Bad Salzuflen-Schötmar. Herbert Wagemann sitzt am Küchentisch und schaut in seine Notizen, aber die braucht er fast gar nicht. Der 86-Jährige erinnert sich noch gut an seine Kindheit und Jugend im Haus an der Schlossstraße 19a. Mehr als 20 Jahre lang – bis er 24 Jahre alt war – hat er in dem Hinterhaus gelebt, das ein jüdischer Händler namens Schlom Itzig 1758 gebaut hatte. Bis 1791 war es in jüdischem Besitz. Heute steht das Haus leer und verfällt. Und das, obwohl es nach Ansicht von Experten Seltenheitswert hat: So ist das Haus in unmittelbarer Nähe zum Schloss Stietencron gebaut worden, und das in einer Zeit, in der Juden in anderen Teilen Lippes nicht einmal Grundbesitz haben durften. Was das Haus besonders macht, ist zudem die Haus-Inschrift, die in Deutsch und Hebräisch gehalten ist und sich auf dem Torbogen befindet. „Der einzige Grund, warum die Inschrift die Nazi-Zeit überstanden hat, ist, dass es von der Straße aus nicht zu sehen war", meint Wagemann. Er hat sich nach dem Lesen des LZ-Berichts bei unserer Redaktion gemeldet. „Ich habe von 1938 bis 1959 dort gelebt", erzählt der Rentner. Als Vierjähriger sei er dort mit seinen Eltern und seinen drei jüngeren Schwestern eingezogen. „Unten waren unsere Wohnräume, oben hatte der Hausbesitzer, ein Klempner, eine Werkstatt." Der Klempner habe im Vorderhaus gelebt. Die Räume seien alle nicht sehr groß gewesen. „Ich hatte als einziger ein eigenes Zimmer." Er erinnert sich, dass am hinteren Teil des Hauses ein leerstehender Stall gewesen sei. „Der Teil war schon damals verfallen und auch ein bisschen gruselig", sagt Wagemann. Unter dem Einfluss der Nazi-Propaganda Während des NS-Regimes sei zuhause nicht über Politik gesprochen worden. „Ich komme aus einer sozialistischen Familie und meine Eltern hatten wohl Angst, dass wir uns in der Öffentlichkeit verplappern könnten." Auch er habe unter dem Einfluss der Propaganda gestanden. „Als wir draußen gespielt haben, haben wir gesehen, wie Juden von den Nazis abgeholt worden sind. Das hat uns gar nicht weiter erstaunt. Wir waren dumm und verblendet", sagt er heute. Er erinnert sich, dass er nach dem Krieg Tauben in einem Raum im Obergeschoss gezüchtet hat und dass das Gebäude keine eigene Toilette hatte, sondern man draußen ein Plumpsklo benutzen musste. Mit 24 Jahren zog er aus der Schlossstraße aus, mittlerweile war er Tischler. Gemeinsam mit seiner Frau baute er ein eigenes Haus in Knetterheide. Das Haus, in dem er vom Kind zum Mann wurde, hat er trotzdem nicht vergessen. Noch vor wenigen Tagen sei er dort gewesen: „Es ist schade, dass es so verfällt. Man könnte doch wenigstens versuchen, den Balken mit der Inschrift zu retten."