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Lesung im Grabbe-Haus

Autor Amir Gudarzi beeindruckt in Detmold mit seinem ersten Roman „Das Ende ist nah“

Detmold. Häufigen Beifall gab es im vollbesetzten Grabbe-Haus einerseits für die Lesung des österreich-iranischen Dramatikers und Autors Amir Gudarzi, andererseits für ihn als Mensch und Person.

In seinem im Herbst 2023 bei dtv erschienenen ersten Roman „Das Ende ist nah“ verarbeitet Gudarzi, Preisträger des Christian-Dietrich-Grabbe-Preises, in der fiktiven Person A. seine eigene äußerst bewegende Biografie, die jenen als Flüchtling vor dem totalitären Regime der Mullahs im Iran nach Österreich führt, ihn von einer Welt in die andere stürzt und auch im vermeintlich sicheren Westen mit Ausgrenzung, Isolation und quasi psychischer Folter konfrontiert.

Dramaturgin baut Brücken zwischen Lesepassagen

Dramaturgin Sophia Lungwitz, die angenehm zurückhaltend moderierte, baute im Dialog mit Amir Gudarzi die Brücken zwischen den verschiedenen Lesepassagen und trug damit erheblich zu einem stringenten Verständnis des „roten Fadens“ bei. Der Autor wiederum beschränkte sich dabei nicht nur aufs Lesen, er erläuterte Hintergründe und Details und vertiefte damit den Eindruck des Gehörten.

Gudarzi, 1986 in Teheran geboren, thematisiert allegorisch den Konflikt zwischen Ost und West und baut seinen Roman nach dem Prinzip eines Hauses in Stockwerken auf. Damit sind unterschiedliche Lebensabschnitte gemeint, bei denen sich schließlich sogar im 4. Geschoss die Sprache verändert. War sie bis dahin sachlich beschreibend, schlägt sie um ins Poetische, wirkt freier und romantischer.

Ausführlich geht Gudarzi zunächst auf seine Jugend ein, in der er schon in seinem Umfeld die blutige Gewalt des Staates gegen die Bevölkerung und vor allem Oppositionelle und Demonstranten bei zahlreichen Unruhen beschreibt.

Auch seine Mutter, in Mexiko geboren, unterwirft sich den Regeln des Regimes und beginnt, den Tschador, den Ganzkörperschleier zu tragen. Im Jahr 2009 geht der Student an der damals einzigen Theaterschule im Iran ins Exil und gelangt nach Österreich. Hier begegnet ihm wiederum Gewalt, doch das auf psychischer Ebene. Als Flüchtling, der offen und heimlich verachtet wird und in Lagern und Heimen nicht nur Einsamkeit und Verzweiflung, sondern auch Hunger und Demütigung ertragen muss, ereilt ihn somit ein weiteres Trauma.

Beängstigung überträgt sich aufs Publikum

Die beängstigende Erfahrung übertrug sich im Grabbe-Haus auch auf das Publikum, sind doch die unwürdigen österreichischen Lebensbedingungen für Flüchtlinge ähnlich gelagert wie in Deutschland. Dass A. in Wien die Studentin Sarah kennenlernt und sich sogar eine Liebesbeziehung entwickelt, verschärft eher seinen inneren Konflikt, denn bei der Einladung zu einem Geburtstag bei einer jüdischen Kommilitonin fühlt er sich vom Mossad verfolgt.

Im letzten Teil, der 4. Etage des Romans, ist die Situation positiver verändert, jedoch für A. immer noch schlimm. Er hat eine Wohnung, ist inzwischen Österreicher, doch in der Einsamkeit kommen in schrecklichen Träumen Bilder hoch. A. ist psychisch erkrankt, die Wahrnehmung hat sich verändert.

Mit dieser beeindruckenden Lesung erreichte Amir Gudarzi das Publikum sowohl sachlich als auch bedrückend emotional und öffnete die Augen für physische und psychische Gewalt als Fluchtursache und im Dasein als Flüchtling.

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