Augustdorf. Er tritt jede Woche vor Tausenden musikbegeisterter Menschen auf - und am Freitagabend auch in seiner früheren Heimat Augustdorf. Tujamo heißt eigentlich Matthias Richter und ist ein international gefragter DJ und Musikproduzent. Die LZ sprach mit dem 37-Jährigen, der bodenständig in Detmold wohnt, über seinen Aufstieg in die erste DJ-Liga, das arbeitsreiche Jet-Set-Leben und seinen Auftritt am Freitagabend. Von Starallüren im Interview keine Spur - Tujamo plaudert am Telefon locker drauflos. Sie sind in Augustdorf aufgewachsen. Wie schafft man es, ein weltweit bekannter DJ zu werden? Tujamo: Ich sag mal so, das war nicht der Plan. Ich war früher eher ein introvertierter Typ, der nicht sagt: Ich will auf die Bühne. Ich habe eher versucht, das zu vermeiden. Aber so ist es ja gekommen. Tujamo: Ich habe meine Kindheit und Jugend in Augustdorf verbracht und Haus an Haus mit Nachbarn gewohnt, wo der Sohn elf Jahre älter als ich war. Aus dessen Fenster kam immer laute Musik - cool, habe ich gedacht. Ich war der kleine, nervige Junge, der bei ihm jeden Tag geklingelt hat. Er hat selbst Musik gemacht und war total offen. Irgendwann hab ich zu meiner Mutter gesagt: Ich brauch das ganze Equipment. Wie ging es dann weiter? Tujamo: Ich habe CDs und Schallplatten vor Raufasertapete gemischt. Dann wurde ich bei einem DJ-Contest angemeldet und wollte eigentlich nicht hin, hab ihn aber gewonnen. Die riefen ein halbes Jahr später bei mir an und wollten, dass ich bei ihnen spiele. Das war an der holländischen Grenze, Champions-League unter den Diskotheken. Im „Index“ habe ich dann fünf Jahre am Stück samstags und sonntags Musik gemacht. Davon hätte ich nicht leben können und habe eine Ausbildung als Feinwerkmechaniker gemacht. Ich habe dann gemerkt, dass mir einen Song selbst zu produzieren, wirklich Spaß macht. „Learning by doing“ war das, schließlich habe ich ja keine musikalische Ausbildung. Über die Jahre wurde das Ergebnis immer besser, und irgendwann kamen Anfragen von Clubs aus ganz Deutschland, dann aus dem Ausland und zur Zusammenarbeit mit anderen DJs. Ihr Leben auf der Überholspur begann? Tujamo: Ich habe mir das über drei Jahre aufgebaut. Es machen ja viele so etwas, schaffen tut es nur einer von Millionen. Bei mir war es Glück und viel Fleiß. Man muss auch wissen, was die Leute hören wollen und wo eine Nische ist. Seit 2013 hatte ich keine Zeit mehr für mich, bin von Brasilien nach Japan geflogen und gefühlt überall gewesen. Wenn Tausende von Menschen einem zujubeln, muss das ein unbeschreibliches Gefühl sein. Wird man süchtig danach? Tujamo: Ich hatte sogar mal 120.000 Leute vor mir stehen. Mittlerweile fühle ich mich auf der Bühne sicher, aber natürlich kann mit dem Drücken eines falschen Knopfes alles auch mal aus sein. Nein, süchtig, denke ich nicht. Aber es macht unglaublich viel Spaß. Wenn man bedenkt, dass ein Song in einem kleinen Raum in Detmold entsteht und ich fliege dann nach Tokio, weil den viele hören wollen... Es beeindruckt mich auch immer wieder, dass die Leute alle Texte können. Ich glaube, wenn mal der Tag kommt, dass alles vorbei ist - das könnte ja auch in zwei Jahren sein - dass ich dankbar sein werde für die schönen Jahre. Sie jetten alle paar Tage durch Europa und darüber hinaus. Wie halten Sie das durch? Tujamo: 250 Flüge jährlich hatte ich mal, inzwischen sind es etwas weniger. Wenn Freunde mit mir mal eine Woche unterwegs sind, sind die hinterher krank. Daran sehe ich, was das mit dem Körper macht. Es ist ein wahnsinnig