit in seine Kunst. Die Bilder sind unverkäuflich. Doch sie sollen gesehen werden.

Ein offenes Museum ist Ralf Ellers Wohnung nicht, dafür ist die Detmolder Kneipe Paraplü schon seit vielen Jahren sein fester Ausstellungsort. Angefangen hat er dort mit einer Wand, inzwischen bestimmen seine Bilder von allen Seiten die Atmosphäre des Ladens. Wer an den Tischen vorbeiläuft, hört ab und an Gäste über Interpretationsansätze diskutieren. Die Möglichkeiten dazu scheinen unbegrenzt. „Es gibt nicht das eine Eureka", sagt der Erzieher. Jede seiner Arbeiten enthält einen prägnanten Satz, den sich der Künstler meist aus popkulturellen Referenzen zieht. „Oft stammt der Text aus Literatur, Musik oder Film", sagt er. Das Grundgerüst für die Bilder entsteht dann per Übertragungstechnik, dafür nutzt Ralf Ellers ein altes Antiskop, mit dem er ausgesuchte Vorlagen an die Leinwand wirft. In mühevoller Handarbeit zeichnet er dann die Konturen ab, bestimmt dabei für jedes Detail direkt, welche Farben er später nutzen will. Zeichnen könne er eigentlich gar nicht, sagt Ralf Ellers über sich selbst. „Ich mache eigentlich nur Malen nach Zahlen. Mit dem Unterschied, dass ich die Zahlen selbst male."

Den letzten Impuls zum Setzkasten, gestückt mit „Kopffüßler"-Puppen, hat Ralf Ellers von seiner Tochter bekommen. - © Janet König
Den letzten Impuls zum Setzkasten, gestückt mit „Kopffüßler"-Puppen, hat Ralf Ellers von seiner Tochter bekommen. (© Janet König)

Die Technik aus der Pop Art findet sich bei ihm in teils fotografischen Arbeiten oder Collagen wieder. Viele seiner Werke erinnern an Plakatkunst, sagt er. „Es gab auch schon Besuch, der dachte, er wär bei einem Plakatsammler gelandet." Neben seinen Bildern arbeitet Ellers vor allem im Sommerurlaub in Serbien an unterschiedlich großen Holzskulpturen, die mal berühmte Persönlichkeiten oder Zyklopen darstellen – oder auch Bösewichte wie Stalin oder Hitler. Oft kommt der Betrachtende ins Grübeln, wenn er sich auf Deutungssuche der abgefahrenen Details macht. „Inhaltlich kann es schon als satirische Provokation beschrieben werden", sagt Ralf Ellers über seine Kunst. In seiner Affenserie legt der Detmolder etwa Schimpansen Sätze in den Mund, die sie an den Menschen richten. Das erste Bild enthält die Botschaft „I’m not your brother" (dt. „Ich bin nicht dein Bruder"). Inzwischen sind aus der Reihe 13 Bilder mit unterschiedlichen Statements erwachsen. „Es ist wie eine politschen Kampagne", sagt Ralf Ellers. Die Inspiration kommt meist zufällig und ist nicht planbar.

Einige Impulse hat Ralf Ellers auch von seiner elfjährigen Tochter Mina bekommen. Etwa als er vor einem Setzkasten saß und darüber nachdachte, wie man zerteilte Puppenkörper richtig einordnen könnte. „Die sehen ja aus, wie die Bilder, die ich male", soll seine Tochter damals gesagt haben. Gemeint waren typisch kindlich gezeichnete „Kopffüßler" – Figuren mit Kopf und Füßen, nur ohne Körper. Schon stand der Plan für das Projekt fest, für das er minuziös allen Puppenköpfen die Haare entfernte. Ralf Ellers nimmt sich viel Zeit für seine Kunst. Jährlich entstehen in etwa vier Bilder und zwei Holzfiguren. Viele seiner Werke sind persönlich, daher auch unverkäuflich. „Die Kontrolle abzugeben und nicht zu wissen, was mit den Bildern passiert, wär für mich unerträglich", sagt Ellers. Dennoch schätzt es der 51-Jährige, wenn er seine Bilder ausstellen und den Menschen zugänglich machen kann. „Am besten sind dafür öffentliche Orte – besser als im Museum." Zuletzt zogen einige Bilder im Schaufenster des leerstehenden Luftballongeschäfts in der Detmolder Innenstadt die Blicke auf sich. Bis der Laden weitervermietet wurde. „Es ist schon irre, wie erstaunt gerade Kinder vor den Holzfiguren stehen."

Ralf Ellers mit einer seiner Skulpturen. Sie gibt es in den verschiedensten Größen und Facetten.  - © Janet König
Ralf Ellers mit einer seiner Skulpturen. Sie gibt es in den verschiedensten Größen und Facetten.  (© Janet König)

Wie viel Aufsehen seine Bilder tatsächlich erregen können, wurde Ralf Ellers bewusst, als neulich zwei Polizisten an seiner Haustür klingelten. Mehrere Anrufer hatten sich bei der Stadt gemeldet, weil im Schaufenster ein vom Kartenspiel „Mix Max" inspiriertes Bild stand, das einen Ausschnitt von Hitlers Gesicht in einer Taucherglocke zeigt. Im Spiel wird eine Figur aus verschiedenen zusammengesetzt. Da Bild stellt den Unterleib des Taucher-Hitlers aus Oktopusarmen dar. „Die Polizisten wiesen mich freundlich drauf hin, dass sie solche Hinweise immer an den Staatsschutz weiterleiten müssten und ob ich das Bild nicht vielleicht doch etwas nach hinten schieben könnte", sagt Ralf Ellers und muss lachen. Übrigens: Die Beamten und auch der Staatsschutz haben das Bild ganz klar als Kunst erkannt. Wie der Künstler das Problem gelöst hat? Er klebte ein Pappschild mit der Aufschrift „1-2-3... Ich komme" auf den umstrittenen Part. Doch jetzt suchen seine Bilder eh einen neuen Ausstellungsort. Wer sein leeres Schaufenster anbieten möchte, kann sich bei Ralf Ellers melden.

Mehr Bilder gibt es im Internet unter ellers-artwork.net zu sehen. Kontakt per Mail: ellers-exit@web.de.

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