hohes Level. Ich habe mich daran gewöhnt, selektiere meine Termine aber inzwischen mehr und mache nach jedem Sommer drei Wochen Pause. Besteht bei diesem Pensum nicht auch die Gefahr, einen Burn-out zu bekommen? Tujamo: Dass ich wieder in einen normalen Rhythmus reinkomme, ist wichtig, habe ich gemerkt. Heute versuche ich, wenn ich wieder zu Hause bin, mich durch den Tag zu quälen, um dann abends müde ins Bett zu fallen. Bis ich mir das angewöhnt habe, hat aber Jahre gedauert. Aber ich kann die restliche Zeit dann auch genießen und fahre zum Beispiel gern mit dem Fahrrad durch den Teutoburger Wald. Ganz wichtig ist mir, Familie und Freundschaften zu pflegen. Was lieben Sie an Ihrem Leben, was sind Schattenseiten? Tujamo: Die schönsten Sachen sind, dass ich über die Jahre Menschen auf der ganzen Welt kennengelernt habe und die in gewissen Zyklen immer wiedersehe, ein- bis zweimal im Jahr. Dabei sind gute Freundschaften entstanden. Es ist auch toll, in andere Kulturen einzutauchen, Essen und Leute kennenzulernen. Leider habe ich eigentlich dafür nicht die Zeit, es sei denn, ich kann mal einen Tag dranhängen. Man sieht Flughafen, Hotel, versucht, dort zu schlafen, und dann geht’s zur Bühne. Das ist mit Stress, Druck und Anspannung verbunden. Man lebt mit dem Gefühl, sich eigentlich ins Bett legen zu müssen, muss aber auf die Bühne. Da kommt dann der Adrenalinrausch und es macht Spaß. Das Reisen ist aber immer wieder anstrengend. Wie kam es zu Ihrem Auftritt in Augustdorf? Tujamo: Die Anfrage kam vor über einem Jahr. Ich dachte erst, dass meine Musik vielleicht nicht für jedermann, für das ein Dorffest sein sollte, geeignet ist. Doch man hat mir versichert, dass es Veranstaltungen für verschiedene Zielgruppen sein sollen. Dann hatte ich totale Bedenken, ob überhaupt jemand kommt. Aber die ersten 1500 Tickets gingen ganz schnell weg, und jetzt ist das Konzert ausverkauft. Auf was können sich die Besucher freuen? Tujamo: Ich spiele einen gewissen Anteil an eigenen Songs, die alle erwarten, die mich kennen. Etwa zehn. Mein Steckenpferd, in das ich unglaublich viel Zeit stecke, sind eigene Remixes, bekannte Songs, die jeder wiedererkennt, wenn er sie hört, aber in einer eigenen Version. Das ist ganz anders und macht es spannend. Das sind Songs quer durch alle Musikstile. An was denken Sie, wenn Sie Augustdorf vor Augen haben? Tujamo: Ich habe meine ganze Kindheit und Jugend dort verbracht. Im Alter zwischen 10 und 20 Jahren bin ich in meiner Freizeit exzessiv Skateboard gefahren. Dann war man den ganzen Tag draußen und hat die Schulhöfe abgeklappert. Am Freitagabend werde ich Leute treffen, die nicht wissen, was ich mache und die ich lange nicht gesehen habe. Das macht es für mich am aufregendsten und ist mit viel Vorfreude verbunden. Aber ich habe auch Respekt davor: Man hat immer die Sorge, dass es den Leuten nicht gefällt. Ich glaube aber, dass es ein super Abend wird. Persönlich Tujamo wurde am 18. Januar 1988 in Detmold geboren, wuchs in Augustdorf auf und heißt eigentlich Matthias Richter. Seinen größten Erfolg feierte der DJ und Musikproduzent mit dem Titel Delirious (Boneless), einer Zusammenarbeit mit Steve Aoki, Chris Lake und Kid Ink aus dem Jahr 2014. Die Single erreichte Gold- und Platinstatus in Kanada sowie Goldstatus in den USA und Australien. Neben eigenen Singles veröffentlichte Tujamo zudem zahlreiche Remixe für namhafte Künstler wie Tiesto, David Guetta und Justin Bieber und trat auf Festivals wie dem Airbeat One, New Horizons und Ushuaïa auf.